https://www.faz.net/-gpf-8j1oe

Terror in Saudi-Arabien : Nicht einmal das Grab des Propheten ist dem IS heilig

Aus diesem Grund lehnte er die als übertrieben empfundene Verehrung Muhammads ebenso ab wie auf den Friedhöfen die Verehrung der Heiligen und deren Gräber. Das sei „Polytheismus“ (schirk) und somit der größte Frevel gegen das Bekenntnis zur Einheit Allahs, urteilte Ibn Abdalwahhab. Eine „unerlaubte Neuerung“ (bidaa) war ihm sogar, wenn bekannt war, wo ein Leichnam bestattet wurde. Saudische Könige werden daher bis heute an einem unbekannten Ort in der Wüste beigesetzt.

Bereits zu Lebzeiten von Ibn Abdalwahhab wurden Gräber zerstört. So hatte er selbst veranlasst, dass das Grab des Prophetengenossen Zaid Ibn al Chattab, der 633 in Zentralarabien starb, und die darüber gebaute Moschee zerstört werden. Er begründete seinen Vandalenakt damit, dass Grab und Moschee Pilger angezogen hätten.

Ein Politikum wurde die Zerstörung von Gräbern aber erst, als das die vom wahhabitischen Islam beseelten Krieger des Hauses Al Saud das in den Jahren 1803 bis 1805 sowie 1924 und 1925 auch an heiligen Stätten wie Mekka und Medina sowie im südirakischen Karbala praktizierten, wo der dritte Imam der Schiiten begraben liegt, Ali. Innerhalb des sunnitischen Islams regte sich massiver Widerstand gegen den neuen wahhabitischen Islam, als Saudis und Wahhabiten kurz nach ihrer ersten Eroberung von Medina das Grab von Muhammad plünderten.

Plünderung löste Diskussion in der sunnitischen Welt aus

Einige Historiker datieren das Ereignis auf das Jahr 1806, andere auf das Jahr 1809. Quellen waren damals Pilger, die aus der ganzen islamischen Welt nach Mekka und Medina pilgern wollten, von den neuen Machthabern dort aber daran gehindert wurden. Sie berichteten, dass wahhabitische Eiferer das Grab geöffnet hätten und dass sie die Wertgegenstände – darunter Edelsteine und Gold – als Beutegut an sich gerissen und auch verteilt hätten. Die Frevler hätten ihre Untat damit gerechtfertigt, dass Muhammad dieser Gaben als Lebender nicht bedurft habe und danach auch nicht als Toter im Jenseits .

Die Plünderung des Prophetengrabs, also jenes Ort, dem der Terroranschlag galt, hatte damals in der sunnitischen Welt eine lebhafte Diskussion ausgelöst, ob diese Wahhabiten überhaupt Muslime sein könnten – ebenso wie heute die meisten Muslime in Abrede stellen, dass sich die Kämpfer des IS noch auf dem Boden des Islams befänden. Lange hatte Plünderung des Prophengrabs der Anerkennung Wahhabiya durch den sunnitischen Islam im Wege gestanden.

Nicht geringer als bei der Grabesplünderung von Medina waren die Klagen über die Zerstörungen an den Gräbern und den Bauten über diesen durch die Wahhabiten. So haben sie 1926 in Medina den wichtigsten Friedhof für die Schiiten, al Baqi, überhaupt zerstört. Bereits bei der ersten Eroberung von Mekka und Medina wurden dort von 1803 bis 1805 alle Grabkuppeln auf den Gräbern zerstört. Ob sich unter ihnen auch das Grab des Propheten befunden hatte, darüber schwiegen sich die Historiker aus.

1926 jedoch, als al Baqi abermals eingeebnet wurde, soll der spätere König Abdalaziz Al Saud seine Eiferer daran gehindert haben, Hand auch an der Prophetenmoschee anzulegen. Nachdem er die Arabische Halbinsel erobert hatte, musste er nun Rücksichten auf andere nehmen. Der IS aber, das zeigt der Angriff gegen die Prophetenmoschee, kehrt zu den Ursprüngen der Wahhabiya zurück.

Weitere Themen

„Er ist durchgefallen“

Kritik an Johnson : „Er ist durchgefallen“

Nachdem er seinen Chefberater trotz Lockdown-Verstöße verteidigt hatte, richtet sich die öffentliche Wut nun gegen Boris Johnson. Der britische Premierminister versucht, die Affäre möglichst kleinzureden.

Topmeldungen

Hassfigur von Verschwörungstheoretikern: Microsoft-Gründer Bill Gates

Bill Gates : Die Hassfigur

In der Anfangszeit wurde Bill Gates als Held der Corona-Krise gefeiert. Dann kam der Mob: Jetzt findet sich der Milliardär inmitten von Verschwörungstheorien wieder. Die Anschuldigungen sind abenteuerlich.
Vorsichtiger Spaß: In der Kita in Westerburg gelten auch Corona-Vorschriften.

Kitas öffnen wieder : Betreuter Ausnahmezustand

Langsam öffnen die Kitas wieder. Das wird von Kindern und Eltern herbeigesehnt. Doch wie soll das praktisch funktionieren? Vielerorts ist man verärgert über die politischen Vorgaben.
Bei „Anne Will“ diskutierten die Studiogäste über eine hochspannende Frage: Wie sollen die milliardenschweren Finanzspritzen investiert werden?

TV-Kritik „Anne Will“ : Wohin mit dem ganzen Geld?

Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, ob die Milliarden gegen die Corona-Krise richtig investiert werden. Hätte sie in der Sendung ein Phrasenschwein aufgestellt – die Rettungspakete wären gegenfinanziert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.