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Neuling Hołownia in Polen : Er beschloss, die Welt seiner Tochter zu retten

Szymon Hołownia im Juni 2020 vor einer Fernseh-Wahldebatte in Warschau Bild: AFP

Laut Umfragen ist der Quereinsteiger Szymon Hołownia neuer polnischer Oppositionsführer. Er verspricht ein solidarisches und grünes Polen. Warum gelingt ihm, woran viele scheiterten?

          4 Min.

          Szymon Hołownia ist ein Quereinsteiger in die Politik, aber er begann im Frühjahr 2020 gleich ganz oben: Der Publizist und soziale Aktivist zog mit damals 43 Jahren in den Wahlkampf um das Präsidentenamt. Als Neuling überzeugte er 2,7 Millionen Wähler, das bedeutete 13,9 Prozent der Stimmen, und belegte einen ehrenvollen dritten Platz. Seither hat er eine steile Erfolgskurve in der polnischen Politik vorzuweisen.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Die von ihm gegründete Partei wurde Anfang April auch offiziell registriert. Sie verspricht, dass sie „nicht an den nächsten Wahlkampf denkt, sondern an die nächste Generation“, wie Hołownia sagt. Deshalb der Name: Polska 2050, Polen 2050. Innerhalb weniger Monate konnte Hołownia vier Abgeordnete der „alten“ Parteien abwerben, von der größten Oppositionspartei, der liberalen Bürgerplattform (PO), und der Linken. Damit hat Polen 2050 einen sogenannten Zirkel im Parlament, die Keimzelle einer Fraktion.

          Wie ist das gelungen? Das politische System in Polen ist festgefahren. Die zwei großen Parteien, die nationalkonservative PiS und die PO wurden beide 2001 gegründet, drei Jahre vor Polens EU-Beitritt. Inzwischen liegen sie in einer tödlichen Umklammerung. Der einen fällt es immer schwerer, wirksam zu regieren. Der anderen fällt es unverändert schwer, eine Alternative zu bieten. Hołownia sah, dass eine dritte Kraft gebraucht wurde, um dieses „kranke Duopol“ aufzubrechen. Er selbst hat nach eigener Aussage lange Zeit die PO gewählt, die Schwesterpartei der deutschen CDU/CSU. Doch über diese Partei sagen viele Beobachter, sie habe nach bald sechs Jahren in der Opposition den Schwung verloren.

          Kann der Neuling gegen die PiS bestehen?

          Das war Hołownias Chance. Zwar hat es in Polen immer wieder Neulinge gegeben, die gegen „die Etablierten“ antraten und die bei landesweiten Wahlen aus dem Stand bis zu 21 Prozent der Stimmen holten: etwa der Rocksänger Paweł Kukiz auf der Rechten, der liberale Bank-Chefökonom Ryszard Petru und der Unternehmer Janusz Palikot, der versuchte, eine linke Sammelbewegung zu gründen. An die Schalthebel der Macht gelangten sie jedoch nicht. Wird es bei Hołownia anders sein?

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          Regulär fänden Parlamentswahlen erst im Herbst 2023 statt. Doch der Neue setzt klar auf vorgezogene Wahlen, über die gerade lebhaft spekuliert wird. Als ihn die liberale „Gazeta Wyborcza“ kürzlich fragte, ob er denn auch bereit sei, Regierungschef zu werden, sagte er: „Na klar würde ich diese Mission auf mich nehmen.“ Im nächsten Satz schob er nach, Polen brauche in turbulenten Zeiten einen aktiveren Präsidenten als den gegenwärtigen, deshalb würde er sich auch 2025 um dieses Amt bewerben.

          Aktuell ist er die Nummer zwei in den Umfragen. Einige seiner politischen Rezepte hat er in seinem Buch „Fabryka Jutra“ (Wo das Morgen produziert wird) verraten. Es trägt den Untertitel: „Wie ich beschloss, alles hinzuwerfen und die Welt meiner Tochter zu retten.“ Hołownia schreibt: „In einer Gesellschaft, die von (Fernseh-)Serien geprägt ist, ist Politik wie Netflix. Sie muss dem Abnehmer nonstop immer neue Episoden einer Story liefern, die ihn reinzieht, Emotionen mobilisiert, zum Nachdenken zwingt und ihn ermuntert, dranzubleiben.“ Hołownias erster Wahlkampf fand in Zeiten der Pandemie statt. Das zwang ihn, jeden Tag zwei Stunden lang über Facebook zu den Wählern zu sprechen. Er redet gut, bildhaft und schnell wie ein Maschinengewehr, wobei er seine blauen Augen mit bohrendem Blick auf den Zuschauer richtet.

          Wofür Hołownia steht, ist vielen jedoch noch nicht ganz klar. Ziel ist in der Summe ein „grünes, solidarisches, demokratisches und sicheres Polen“. Er fordert etwa mehr Gemeinsinn statt der „Stammeskriege“ und kulturellen Konflikte der zwei großen politischen Lager, die Polen verwüsteten. Polen müsse lernen, was Papst Franziskus genial ausgedrückt habe: „Einheit ist nicht Einförmigkeit. Einheit ist versöhnte Vielfalt.“

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