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Ein Jahr nach Brückeneinsturz : Schweigeminute in Italiens Sommertheater

Vor einem Jahr: Einen Tag nach dem Einsturz stehen noch einige Autos auf den Überresten der Brücke in Genua. Bild: AFP

Vor einem Jahr stürzte die Morandi-Brücke in Genua ein, 43 Menschen starben. Der Aufbau dauert länger als versprochen – und ob es irgendwann zu Strafen gegen Manager und Verantwortliche der Betreibergesellschaft kommt, ist ungewiss.

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          Für Genua unterbricht Rom sein politisches Sommertheater: Das erbitterte Ringen der zerstrittenen Parteien mit alten Partnern und um neue Verbündete ruht an diesem Mittwoch, wenigstens für ein paar Stunden. Zum Gedenken an die Opfer des Brückeneinsturzes vom 14. August 2018 kommen Präsident Sergio Mattarella und Regierungschef Giuseppe Conte in die ligurische Hafenstadt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Veranstaltung beginnt mit einer Schweigeminute um 11.36 Uhr – dem Augenblick, als vor einem Jahr ein rund 200 Meter langes Teilstück der Morandi-Brücke in die Tiefe stürzte und 43 Menschen in den Tod riss. Ort der Veranstaltung ist die Baustelle für den Pfeiler neun der neuen Brücke. Dessen Grundstein wurde am 25. Juni gelegt.

          Drei Tage später wurden die Reste der alten Morandi-Brücke gesprengt. In kaum sieben Sekunden stürzten die Pfeiler Nummer zehn und elf in sich zusammen. Die komplexen Vorbereitungen für die spektakuläre Sprengung der Überreste der Autobahnbrücke hatten Wochen gedauert. Schon vorher wurden die Ruinen der Brücke und hernach die Trümmer mit großen Mengen Wasser besprüht, um die Staubentwicklung einzudämmen. Das geschah vor allem deshalb, weil in den Bauteilen der Brücke Asbestspuren festgestellt worden waren. Deshalb zieht sich auch das Abtragen der letzten Trümmer in die Länge.

          Überhaupt dauert vieles erwartungsgemäß länger beim Aufräumen, Aufarbeiten und Aufbauen, als nach dem Unglück von den Politikern großspurig angekündigt worden war. Die Beseitigung der restlichen Trümmer der alten Brücke von der Baustelle für die neue ist noch die einfachere Aufgabe. Die Sachverständigen und die Gerichte werden sich noch viel länger damit beschäftigen müssen, um herauszubekommen, wer in welchem Maß verantwortlich war für die Katastrophe und welche Konsequenzen aus ihr zu ziehen sind.

          Mangelhafte Wartung laut Experten Hauptursache

          Unmittelbar nach dem Unglück hatte Verkehrsminister Danilo Toninelli von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung verkündet, man werde Autostrade per l’Italia, dem Betreiber des Autobahnabschnittes, wegen Vernachlässigung seiner Pflicht zur Instandhaltung der Brücke die Lizenz entziehen. Diese Ankündigung war ein Schnellschuss. Maßgeblicher Aktionär des Unternehmens Autostrade per l’Italia, das gut 3000 Kilometer und damit etwa die Hälfte des italienischen Autobahnnetzes betreibt, ist die Familie Benetton über ihre Holding Atlantia.

          Ob man Atlantia und den Benettons die Lizenz so leicht entziehen kann, ist mindestens fraglich – zuerst müssten die Gerichte grobe Fahrlässigkeit feststellen. Ob und wann das geschieht, bis zum Richterspruch letzter Instanz, weiß niemand. Die Strafverfolger haben Ermittlungen gegen 71 Personen eingeleitet. Die meisten von ihnen waren und sind bei Autostrade per l’Italia tätig, manche saßen und sitzen aber auch im Verkehrsministerium, das die Betreibergesellschaften sowie auch die von diesen betriebenen Bauten überwachen muss.

          Vor wenigen Tagen hat die von der Staatsanwaltschaft in Genua eingesetzte Expertenkommission ihren ersten Bericht zu den Ursachen des Einsturzes vorgelegt. Als Hauptursache wird in dem 72 Seiten umfassenden Bericht mangelhafte Wartung genannt, aber eben auch Schwächen der Konstruktion des Viadukts, das in den Jahren 1963 bis 1967 nach Plänen des Ingenieurs Riccardo Morandi errichtet wurde. Entscheidend hat die fortgeschrittene Korrosion der Trageseile aus Stahl, die von einem Betonmantel umgeben waren, zum Einsturz der Brücke beigetragen.

