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Der Papst besucht Kuba : Im Land des verlorenen Glaubens

  • -Aktualisiert am

Der Heimat ganz nah: Ein herzliches Willkommen für den Papst in Havanna Bild: dpa

Der Papst ist unterwegs nach Kuba. Mitten im Alltag des Zerfalls fällt ein Lichtschein der Hoffnung auf die Karibikinsel. Aber wird der Pontifex in dem sozialistischen Staat mehr sehen als potemkinsche Dörfer?

          In sich versunken, kniet die ältere Frau vor dem Altar der Madonna. Sie hat ihre Hände gefaltet und richtet ihren Blick zum lächelnden Gesicht der Mutter Gottes hinauf, auf das blauweiße Gewand und das wallende Haar unter dem Schleier. In der Kirche Unserer Señora del Carmen an der Neptun-Straße in Havanna ist es heiß und schwül. Daran können auch die Ventilatoren nichts ändern. Die Luft riecht nach Staub und Weihrauch. Als sich die Frau erhebt, bettelt sie um Geld. Die Frau lächelt und geht Richtung Ausgang. „Ich warte nicht auf den Papst“, sagt sie. „Kaum einer hier wartet auf ihn; es ist der dritte Papstbesuch, wohl nur eine dritte unerfüllte Hoffnung.“

          Auf der Straße schlägt einem die Stadtluft wie eine heiße Wand entgegen. Die Motoren der Wagen auf den Straßen, die meist dreißig Jahre oder älter sind, ziehen pechschwarze Auspuffwolken hinter sich her. Nicht weit von der Kirche entfernt liegt Abfall auf der Straße. Süßlicher Gestank von verdorbenem Gemüse und Fleisch dringt herüber. Nur weg von hier. „Wollen Sie mitkommen?“ Die Frau trägt eine weiße ärmellose Bluse, einen langen weißen Rock und Gummilatschen an den Füßen. Sie wohnt nicht weit von ihrer Kirche entfernt in der Concordia-Straße. Dort gehört der Familie von Clara di Miguel Diaz ein Haus.

          Gut zwei Millionen Menschen leben in Kubas Hauptstadt Havanna unter meist engen und ärmlichen Verhältnissen. Immer wenn ein Papst kommt, scheint ein Lichtschein der Hoffnung auf die Karibikinsel; aber nach der Abreise hat sich bislang stets der Alltag des Verfalls wieder durchgesetzt. 1998 öffnete Johannes Paul II. Fidel Castros Reich für die Kirche, und die Kubaner durften wieder Weihnachten feiern. 2012 konnte Benedikt XVI. bei Fidels Nachfolger als Staatschef, dessen Bruder Raúl, auch den Karfreitag als Feiertag durchsetzen. Benedikt forderte Freiheit und Menschenrechte. Jetzt will sich Franziskus dafür einsetzen, dass die Kirche wieder eigene Bildungseinrichtungen erhält.

          Eine Amnestie und ein aufgehübschtes Stadtbild

          Wie immer, wenn ein Papst kommt, hat das Regime Inhaftierte amnestiert. Diesmal sollen es mehr als 3000 Menschen sein; aber noch hat sich keiner in Freiheit gemeldet. Es handle sich um Ältere, um gemeine Straftäter und Personen, die bald ohnedies freikämen, heißt es. Wie bei jedem Papstbesuch werden die Straßen gesäubert und die Häuserwände saniert, die der Papst am Wochenende sehen wird. Wieder gehört dazu der große Aufmarschplatz, wo zu den Abbildern der Revolutionshelden Che Guevara und Camilo Cienfuegos ein Jesus-Poster gekommen ist. Aufgehübscht wird auch die Umgebung der Herz-Jesu-Kirche, die der Orden des Papstes, die Jesuiten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten. Im Übrigen dürfen die Benediktiner ein Ordenshaus bauen; und erstmals seit der Revolution wurde die Errichtung zweier neuer Gemeindekirchen genehmigt. Die Altstadtstraßen Neptuno und Concordia sieht der Papst nicht. Dort bleibt alles, wie es ist.

          Alltag des Verfalls in Havanna: Wird der Papst in Havanna auch diese Bilder sehen?

          Señora Clara hält vor einem dreistöckigen Gebäude, das einmal weiß und mit dem Schmuck der Kolonialzeit stuckiert war. Jetzt ist der Bau grau und der Stuck zerbröckelt. Die vergitterte Tür zur Wohnung auf Straßenhöhe ist offen. Dahinter sitzt eine Frau vor einer Nähmaschine: „Meine Tochter Manuela“. Die Tochter ist Näherin, sie wartet auf Kunden: Es sei bald zwölf Uhr, aber noch sei niemand erschienen. Ihre Mutter geht eine steile Stiege hinauf. Die erste Etage ist unbewohnt. Dort sind Wände eingestürzt oder abgebrochen worden. „Hier baut mein Sohn seit Jahren“, sagt Señora Clara mit resignierter Stimme und weist in der nächsten Etage in einen Raum, in dem ein alter Mann im Rollstuhl vor laufendem Fernseher sitzt: „Mein alter Vater.“

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