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Der Dalai Lama im Gespräch mit der F.A.Z. : „China mangelt es an Selbstbewusstsein“

  • Aktualisiert am

„Chinas Macht basiert nicht auf Wahrheit oder Ehrlichkeit” Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Der Dalai Lama spricht über Ängste und Dämonen der Pekinger Führung, das Beharren Tibets auf seiner Identität, seinen Weg zur Demokratie und die Sehnsucht nach Spiritualität.

          Eure Heiligkeit, Sie fordern von China eine „wahre Autonomie“ für Tibet. Was ist damit gemeint?

          Verteidigung und Außenpolitik ist Sache der chinesischen Zentralregierung, der Rest jedoch, Erziehung, Wirtschaft und nicht zuletzt der Umweltschutz, soll Sache der Tibeter sein. Wir wollen unsere eigene Sprache und Kultur bewahren. Dazu gehört auch der Buddhismus, der umfassender ist als die chinesische Kultur.

          Warum findet die chinesische Führung dieses Konzept so schrecklich und verweigert sich Ihren Anstrengungen für einen konstruktiven Dialog?

          Die chinesische Führung sieht in einer eigenständigen Identität eine Quelle der Gefahr und des Separatismus. Deshalb hat sie auch im vergangenen Jahr angeordnet, dass in Tibet in chinesischer Sprache unterrichtet wird.

          „Das chinesische Volk ist zunehmend frustriert von dem System”

          Warum fürchtet sich China, das so ein mächtiges und starkes Land geworden ist, vor einem Separatismus, der gar nicht existiert?

          Chinas Macht basiert nicht auf Wahrheit oder Ehrlichkeit. In Wirklichkeit mangelt es China an Selbstbewusstsein.

          Immerhin erteilt Peking heute den Vereinigen Staaten Nachhilfe in Wirtschafts- und Finanzpolitik. Uns kommt es so vor, als hätte China ziemlich viel Selbstbewusstsein.

          Ja, da ist aber viel Neid und Misstrauen dabei.

          Können Sie mit dem von Ihnen so beschriebenen China überhaupt einen ernsthaften Dialog führen?

          Die Zeit wird dafür kommen. In den vergangenen fünfzig Jahren haben die chinesischen Behörden verschiedene Mittel angewandt, um den „Tibetischen Geist“ auszutreiben, und sind damit vollkommen gescheitert, übrigens nicht nur in Tibet, sondern auch in Xinjiang und in der Inneren Mongolei. Auf der anderen Seite ist das chinesische Volk zunehmend frustriert von dem System, von der Korruption. Mehr und mehr Chinesen unterstützen den tibetischen Ansatz. Sogar einige chinesische Führer haben sich für eine Überprüfung der bisherigen Minderheitenpolitik ausgesprochen, für Demokratie und politische Reformen. Früher oder später wird die chinesische Führung die Wirklichkeit akzeptieren müssen und eine realistische Haltung gegenüber Tibet einnehmen. Der unrealistische Ansatz fortgesetzter Unterdrückung wird das tibetische Problem nicht lösen.

          Was meinen Sie mit früher oder später: Jahre, Jahrzehnte?

          Jahre, fünf bis zehn Jahre. Es wird Veränderungen geben. Viele Chinesen wollen diese Veränderungen.

          Trauen Sie der kommenden chinesischen Führung diesen Wandel zu?

          Schwer zu sagen. Wirklicher Wandel wird nicht von der Führung kommen, sondern von der Bevölkerung und von der intellektuellen Elite. Deren Stimmen werden natürlich von der Regierung unterdrückt, viele sind verhaftet worden. Die Ausgaben für innere Sicherheit sind größer als für Verteidigung! Wie kann die Welt unter solchen Umständen einer großen Nation wie China Respekt und Vertrauen entgegenbringen? Tief im Inneren sitzen Furcht und Misstrauen. China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, kann global eine konstruktivere Rolle spielen. Aber dafür braucht es den Respekt und das Vertrauen der Welt. Aus diesem Grund muss das Verhalten der chinesischen Regierung transparent werden. Ich sage meinen chinesischen Freunden, das chinesische Volk hat das Recht, die Wahrheit zu wissen; wenn es die Wahrheit kennt, dann hat es auch die Fähigkeit zu urteilen, was gut und was schlecht ist. Daneben muss China sein Rechtssystem verbessern. Präsident Hu Jintao wollte in den vergangenen zehn Jahren eine Gesellschaft der Harmonie im Innern verwirklichen. Das ist ein gutes Ziel, aber die Methode, die er angewendet hat, ist die Gewalt. Deshalb ist er gescheitert.

          Würden Sie China eher als ein kapitalistisches Land oder als ein kommunistisches Land einstufen?

          Als ein kommunistisch-kapitalistisches Land.

          Sie haben 1989 den Friedensnobelpreis bekommen für Ihre Bemühungen um eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts. Hat sich die Lage seit damals verbessert oder verschlechtert?

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