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Der Erzähler Naceur Charles Aceval : Meine Geschichten lieben mich

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Kindheit in Algerien: In diesem Zelt wurde Naceur Charles Aceval geboren. Abends nach dem Essen erzählte die Mutter den Kindern Märchen Bild: Privat

Der Algerier Naceur Charles Aceval ist Erzähler. Im Interview erklärt er, dass Erzählen mehr ist als Reden und Wiedergeben. Viel mehr.

          4 Min.

          Herr Aceval, was ist Erzählen?

          Ich bin in einer Nomadenfamilie in Südwestalgerien groß geworden. Keiner konnte schreiben, keiner konnte lesen, wir hatten das gesprochene Wort. Nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Information. Das Erzählen zu Hause war die Aufgabe der Frauen. Meine Mutter hat uns Kindern immer abends, nach dem Essen, im Dunkeln Märchen erzählt. Erst ließ sie uns Rätsel raten, damit wir wach wurden, und dann gab es Märchen. In der Regel ein oder zwei am Abend. Und die Märchen bereiteten uns auf den Schlaf vor. Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Das Erzählen ist ein Akt der Beziehung. Der Erzähler erinnert an die Mutter, wenn er erzählt, oder an einen Freund, der nahe ist. Wenn er aufrichtig erzählt, dann schafft er ein Vertrauen, dann macht er mit dem Zuhörer eine Reise.

          Was ist das für ein Vertrauen zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer? Sie erzählen als professioneller Erzähler doch vor einem unbekannten Publikum.

          Man erzählt nur Leuten etwas, die einem vertraut sind. Deshalb muss der Erzähler die Menschen aufrichtig lieben. Ein Erzähler, der die Menschen nicht mag, der kann nicht erzählen, das glaube ich nicht.

          Warum nicht?

          Das Gegenüber spürt das. Der spürt, dass er nicht ihm erzählt. Er redet mit ihm. Mehr nicht. Es gibt Leute, die lernen erzählen, die geben wieder, was sie auswendig gelernt haben, automatisch. Aber die anderen erzählen wirklich, die geben das Wort mit Herz und Seele weiter.

          Daher noch einmal die Frage: Da das gesprochene Wort nicht gleich Erzählen ist, und Sagen, Reden, Sprechen nicht Erzählen ist - was genau ist dann das Erzählen?

          Erzählen ist. etwas zu vermitteln, aber ohne zu belehren. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Sie haben eine Botschaft, eine Wahrheit. Und man sagt ja, wir Menschen wollen nie die nackte Wahrheit hören. Die Aufgabe des Erzählers der Menschen ist es, die Botschaft oder Wahrheit zu verkleiden und so weiterzugeben. Denn dann ist der Zuhörer bereit, die Geschichte zu hören. Die Botschaft erreicht die Leute so auf einer anderen Ebene. Der Erzähler, wenn einer ein guter Erzähler ist, erschafft Bilder; und der Zuhörer, wenn er ein offenes Herz hat, macht sich ebenfalls seine Bilder. Aber die sind nicht vorgeschrieben wie im Fernsehen oder im Computerspiel. Der Zuhörer besitzt eine Freiheit vom Erzähler.

          Jeder kann die Geschichten anders deuten?

          Ganz genau, ein Märchen kann so viele Botschaften wie Zuhörer haben. Das ist das Rätselhafte und das Sonderbare an Märchen.

          Wieso können Märchen das?

          Liebe Frau, ich bin kein Wissenschaftler. Wirklich, ich will es auch gar nicht wissen, das Rätselhafte sollte wirken wie ein verborgener Schatz.

          Ich lese mit Menschen für die F.A.S. Bibeltexte, da funktioniert das auch. Ich habe mich oft gefragt: Wie kann die Bibel Geschichten erzählen, die jedem nahe sind, wie schafft die das?

          Das sind universelle Geschichten. Sie geben eine große Freiheit, so dass man sie nicht fassen kann. Diese Geschichten sind lebendige Wesen. Das meine ich ernst, ohne zu übertreiben. Das auswendig gelernte Wort lebt nicht, es ist wie trockenes Holz. Aber das Spontane bringt Licht in das Dunkle. Deswegen werden Geschichten auch abends erzählt, gegen die Angst, gegen den Krieg, gegen Hunger.

          Wie können Sie diese Lebendigkeit der Geschichten erhalten, wenn Sie dieselben Geschichten doch immer wieder erzählen?

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