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Kämpfe im Jemen : Ein Krieg mit vielen Akteuren

Ein Mitglied der Separatisten feiert die Eroberung einer Militärbasis in der südjemenitischen Stadt Aden. Bild: EPA

Der Krieg im Jemen tritt mit der Eroberung Adens in eine neue Phase. Das stärkt die Houthi-Rebellen – und erschwert die Wiedervereinigung des Landes.

          Im Jemen bekämpfen sich in einer neuen Runde der Gewalt zwei Akteure, die 2015 angetreten waren, den Vormarsch der proiranischen Houthi-Rebellen zu beenden. Zunächst hatte am vergangenen Mittwoch eine Miliz die Kontrolle über die Hafenstadt Aden übernommen, deren Ziel die Unabhängigkeit vom Nordjemen und die Gründung eines südjemenitischen Staates ist. Dann eroberte am Samstag die Miliz „Security Belt Forces“, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgebildet und bewaffnet worden war, den Präsidentenpalast in Aden, der Sitz wichtiger Regierungsstellen ist. Die saudische Luftwaffe greift daher seit Tagen in Aden ihre früheren Verbündeten im Krieg gegen die Houthis an. Dabei sind nach Angaben der Vereinten Nationen bisher mindestens 40 Menschen getötet und mehr als 260 verletzt worden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Im Präsidentenpalast von Aden hatte sich der legitime, aber machtlose Präsident Abd Rabbo Mansour Hadi während seiner seltenen Besuche im Jemen aufgehalten. Seit ihn die Houthis 2015 aus seinem Amtssitz in der Hauptstadt Sanaa vertrieben hatten, lebt er jedoch überwiegend in Riad. Saudi-Arabien hatte es sich an der Spitze einer Militärkoalition zum Ziel gesetzt, die Houthis zu vertreiben und Hadi wieder als Präsidenten über den ganzen Jemen einzusetzen.

          Unterschiedliche Ziele der Verbündeten

          Wichtigste militärische Verbündete der Saudis waren von Beginn an die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie entsandten eigene Truppen und Söldner und bildeten zudem Jemeniten aus, die sich zu Milizen zusammengeschlossen hatten. Schon in der Frühphase des Kriegs zeigte sich, dass die beiden Verbündeten im Jemen unterschiedliche Ziele verfolgten. So strebt Saudi-Arabien eine Lösung für den ganzen Jemen an und will die Einheit des südlichen Nachbarn sichern. Die Vereinigten Arabischen Emirate erkannten jedoch eine Gelegenheit, ihre Macht bis an den Indischen Ozean auszudehnen. Von Beginn des Krieges an konzentrierten sie sich auf den Südjemen und pflegten Kontakte zum „Südlichen Übergangsrat“. Dessen Mitglieder sahen im Krieg aber die Chance, einen unabhängigen südjemenitischen Staat zu gründen.

          Eine Wendung erfuhr der Krieg, als die Vereinigten Arabischen Emirate am 8. Juli den Rückzug ihrer Truppen und schweren Waffen aus dem Jemen ankündigten. Die Emirate hatten einen höheren Blutzoll zu beklagen als Saudi-Arabien. Zudem hat sich in Abu Dhabi die Erkenntnis durchgesetzt, dass die finanziellen Lasten für einen Krieg, der in einem Patt festgefahren ist, zu hoch sind. Vielmehr sollen die Ressourcen für den Konflikt mit Iran gebündelt werden, der eine höhere Priorität genießt als der Krieg im Jemen.

          Vor allem aber waren die Emiratis im Südjemen zunehmend als Besatzer wahrgenommen worden. Die Menschen gingen in den großen Städten und auf der Insel Sokotra, wo Abu Dhabi einen Militärstützpunkt errichten wollte, gegen die Emirate auf die Straße. Diese erkannten dann, dass sie ihre Ziele ohne Bodentruppen besser erreichen würden. Seit ihrem Rückzug gewann die Unabhängigkeitsbewegung an Momentum, und der „Südliche Übergangsrat“ verhält sich gegenüber Abu Dhabi loyal. An der Spitze des Rats steht der frühere Gouverneur von Aden, Aidarous al Zubaidi. Präsident Hadi hatte ihn 2017 abgesetzt. Seither arbeitet Zubaidi zielstrebig an der Unabhängigkeit vom restlichen Jemen.

          Saudi-Arabien fühlt sich durch diese Entwicklungen vor den Kopf gestoßen. Mit dem Rückzug der Emiratis übernahmen pro-saudische Milizen deren Positionen am Golf von Aden. Saudi-Arabien sieht sich nun jedoch zwei Fronten gegenüber: den Houthi-Rebellen und den südjemenitischen Separatisten. Die saudische Führung benötigt daher nun neue Bodentruppen und neue Kriegsschiffe, um seine Ziele zu erreichen und das Vakuum zu füllen, das die Emiratis hinterlassen haben.

          Die Zivilbevölkerung leidet weiterhin

          Für die jemenitische Zivilbevölkerung bedeutet die neue Phase des Krieges eine Verlängerung des Leidens. Man sei sehr besorgt, dass Zivilisten in ihren Häusern gefangen seien und ihnen Lebensmittel und Wasser ausgingen, sagte am Sonntag die UN-Hilfskoordinatorin für den Jemen, Lise Grande. Der Bürgerkrieg hat das ohnehin ärmste Land in der arabischen Welt nach Angaben der Vereinten Nationen in die schlimmste humanitäre Krise der Gegenwart gestürzt. Fast 80 Prozent der 24 Millionen Einwohner benötigten humanitäre Hilfe und Schutz. Allein in der Hafenstadt Aden arbeiteten derzeit 34 Hilfsorganisationen daran, zwei Millionen Menschen mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen.

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