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Der Fall Strauss-Kahn : Als Märtyrer zum Königsmacher

Strauss-Kahn und seine Frau Anne Sinclair am Samstag in New York Bild:

Ob Strauss-Kahn doch noch bei den französischen Präsidentschaftswahlen kandidiert, ist ungewiss. Sicher aber wird er Einfluss darauf nehmen, wer Sarkozy herausfordert. Die Franzosen wollen „DSK“ jedenfalls viel verzeihen.

          3 Min.

          Die Freiheit schmeckt italienisch. Dominique Strauss-Kahn beging seinen ersten Abend ohne elektronische Fußfessel in einem Restaurant der Upper East Side Manhattans mit Pasta zu Trüffeln und ließ sich Wein aus seiner französischen Heimat munden. Grund genug, mit seiner nibelungentreuen Ehefrau Anne Sinclair anzustoßen, hat der 62 Jahre alte Sozialist nach der überraschenden Wende in seinem Strafverfahren allemal. Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin hatten das Gericht in New York am Freitag bewogen, den wegen Vergewaltigung und sexueller Aggression angeklagten Franzosen aus dem Hausarrest zu entlassen und die Kaution aufzuheben. Dominique Strauss-Kahn darf allerdings bis zum nächsten Gerichtstermin am 18. Juli das amerikanische Staatsgebiet nicht verlassen; sein Pass wurde von den amerikanischen Justizbehörden einbehalten.

          Michaela Wiegel
          (mic.), Politik

          Der „glückliche Donnerschlag“, wie es der sozialistische Abgeordnete Pierre Moscovici formulierte, könnte von einem politischen Comeback Strauss-Kahns künden. Das hoffen zumindest all jene Sozialisten, die in den Lügen des Zimmermädchens ein Vorzeichen für eine rasche Einstellung des Strafverfahrens sehen. Das Sensationsblatt „New York Post“ meldete am Sonntag, das aus Guinea stammende Zimmermädchen habe gelegentlich als Prostituierte im Hotel Sofitel gearbeitet. Der französische Anwalt Strauss-Kahns, Jean Veil, war einer der wenigen, der am Wochenende vor übereilten Schlussfolgerungen warnte. Der Sohn der früheren Ministerin und Europaparlamentspräsidentin Simone Veil sagte, auch wenn er die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr seines Mandanten nach Frankreich teile, müsse die amerikanische Justiz ihren Gang nehmen. Strauss-Kahn werde sich erst äußern, wenn er wieder auf französischem Boden stehe.

          Wird Strauss-Kahn nun zum Königsmacher?

          Doch die sozialistischen Parteigranden haben nach den Neuigkeiten aus New York längst einen Wettstreit um die Rehabilitierung ihres gefallenen Umfragefavoriten begonnen. Die Parteivorsitzende Martine Aubry, die sich nach langem Zögern zu einer Kandidatur bei den sozialistischen Vorwahlen durchgerungen hatte, wollte sich noch am Sonntagabend im staatlichen Fernsehen äußern. Sie schickte ihrem Auftritt schon Worte der Erleichterung voran und kritisierte scharf jene, die den Sozialisten aufgrund der Strauss-Kahn-Verwerfungen das Zertifikat des moralischen Lehrmeisters entzogen hatten. Die Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ wollte gleichwohl erfahren haben, dass Frau Aubry nicht ernsthaft mit einer Präsenz Strauss-Kahns im sozialistischen Vorwahlkampf rechne. Nach den Strapazen des Strafverfahren ziehe es „DSK“, wie er in Paris genannt wird, nicht in die (Wahl-)Kampagne, sondern zur Erholung aufs Land („la campagne“), hieß es. Vielmehr werde Strauss-Kahn als Königsmacher auftreten, dessen Empfehlung die Vorwahlen entscheiden könne.

          Mögliche Kandidaten: (von links) Strauss-Kahn, Hollande, Royal - hier bei einer Wahlkampfveranstaltung im Mai 2007
          Mögliche Kandidaten: (von links) Strauss-Kahn, Hollande, Royal - hier bei einer Wahlkampfveranstaltung im Mai 2007 : Bild: AFP

          Am Vorwahlkalender werde jedenfalls festgehalten, hieß es bisher im Parteisitz der Sozialisten. Dabei diskutieren zwei der wichtigsten Kandidaten, François Hollande und Ségolène Royal, schon aufgeregt über eine Verlängerung der Abgabefrist für die Bewerber. Eigentlich müssen sich die Kandidaten für die sozialistischen Vorwahlen bis spätestens zum 13. Juli eingeschrieben haben. „Über eine Verlängerung dieser Frist lasse ich mit mir reden“, sagte Hollande. Auch Ségolène Royal äußerte, sie habe dagegen nichts einzuwenden, wenn Strauss-Kahn von allen Vorwürfen reingewaschen zurückkehren wolle. Hollande kann aber das Unbehagen nicht verbergen, das ein Comeback des IWF-Generaldirektors in ihm weckt. Er hat seinen Vorwahlkampf auf seinen Ruf als „normaler Kandidat“ aufgebaut und sich vom „dekadenten“ Lebensstil Strauss-Kahns und Präsident Sarkozys gleichermaßen distanziert. Diese Kommunikationsstrategie droht zusammenzubrechen, sollte Strauss-Kahn im Stile eines politischen Märtyrers nach Frankreich zurückkehren.

          Mehrheit der Franzosen für politisches Comeback

          Fast jeder zweite Franzose wünscht laut einer ersten, im „Le Parisien“ erschienen Umfrage, dass sich „DSK“ um das höchste Staatsamt bewirbt. Unter den befragten Sozialisten sprechen sich gar 65 Prozent für ein politisches Comeback aus. Obwohl die Toleranzschwelle für sexuellen Missbrauch im Zuge der Debatte über den Fall gesunken ist, scheint ein Großteil der Franzosen bereit, dem 62 Jahre alten Sozialisten von neuem die Tauglichkeit für höchste Staatsaufgaben auszustellen. Und schon meldet sich auch der unvermeidliche Intellektuelle Bernard Henri Lévy zu Wort, der für sein frühes Plädoyer für „DSK“ viel Kritik von Frauenverbänden geerntet hatte. Lévy vergleicht die Zurschaustellung Strauss-Kahns durch die amerikanische Justiz mit der Periode des Terrors unter Robespierre nach der Französischen Revolution. DSK sei unfreiwillig als „Symbol des arroganten Frankreich“ abgestraft worden. Das Zimmermädchen hingegen sei als Allegorie auf das Schicksal aller geschlagenen Frauen, der Armen und Unterdrückten dieser Welt moralisch überhöht worden.

          Auch die Wortführer einer Verschwörungstheorie ergreifen mit erstarkter Stimme das Wort. Der sozialistische Abgeordnete François Loncle verlangte, endlich die „französischen Komplizen“ des Zimmermädchens aufzuspüren, die Strauss-Kahn im Hotel Sofitel eine Falle gestellt hätten. Er sprach von zwielichtigen Verbindungen zwischen der französischen Accor-Gruppe, die das Sofitel besitzt, und der New Yorker Hotelleitung. „Und wenn alles in Paris eingefädelt wurde?“, fragte Loncle.

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