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Türkei gegen Amerika : Unseren Pastor gegen euren Pastor

Geiselnahmen als außenpolitisches Mittel: Recep Tayyip Erdogan, Donald Trump beim Nato-Gipfel am 11. Juli in Brüssel Bild: Reuters

Die Regierung in Ankara versucht, Geiselnahmen als außenpolitisches Mittel zu etablieren – doch im Fall des inhaftierten amerikanischen Pastors könnte das misslingen. Amerika und die Türkei steuern schwierigen Zeiten entgegen.

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          Nach dem Nato-Gipfel am 12. Juli in Brüssel hatte noch Zuversicht geherrscht, wenn auch vornehmlich auf Indizienbeweise gestützt. Einige Kolumnisten in der Türkei führten die „positive Körpersprache“ an, die zwischen dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinem amerikanischen Gegenpart Donald Trump geherrscht habe, als die beiden Männer sich in Belgiens Hauptstadt trafen. Andere wollten gar wissen, Trump habe über Erdogan gesagt: „Ich mag diesen Typen.“ Nun weiß man zwar inzwischen, dass das, was Trump unmittelbar nach einer Begegnung sagt – und möge sie auch noch so „great“ gewesen sein –, nicht unweigerlich 48 Stunden später noch gelten muss.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch war zumindest in der Türkei nach dem Brüsseler Nato-Gipfel nicht selten die Ansicht zu hören, dass die türkisch-amerikanischen Beziehungen künftig wieder in ruhigere Fahrwasser gelangen würden. Schließlich hat Erdogan bei der Wahl am 24. Juni sein Lebensziel erreicht und sich zum Oberhaupt einer Präsidial-Türkei wählen lassen – er kann jetzt voraussichtlich für den Rest seines Lebens regieren und ist einstweilen nicht mehr darauf angewiesen, für ein paar Prozentpunkte zusätzlicher Popularität daheim außenpolitisch Krach zu schlagen. Und Trump habe schließlich ebenfalls ein Interesse daran, die Türkei als wichtigen Partner in der Nato bei der Stange zu halten.

          So weit die Theorie. Partiell erschüttert, wenn auch noch nicht vollständig widerlegt, wurde sie erstmals wenige Tage nach dem Brüsseler Treffen. Am 18. Juli stand in der westtürkischen Metropole Izmir der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den amerikanischen Pastor Andrew Brunson an. Im Verfahren gegen den seit Oktober 2016 inhaftierten Amerikaner offenbart sich die „unabhängige türkische Justiz“ in ihrer ganzen Pracht. Brunson, der mit seiner Frau seit mehr als 20 Jahren in der Türkei lebt, war im Oktober 2016 unter der Anschuldigung verhaftet worden, in seiner kleinen Kirchengemeinde Terrorpropaganda betrieben und den Putschversuch des Militärs im Juli jenes Jahres unterstützt zu haben. Die Staatsanwaltschaft fordert 35 Jahre Haft. Doch irgendetwas, was auch nur entfernt als Beweis gelten könnte, hat sie bisher nicht vorgelegt. Die Argumentation der türkischen Staatsanwaltschaft ist bestenfalls eigentümlich. Als Zeuge bietet die Anklage unter anderen einen zum Christentum konvertierten Türken auf, der auf drei von Brunson im Gottesdienst verteilten Bibeln die Buchstaben „PKK“ entdeckt haben will, also das Kürzel für die kurdische Terrororganisation, die sich ausgeschrieben „Arbeiterpartei Kurdistans“ nennt.

          Von Beweisen für Brunsons angebliche Nebenbeschäftigung als Terrorpate und Putschist, die auch vor einem unabhängigen Gericht standhalten könnten, ist bisher dagegen nichts bekanntgeworden. Brunson selbst wies vor Gericht alle Vorwürfe zurück und sagte ganz im Sinne seiner Mission: „Ich weiß, warum ich hier bin. Ich bin hier, um im Namen Jesu zu leiden.“ Westliche Diplomaten in Ankara sind übereinstimmend der Ansicht, Brunson sei eine Geisel, mit der die türkische Politik amerikanische Zugeständnisse in anderen Fragen erpressen wolle. Das wäre – man denke an den Fall des verhafteten deutschen Journalisten Deniz Yücel – zwar kein bewährtes, aber auch kein ganz neues Stilmittel türkischer Außenpolitik. Es war nicht zuletzt Erdogan selbst, der die Darstellung, Brunsons Prozess sei ein Fall politischer Geiselnahme, immer wieder genährt hat.

          So etwa in einer Rede vor türkischen Polizisten im September vergangenen Jahres, in der er die türkische Forderung wiederholte, Washington möge den im amerikanischen Exil lebenden islamischen Priester Fethullah Gülen, der den Putsch von 2016 ausgeheckt haben soll, in die Türkei ausliefern. Schließlich habe sein Land den Amerikanern alle dafür nötigen Dokumente übergeben, sagte Erdogan und schlug unter Verweis auf die amerikanische Forderung nach einer Freilassung Brunsons einen Deal vor: „Ihr habt einen anderen Pastor in euren Händen. Gebt uns diesen Pastor, und wir werden in unserer Justiz tun, was wir können, um euch diesen hier zu geben.“ Unser Pastor gegen euren Pastor – nach einem solchen Muster haben die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten einst auf den Glienicker Brücke in Berlin ihre in Gefangenschaft geratenen Agenten ausgetauscht.

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