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Der Papst besucht Kuba : Im Land des verlorenen Glaubens

  • -Aktualisiert am

„Warten auf die Amerikaner“

Als die Castros 1961 das sozialistische Kuba errichteten, war Señor di Miguel Diaz ein wohlhabender Geschäftsmann, der einen amerikanischen Konzern vertrat. Die Vereinigten Staaten belegten Kuba mit einem Embargo, und der Konzern verließ das Land. „Seitdem wartet Vater darauf, dass die Amerikaner wiederkommen“, sagt Señora Clara.

Papst Franziskus will mit seinem Besuch in Havanna die Überwindung des Embargos anstoßen, nachdem Havanna und Washington vor Monaten ihre Beziehungen normalisierten. Über der amerikanischen Botschaft an der Küstenstraße, dem Malecón, weht nun wieder die amerikanische Flagge. Noch aber sind nur das Personal aufgestockt und ein Geschäftsträger angekommen. Über das Embargo wird erst der Kongress in Washington entscheiden, und „solange dort noch Exilkubaner Einfluss haben, wird der Boykott gewiss nicht gekippt“, sagt der Vater von Señora Clara.

Ähnlich sieht das auch der Rabbiner Yoel Cohen, ein in Amerika lebender Enkel von Kuba-Flüchtlingen, der in den Ferien oft in die Heimat der Eltern kommt, um die 120 jüdischen Familien in Havanna zu betreuen. Die Amerikaner wollten zwar gerne in Kuba Geschäfte machen, sagt er, aber „die alte Generation hasst nicht nur den Kommunismus; sie will auch mit diesem Regime niemals die völlige Versöhnung“. Hier wie dort müsse erst eine neue Generation an die Macht kommen. Ob Kuba den Papst freudig erwarte? „Als Unterbrechung im grauen Alltag - ja, aber nicht mehr“, sagt der junge Rabbiner. Nur etwa zwei Prozent der Kubaner seien Kirchgänger. „Die Masse glaubt an nichts mehr!“

„Wir tun so, als ob wir arbeiten“

Mit dem amerikanischen Boykott begann für Familie Miguel Diaz ein langes Darben, das bis heute nicht enden will. Während sich der Vater verbittert vor den Fernseher zurückzog, musste Schwiegertochter Señora Clara die junge Familie mit drei Kindern allein großziehen; ihr Mann kam bei einem Verkehrsunfall früh zu Tode. Tochter Manuela brach ihr Studium ab, fand nie einen Mann und blieb als Näherin zu Hause. Sohn Manuel habe Wirtschaft studiert und arbeite bei der Staatsbank, erzählt Señora Clara, und dann betritt Manuel den Raum: „Der Staat tut so, als ob er uns bezahlt; und wir tun so, als ob wir arbeiten“, sagt der rund vierzig Jahre alte Mann im kurzärmeligen weißen Hemd. Er habe es geschafft, wieder etwas Zement für den Bau der Wohnung unten zu ergattern, sagt er der Mutter. Das soll sie wohl freuen, aber sie fragt: „Willst du wirklich bauen?“ Dann erzählt sie, am liebsten wolle der Sohn mit der Familie auswandern.

Seit 2013 müssen Kubaner bei der Regierung keine Ausreisegenehmigungen mehr beantragen - aber nicht jeder bekommt einen Reisepass. Seitdem sollen 50.000 Kubaner ausgewandert sein. Pass und Ausreisevisum kosten pro Person 1000 Dollar, und auf so viel Geld muss Manuel noch lange warten. Dann kommt der andere Sohn, Alvaro, nach Hause. Er ist Taxifahrer und trägt ein Unterhemd, darunter ist eine Tätowierung auf dem Oberarm zu sehen, offenbar handelt es sich um das Wappen der Familie. Als 2013 der Import von Pkw erlaubt wurde, habe Alvaro zuschlagen wollen. Doch die Importsteuer beträgt das Fünffache des Kaufpreises, und so wartet auch er wie die gesamte Familie, wie ganz Kuba auf das Ende des amerikanischen Embargos. Alvaro fährt den Besucher mit seinem knatternden Oldtimer heim. Er zieht schwarze Abgase hinter sich her. „Auf den Papst wartet hier wohl nur die Kirche und vielleicht die Castros, um in der Welt einen guten Eindruck zu machen“, sagt Alvaro.

Washington lockert Beschränkungen Unmittelbar vor der Reise des Papstes nach Kuba und in die Vereinigten Staaten hat Washington die Beschränkungen für Kuba-Reisen und geschäftliche Aktivitäten in dem kommunistischen Staat weiter gelockert. Es gibt nun keine Obergrenzen für Geldgeschenke an Kubaner mehr. Amerikanische Unternehmer, die Kubas Telekommunikationsnetz ausbauen wollen, dürfen auf der Insel künftig Büros und Lagerhallen betreiben sowie Gemeinschaftsunternehmen mit kubanischen Firmen gründen. Zudem gestattet es die amerikanische Regierung ihren Bürgern, in Kuba Bankkonten zu eröffnen. Softwarefirmen dürfen kubanische Programmierer beschäftigen und deren Produkte importieren. Washington erlaubt nun auch Schiffsreisen nach Kuba. Allerdings scheint Havanna vorerst keine Fährverbindung nach Florida zu wünschen. Amerikanische Touristen ohne Verwandtschaft auf der Insel dürfen ohnehin nicht nach Kuba reisen. Handelsministerin Penny Pritzker sagte, Washington wolle die Entstehung des kubanischen Privatsektors unterstützen. Viele Kubaner, die einen Kleinbetrieb gründen wollen, scheitern daran, dass sie keine Genehmigung ihrer Regierung erhalten. Der Zufluss amerikanischen Geldes dürfte einerseits eine schwer kontrollierbare Dynamik entfalten. Andererseits erhält das Castro-Regime dadurch Devisen, denn es verlangt hohe Steuern und Abgaben. Präsident Barack Obama ist entschlossen, die Regeln so weit zu lockern, wie es ohne Zustimmung des Kongresses möglich ist. Dort gibt es keine Mehrheit für seine Öffnungspolitik. (anr.)

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