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Neuer ukrainischer Präsident : Der Mann, der Selenskyj zur Kandidatur überredet hat

Wolodymyr Selenskyj, ehemals Komiker und nun Präsident Bild: dpa

Lange bevor Wolodymyr Selenskyj ein echter Präsident wurde, war er ein fiktiver: In einer Fernsehserie. Der Berater des neuen Staatsoberhauptes redet nun über seine Verbindung zum Oligarchen Kolomojskyj – und dem TV-Sender, der Selenskyj zum Sieg verhalf.

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          In einem der schönsten Viertel Kiews, nahe am Botanischen Garten und dem Wydubytschi-Kloster mit seinen Zwiebeltürmen, befindet sich in einem neuen Mehrfamilienhaus das, was man derzeit noch als das Hauptquartier des künftigen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj ansehen muss. Hier war die kleine Wahlkampfzentrale des Schauspielers und Medienmanagers, der die Wahl am Sonntag mit 73,2 Prozent gewann. Ein nobler Ort: Arabische Ölstaaten unterhalten in dieser ruhigen Straße ihre Botschaften, eine nagelneue und neobarocke Wohnanlage lockt vermögende Kunden.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Aber das einfache Volk ist schon da: Vor dem Eingang zu Selenskyjs Hauptquartier steht eine Menschentraube und versucht, sich Gehör zu verschaffen. Eine stämmige Frau mit buntem Kopftuch, Männer mit gebräunten Gesichtern und schwieligen Händen. Die Menschen sind mit einem Bus aus dem Ort Obuchiw gekommen und hoffen auf Unterstützung. Schließlich kommt ein Mitarbeiter des Selenskyj-Teams aus dem Haus. Die mit einem Bus angereisten Bittsteller schildern ihr Anliegen.

          „Jeder von uns hat ein Anrecht auf vier Hektar Land“, sagt eine junge Frau, die sich als Juristin vorstellt, „aber dann kam ein Reicher und hat sich das Land unter den Nagel gerissen! Und die Justiz verschleppt die Sache nur!“ Der mit einem nach ukrainischer Art besticktem weißem Trachtenhemd gekleidete Mann aus Selenskyjs Team stimmt ihr zu: „Diese Schweinerei muss gestoppt werden.“ Er bittet um Verständnis, dass man nicht „alle Korrupten“ schon morgen zum Teufel schicken könne. Dann hinterlässt er seine Telefonnummer und bittet, den Kontakt zu halten.

          Der Oligarch und der Strippenzieher

          Es ist nicht die erste Menschentraube, die sich seit der Wahl vor dem Haus versammelt hat. Der Wahlsieger hat sich seit Sonntag mit öffentlichen Auftritten sehr zurückgehalten. Dafür hat nun einer seiner wichtigsten Mitstreiter das Wort ergriffen: Andrij Bohdan. Der Jurist ist eine Schlüsselfigur im Team – und er ist zugleich auch Anwalt des Oligarchen Ihor Kolomojskyj.

          Dessen Fernsehsender 1+1 zeigte bisher die Shows und Serien Selenskyjs und betrieb im Wahlkampf offen Werbung für ihn. Selenskyj wurde deshalb immer wieder unterstellt, er sei eine „Marionette“ Kolomojskyjs, der für besonders ruppige Geschäftsmethoden bekannt ist. Er steht in heftiger Feindschaft zum scheidenden Präsidenten Petro Poroschenko. In dessen reformerischen Anfängen hat er seinen lukrativen Einfluss auf Staatsunternehmen und seine Privat-Bank verloren. Die größte Bank der Ukraine wurde 2016 verstaatlicht, um ihren Zusammenbruch zu verhindern.

          Investigative ukrainische Journalisten bezeichneten diesen Andrij Bohdan, der den reformorientierten Medien „Nowoje Wremja“ und „Ukrainska Prawda“ nun ein langes Interview gegeben hat, als „Kolomojskyjs Mann“ in Selenskyjs Wahlkampfzentrale. Bohdan erzählt in dem Gespräch einiges über den Vorlauf von Selenskyjs Kandidatur und betont seine eigene Rolle dabei. „Ich war einer derjenigen, die ihn dazu überredet haben“, sagt er.

          Die ersten Überlegungen habe es schon 2015 gegeben, nachdem beide lange „philosophische“ Gespräche „über den Krieg, über die Zukunft, über Russland und das, was hier passiert“, geführt hatten. Bohdan war damals Berater Kolomojskyjs, der unmittelbar nach der Revolution zum Gouverneur in seiner Heimatstadt Dnipro ernannt worden war, weil er mit eigenen Mitteln dazu beitrug, Freiwilligenverbände gegen die russische Aggression aufzustellen.

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