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Der Kreml und die Wahrheit : Putins Lügen

Zwei Tage später legte die Duma einen Gesetzentwurf vor, der den Anschluss der Krim an die Russische Föderation ermöglichte. Putin kann davon nicht überrascht worden sein. Später, als auf der Krim alles in trockenen Tüchern war, brachte der Präsident mehrere Zehntausend Mann an der Grenze zur Ukraine in Stellung. Die Russen leugneten das. Als es sich nicht mehr leugnen ließ, ordnete Putin laut Kreml-Mitteilung den Rückzug an, und zwar dreimal in acht Wochen – doch nichts geschah.

Kleines Gedankenexperiment: Präsident Obama befiehlt den Rückzug aus Afghanistan, doch nichts geschieht. In Amerika wäre der Teufel los! Gibt es einen Aufstand gegen den Präsidenten im Verteidigungsministerium? Verweigern ihm die Generäle den Gehorsam? Ist der Präsident noch zurechnungsfähig? In Russland hat niemand diese Fragen gestellt. Die Russen können gut damit leben, dass sich zwischen Wort und Tat ihres Oberbefehlshabers eine Kluft öffnet. Warum?

Ein Kollege, der ein paar Jahre in Russland lebte, erzählt, dass russische Freunde ihn öfter erstaunt angesehen hätten, wenn er ihnen berichtete, was andere ihm erzählt hatten. Warum glaubst Du den Leuten, fragten die Freunde dann. Und der Kollege fragte verdutzt zurück: Warum denn nicht? Antwort: Weil es genauso wahrscheinlich ist, dass sie Dich belügen wie dass sie die Wahrheit sagen.

In unseren Ohren klingt das zynisch. Aber in russischen? Schon in sowjetischen Zeiten war öffentliches Lügen an der Tagesordnung. Die größte Zeitung, das Organ der Kommunistischen Partei, hieß Prawda, „Wahrheit“. Den meisten Leuten muss klar gewesen sein, dass sie darin nach Strich und Faden belogen wurden, aber sie nahmen es hin. Alexander Solschenizyn stemmte sich dagegen. Er verfasste einen Appell: „Lebt nicht mit der Lüge!“ Der Schriftsteller verlangte nicht etwa, dass die Leute auf die Straße gehen und die Wahrheit herausschreien. Sie sollten einfach nur aufhören, privat „das zu sagen, was wir nicht glauben“. Die Sowjetunion überlebte den Appell um ein Vierteljahrhundert.

Inzwischen bewundern Russen es sogar, wenn man mit Lügen zum Erfolg kommt. Ein guter Politiker ist einer, der gut lügen kann und sich durchsetzt. Putin kann gut lügen, das hat er beim KGB gelernt. Als Spion war Lügen, Täuschen und Tricksen sein Beruf. Als Präsident beschäftigt Putin eine große Lügen- und Propagandamaschine. Und jetzt kann er es sich sogar leisten, hin und wieder aus der Rolle zu fallen: indem er offen zugibt, dass er gelogen hat. Der Präsident zwinkert seinem Volk zu – und das Volk zwinkert zurück.

In einer anderen Welt?

Vielleicht erklärt sich so auch ein Bericht, der ein paar Wochen nach dem Krim-Referendum auf der Internetseite des vom Präsidenten berufenen Menschenrechtsrats erschien. Der Rat teilte lakonisch mit, dass ein Drittel bis die Hälfte der Krim-Bewohner an der Abstimmung teilgenommen habe. Und von denen wiederum hätten 50 bis 60 Prozent für den Anschluss gestimmt. Dann lag die Zustimmung im schlechtesten Fall bei 15 Prozent, im besten bei 30 Prozent der Bewohner. Zum Vergleich, das offizielle Ergebnis: 82 Prozent Beteiligung, 96 Prozent Zustimmung. Zwinker, Zwinker.

Die Kanzlerin hat zu Obama gesagt, Putin lebe in einer anderen Welt. So ist es. In Putins Welt ist Lügen erlaubt, es ist ein Zeichen von Stärke, von Souveränität. Ein britischer Kolumnist fragte kürzlich: Wie können wir mit einem pathologischen Lügner wie Putin verhandeln? Das wäre in der Tat unmöglich, denn pathologische Lügner können zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden. Doch Putin kann das sehr wohl. Es steht nicht zu befürchten, dass er Opfer seiner eigenen Propaganda wird. Das Problem liegt woanders: Wie soll man mit einem Mann Absprachen treffen, dem es sichtlich Spaß bereitet, sie nicht einzuhalten?

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