          Durch die Ummantelung hindurch drang Wasser zu den Stahlseilen vor, die hohe Luftfeuchtigkeit und die salzhaltige Meeresluft beschleunigten die Korrosion. Am schlimmsten waren die Rostschäden an jenen Seilen, die am Pfeiler neun befestigt waren – jenem, der am 14. August 2018 zusammensackte. Die Seile zum Pfeiler elf der Brücke waren wegen der bekannten Schwächen der Konstruktion schon vor Jahren durch eine Art Korsett verstärkt worden. Ähnliche Arbeiten für die Trageseile an Pfeiler neun waren immer wieder verschoben worden und hätten schließlich im August 2018 beginnen sollen.

          Vor einem Jahr: Einen Tag nach dem Einsturz stehen noch einige Autos auf den Überresten der Brücke in Genua.

          Ob es nach einem gewiss jahrelangen Gerichtsverfahren irgendwann zu Strafen gegen Manager und Verantwortliche von Autostrade kommen wird, ist ungewiss. Deren Anwälte dürften das schwere Unwetter mit Blitzschlag, Sturm und Starkregen als unmittelbare Ursache für den Einsturz der Brücke gerade an jenem Tag vor einem Jahr hervorheben. Derzeit steht die Zahl von 20 Milliarden Euro Entschädigung im Raum, die der italienische Staat an Autostrade für die vorzeitige Lösung des Lizenzvertrags bezahlen müsste, ohne dass zuvor die Gerichte eindeutig die Schuld der Betreibergesellschaft festgestellt hätten.

          Hinzu kommt, dass die Koalitionsregierung von rechtsnationalistischer Lega unter Innenminister Matteo Salvini und der Fünf-Sterne-Bewegung unter Arbeitsminister Luigi Di Maio kürzlich erst die Benetton-Holding Atlantia zur Rettung der halbstaatlichen Fluggesellschaft Alitalia ins Boot geholt hat. Das bedeutet eine politische Stärkung für die Holding Atlantia: Wenn das Unternehmen dabei helfen soll, die seit Jahren defizitäre Fluggesellschaft Alitalia zu retten, dann kann der Staat schlecht dessen wichtigste „Cashcow“ schlachten – ihm nämlich die Lizenz zum Betreiben der mautpflichtigen Autobahnen entziehen.

          Kann der Zeitplan eingehalten werden?

          In Genua jedenfalls soll der Bau der neuen Stahlbrücke nun mit großen Schritten vorangehen. Bis Frühjahr oder Mitte 2020 soll sie stehen. Das klingt optimistisch. Kurz nach der Katastrophe hatte es sogar geheißen, die neue Brücke werde am ersten Jahrestag des Einsturzes oder doch bis Ende 2019 fertig sein. Die Pläne für den neuen „Viadotto Genova“ stammen von dem Architekten Renzo Piano, einem der berühmtesten Söhne der Stadt.

          Piano nennt seinen Entwurf „einfach, aber nicht banal“. Auf 19 Pfeilern soll die Brücke stehen und von 43 hohen Laternenpfählen beleuchtet werden – für jedes der Todesopfer einer –, von welchen das Licht in der Form riesiger Segel auf die Fahrbahnen der Autobahnbrücke fallen soll. Piano verspricht, seine Stahlkonstruktion werde „tausend Jahre halten“. Das Viadukt wird in hellen Farben leuchten und gewissermaßen leichtfüßig über das Tal des Flusses Polcevera führen. Unter der Brücke werden keine Wohnhäuser mehr errichtet, stattdessen sind Parks und Sportstätten geplant. Die Kosten in Höhe von mindestens 200 Millionen Euro tragen der Autobahnbetreiber Autostrade und die Benetton-Holding Atlantia.

          Bürgermeister Marco Bucci, den die Regierung in Rom zum Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau der Brücke über den Polcevera ernannt hat, ist zuversichtlich, dass der ehrgeizige Zeitplan eingehalten werden kann: Fertigstellung der Konstruktion bis Weihnachten, Freigabe für den Verkehr Mitte April 2020. „Man muss sich ein Ziel setzen“, sagt Bucci. Genua und die Genueser hätten sich entschieden, fährt der Bürgermeister fort, aus der Tragödie „eine Chance erwachsen zu lassen, damit unsere Stadt danach besser dasteht als zuvor“.

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