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Laif/Polaris

Überall Vorboten des Untergangs

Von CHRISTOPH EHRHARDT
Laif/Polaris

15. Juli 2020 · Der Libanon implodiert. Während Hunger und Angst vor neuem Blutvergießen um sich greifen, bleiben die Schuldigen ihren Gewohnheiten treu.

E r ist umgezogen, ein paar Straßenecken weiter. An der alten Stelle wurde es ihm zu voll. „Auch noch Syrer“, knurrt der untersetzte Mann und macht mit einer widerwilligen Geste deutlich, dass er sie für Diebe hält. Er stellt sich als Abu Arzeh vor: Vater der Zedern. Es ist ein stolzer Name, der Baum ist das Nationalsymbol des Libanons. Es gehe nicht an, dass jemand, der diesen Namen trägt, auf der Straße leben muss, hat jemand neben Abu Arzehs neue Schlafstätte in Beirut geschrieben. Abu Arzeh zeigt erst auf diese Botschaft, dann auf die Zeder, die er sich tätowieren ließ. Die Farbe ist verblichen. Die Not ist groß. Das Land wirkt so kraftlos wie das Grün des Zedernbaumes auf Abu Arzehs Unterarm.

Die Libanesen ächzen unter einer Krise, wie es sie in ihrem Leben noch nicht gegeben hat. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Wert der Landeswährung ist verfallen, die Preise sind explodiert. Die Mittelschicht verarmt, die unteren Schichten leiden Hunger. Über Jahrzehnte hat das Land weit über seine Verhältnisse gelebt. Der Libanon produziert und exportiert kaum etwas, muss nahezu alles importieren, sogar Dinge wie Mehl oder Fleisch. Er funktioniert wie ein Rentenstaat – nur dass es keine Bodenschätze gibt und das Land am Tropf der großen Mehrheit der Libanesen hängt, die im Ausland arbeitet und Geld in die Heimat schickt.

Auflauf an einer Geldwechselstelle in der Hauptstadt Reuters

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