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Proteste in Hongkong : „Um ehrlich zu sein, haben wir alle Angst“

Die Polizei befragt Studenten, die die belagerte Universität verlassen haben. Bild: Reuters

Um die Polytechnische Universität Hongkong tobt ein erbitterter Kampf. Die Polizei hat die Demonstranten eingekesselt, eine Deeskalation der Lage ist nicht in Sicht.

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          Am Morgen wandte sich der Präsident der Polytechnischen Universität an die rund fünfhundert Aktivisten, die sich auf dem Campus seiner Hochschule verschanzt hatten. Er habe mit der Polizei eine „zeitweilige Einstellung des Einsatzes von Gewalt“ vereinbart, sagte Jin-Guang Teng in einem Video, das er im Internet verbreitete. Voraussetzung sei aber, dass auch von den Aktivisten keinerlei Gewalt mehr ausgehe. Sie sollten den Campus kampflos verlassen, und er persönlich werde sie zur Polizei begleiten, „um sicherzustellen, dass euer Fall fair behandelt wird“, las Jin-Guang Teng von einem Blatt ab. Im pro-demokratischen Lager wurde er heftig dafür kritisiert, dass er nicht persönlich zur Hochschule gekommen war, um vor Ort sicheres Geleit für seine Studenten auszuhandeln.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Bis zum Abend folgte jedenfalls keiner der Aktivisten der Aufforderung des Hochschulpräsidenten. Dutzende versuchten vergeblich, vom Campus zu fliehen, den die Polizei seit Sonntagabend umstellt hatte. Viele Flüchtende wurden festgenommen, ihnen drohen Haftstrafen von bis zu zehn Jahren wegen Beteiligung an einem „Aufruhr“. Andere zogen sich nach massivem Tränengasbeschuss wieder auf das Gelände zurück. Doch in mehreren Fällen waren die Fluchtversuche erfolgreich. Am Abend gelang es zum Beispiel mehreren Aktivisten, sich mit einem Schlauch auf eine Brücke unterhalb des Campus abzuseilen, wo sie von wartenden Motorradfahrern aufgenommen wurden. Andere konnten über nahe gelegene Gleise entkommen.

          Ultimatum der Polizei

          Am Sonntagabend hatte die Polizei mit der gewaltsamen Räumung der seit Tagen besetzten Universität begonnen. Zunächst stellte sie allen Anwesenden ein Ultimatum. Jeder, der den Campus und die Barrikaden auf der Straße davor nicht verlasse, laufe Gefahr, wegen Aufruhrs angeklagt zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Sicherheitskräfte allerdings schon alle Zugangswege abgesperrt, so dass ein großer Teil derer, die sich freiwillig zurückzogen, ebenfalls festgenommen wurde. Ausgenommen waren lediglich akkreditierte Reporter und professionelle Sanitäter. Freiwillige Erste-Hilfe-Kräfte, wie es sie seit Wochen bei jedem Protest gibt, wurden nicht verschont. In den frühen Morgenstunden drangen die Polizisten kurzzeitig auf das Gelände der Hochschule vor. Ein Livestream-Video zeigte, wie sie eine Krankenstation auf dem Campus betraten und Sanitäter sowie Verletzte festnahmen. Daraufhin entzündeten die Aktivisten große Feuer, die die Beamten offenbar zum Rückzug zwangen.

          Die Polizei bekräftigte am Montag ihre Drohung, notfalls scharfe Munition gegen die Besetzer einzusetzen. Ein Sprecher rief sie auf, ihre Waffen, vor allem Brandbomben, Pfeil und Bogen sowie Steine, abzugeben und sich zu stellen. Die Einsatzkräfte versuchten zunächst nicht, das Gebäude zu stürmen. Stattdessen zogen sie einen Belagerungsring um die Hochschule, in der die Eingeschlossenen vermutlich höchstens wenige Tage ausharren könnten. Der Vorsitzende der lokalen Studentenvereinigung sagte dem Sender RTHK in einem Telefoninterview, es gebe nur noch begrenzte Essensvorräte.

          Schlechte Versorgungslage

          Zahlreiche soziale Gruppen wie Kirchen- und Gewerkschaftsvertreter appellierten an die Polizei, die Eingeschlossenen ziehen zu lassen oder eine Versorgung mit Wasser, Medikamenten und Nahrung zu erlauben. Nach Angaben der Hochschulleitung wurde einem Team des Roten Kreuzes Zugang gewährt. Angehörige und Freunde der eingeschlossenen Aktivisten veranstalteten einen Sitzstreik und forderten einen Gewaltverzicht der Polizei. Die Direktoren von 29 Schulen teilten mit, dass sich einige ihrer Schüler auf dem Gelände befänden. Sie verlangten ein Gespräch mit Regierungschefin Carrie Lam, medizinische Versorgung und freies Geleit für ihre Schüler.

          Carrie Lam zeigte am Montag allerdings kein Mitgefühl für die teils verletzten und verzweifelten Aktivisten auf dem Campus. Stattdessen besuchte sie einen Polizisten, der am Sonntag von einem Pfeil am Unterschenkel getroffen worden war, den ein Bogenschütze von dem höher gelegenen Campus aus abgeschossen hatte. Sie sei von dem Mut und dem Pflichtgefühl des Beamten beeindruckt, schrieb sie auf Twitter und forderte die eingeschlossenen Studenten auf, den Anweisungen der Polizei zu folgen.

