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Proteste in Hongkong : „Um ehrlich zu sein, haben wir alle Angst“

„Wir wollen sie retten“

Den ganzen Tag über verwüsteten Tausende vermummter Aktivisten die Straßen rund um die Polytechnische Universität. Sie wollten ihrer Wut über die Belagerung Ausdruck verleihen, aber vor allem wollten sie Polizeikräfte binden, um den Eingeschlossenen eine Flucht zu erleichtern. „Die Studenten sind in Gefahr, und wir wollen sie retten“, sagte eine junge Frau, die in der Jordan Road Pflastersteine aus dem Gehsteig herausriss und sie auf die Straße warf, damit dort keine Autos mehr fahren konnten. Hunderte andere taten es ihr gleich.

Die Jordan Road ist normalerweise eine belebte Einkaufsmeile, doch am Montag sah es dort aus, als wäre ein Taifun über sie hinweggefegt. Steine und lange Bambusstangen lagen überall verstreut. Die meisten Geschäfte hatten ihre Eingänge verrammelt. Ein Starbucks-Café wurde vollkommen verwüstet. Der Autoverkehr in diesem Teil der Stadt kam zum Erliegen. Große Gruppen von Vermummten zogen mit Brandbomben bewaffnet durch die Straßen und lieferten sich Gefechte mit der Polizei. Durch die Häuserschluchten zogen Tränengasschwaden. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde wurden bei den Auseinandersetzungen 116 Personen verletzt, vier davon schwer.

Was ist Recht, was Unrecht?

Die Aktionen der jungen Leute wirkten ziellos und ohnmächtig. Viele sagten, sie wüssten nicht, was sie sonst für die Eingeschlossenen tun könnten. Ein 26 Jahre alter Aktivist, der sich als Peter vorstellte, gestand ein, dass er über die zunehmende Gewalt in den eigenen Reihen besorgt sei. „Die Leute sind wütend auf die Polizei, sie wollen Rache“, sagte er. Er selbst sei verwirrt, in Hongkong sei es inzwischen schwer zu sagen, was Recht und was Unrecht sei. Innerhalb der Protestbewegung gebe es aber niemanden, der den Militanten Einhalt gebieten könne. „Nur die Regierung kann eine Deeskalation herbeiführen. Carrie Lam muss zurücktreten“, sagte er. Es gebe viele, die sich nach einer Beruhigung sehnten. „Das hier ist für alle sehr schmerzhaft.“ Am späten Abend zogen Tausende nicht vermummte Demonstranten friedlich in Richtung der Polytechnischen Universität.

Der Verwaltungschef der Regierung, Matthew Cheung, sagte auf einer Pressekonferenz, es gehe der Bewegung inzwischen „um die Zerstörung Hongkongs“. Mit der Besetzung der Universität sowie anderer Hochschulen ist die Protestbewegung in den vergangenen Tagen von ihren eigenen Grundsätzen abgewichen. „Sei Wasser“ lautete bislang die Strategie. Das bedeutete auch, nicht über einen längeren Zeitraum Territorium zu besetzen, um kein leichtes Ziel für Polizeiaktionen abzugeben. Neben der symbolischen Bedeutung der Universität war sie für die Aktivisten auch wegen ihrer Lage von strategischer Relevanz. Von hier aus hielten sie die Blockade des Cross-Harbor-Tunnels aufrecht, indem sie verhinderten, dass Aufräumtrupps sicher in den Tunnel gelangen konnten, um die Straße von Barrikaden freizuräumen. Der Tunnel ist eine von nur drei Straßenverbindungen zwischen der Insel Hongkong und dem Festland der Sonderverwaltungszone. Die Blockade des Tunnels hatte es vielen Hongkongern erheblich erschwert, zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen.

China droht den Hongkonger Aktivisten

Die chinesische Führung drohte den Aktivisten am Montag: Niemand solle die Entschlossenheit der Zentralregierung unterschätzen, die nationale Souveränität und Einheit zu verteidigen. Zahlreiche prominente Stimmen in China forderten ein hartes Vorgehen der Polizei. Der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“, Hu Xijin, äußerte auf Twitter, „der Polizei sollte erlaubt werden, scharfe Munition einzusetzen“. Der prominente Blogger Ren Yi schrieb auf Weibo: „Wenn die Hongkonger Polizei die schwarze Jugend nicht den Preis für ihre kriminellen Handlungen bezahlen lässt, wird sie ihnen das Gefühl geben, dass sie über dem Gesetz stehen. Dann wäre die Hongkonger Polizei der Trainingspartner der schwarzen Jugend.“

In Hongkong soll ein Polizist nach Angaben von Aktivisten gesagt haben: „Wir wollen eine Wiederholung des 4. Juni.“ Am vierten Juni 1989 hatte die Volksbefreiungsarmee in Peking die Studentenproteste vom Tiananmen-Platz blutig niedergeschlagen. Ob die Worte so tatsächlich gefallen sind, ließ sich nicht überprüfen. In jedem Fall hatten viele der jungen Leute, die am Montag auf den Straßen demonstrierten, den 4. Juni vor Augen. Einer drückte es so aus: „Um ehrlich zu sein, haben wir alle Angst.“

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