          Am Dienstag hat Lam ihre Hoffnung auf eine friedliche Lösung bei der anhaltenden Belagerung der Universität ausgedrückt. Sie sagte, dass sie die Polizei angewiesen habe, mit der Situation „menschlich“ umzugehen. Weiterhin rief sie zur Beendigung aller Gewalt vor der für Sonntag geplanten Kommunalwahl auf.

          „Wir wollen sie retten“

          Den ganzen Tag über verwüsteten Tausende vermummter Aktivisten die Straßen rund um die Polytechnische Universität. Sie wollten ihrer Wut über die Belagerung Ausdruck verleihen, aber vor allem wollten sie Polizeikräfte binden, um den Eingeschlossenen eine Flucht zu erleichtern. „Die Studenten sind in Gefahr, und wir wollen sie retten“, sagte eine junge Frau, die in der Jordan Road Pflastersteine aus dem Gehsteig herausriss und sie auf die Straße warf, damit dort keine Autos mehr fahren konnten. Hunderte andere taten es ihr gleich.

          Die Jordan Road ist normalerweise eine belebte Einkaufsmeile, doch am Montag sah es dort aus, als wäre ein Taifun über sie hinweggefegt. Steine und lange Bambusstangen lagen überall verstreut. Die meisten Geschäfte hatten ihre Eingänge verrammelt. Ein Starbucks-Café wurde vollkommen verwüstet. Der Autoverkehr in diesem Teil der Stadt kam zum Erliegen. Große Gruppen von Vermummten zogen mit Brandbomben bewaffnet durch die Straßen und lieferten sich Gefechte mit der Polizei. Durch die Häuserschluchten zogen Tränengasschwaden. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde wurden bei den Auseinandersetzungen 116 Personen verletzt, vier davon schwer.

          Was ist Recht, was Unrecht?

          Die Aktionen der jungen Leute wirkten ziellos und ohnmächtig. Viele sagten, sie wüssten nicht, was sie sonst für die Eingeschlossenen tun könnten. Ein 26 Jahre alter Aktivist, der sich als Peter vorstellte, gestand ein, dass er über die zunehmende Gewalt in den eigenen Reihen besorgt sei. „Die Leute sind wütend auf die Polizei, sie wollen Rache“, sagte er. Er selbst sei verwirrt, in Hongkong sei es inzwischen schwer zu sagen, was Recht und was Unrecht sei. Innerhalb der Protestbewegung gebe es aber niemanden, der den Militanten Einhalt gebieten könne. „Nur die Regierung kann eine Deeskalation herbeiführen. Carrie Lam muss zurücktreten“, sagte er. Es gebe viele, die sich nach einer Beruhigung sehnten. „Das hier ist für alle sehr schmerzhaft.“ Am späten Abend zogen Tausende nicht vermummte Demonstranten friedlich in Richtung der Polytechnischen Universität.

          Der Verwaltungschef der Regierung, Matthew Cheung, sagte auf einer Pressekonferenz, es gehe der Bewegung inzwischen „um die Zerstörung Hongkongs“. Mit der Besetzung der Universität sowie anderer Hochschulen ist die Protestbewegung in den vergangenen Tagen von ihren eigenen Grundsätzen abgewichen. „Sei Wasser“ lautete bislang die Strategie. Das bedeutete auch, nicht über einen längeren Zeitraum Territorium zu besetzen, um kein leichtes Ziel für Polizeiaktionen abzugeben. Neben der symbolischen Bedeutung der Universität war sie für die Aktivisten auch wegen ihrer Lage von strategischer Relevanz. Von hier aus hielten sie die Blockade des Cross-Harbor-Tunnels aufrecht, indem sie verhinderten, dass Aufräumtrupps sicher in den Tunnel gelangen konnten, um die Straße von Barrikaden freizuräumen. Der Tunnel ist eine von nur drei Straßenverbindungen zwischen der Insel Hongkong und dem Festland der Sonderverwaltungszone. Die Blockade des Tunnels hatte es vielen Hongkongern erheblich erschwert, zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen.

          China droht den Hongkonger Aktivisten

          Die chinesische Führung drohte den Aktivisten am Montag: Niemand solle die Entschlossenheit der Zentralregierung unterschätzen, die nationale Souveränität und Einheit zu verteidigen. Zahlreiche prominente Stimmen in China forderten ein hartes Vorgehen der Polizei. Der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“, Hu Xijin, äußerte auf Twitter, „der Polizei sollte erlaubt werden, scharfe Munition einzusetzen“. Der prominente Blogger Ren Yi schrieb auf Weibo: „Wenn die Hongkonger Polizei die schwarze Jugend nicht den Preis für ihre kriminellen Handlungen bezahlen lässt, wird sie ihnen das Gefühl geben, dass sie über dem Gesetz stehen. Dann wäre die Hongkonger Polizei der Trainingspartner der schwarzen Jugend.“

          In Hongkong soll ein Polizist nach Angaben von Aktivisten gesagt haben: „Wir wollen eine Wiederholung des 4. Juni.“ Am vierten Juni 1989 hatte die Volksbefreiungsarmee in Peking die Studentenproteste vom Tiananmen-Platz blutig niedergeschlagen. Ob die Worte so tatsächlich gefallen sind, ließ sich nicht überprüfen. In jedem Fall hatten viele der jungen Leute, die am Montag auf den Straßen demonstrierten, den 4. Juni vor Augen. Einer drückte es so aus: „Um ehrlich zu sein, haben wir alle Angst.“

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