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Die Wurzeln des Konflikts liegen im Wüstensand

Von HERFRIED MÜNKLER, 9. September 2016

Die Anschläge vom 11. September waren zwar ein einschneidendes Ereignis, jedoch keine Zeitenwende. Sie sind vielmehr Teil einer weltpolitischen Entwicklung, die schon wesentlich früher einsetzte. Ein Gastbeitrag.

Ohne die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington hätte es keine amerikanische Intervention im Irak gegeben, und vermutlich würde die Angst vor Terroranschlägen fanatischer Islamisten in der westlichen Welt eine deutlich geringere Rolle spielen, als das heute der Fall ist. Es hätte ohne die Anschläge vom 11. September 2001 mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Militärintervention in Afghanistan gegeben, und der Krieg in diesem Raum wäre mit der Festigung des Taliban-Regimes allmählich zu Ende gegangen.

Dennoch wären weder in Afghanistan noch im Irak die Verhältnisse gut; auch unter der Herrschaft der Taliban und Saddam Husseins wären Viele aus diesen Ländern geflohen, und wahrscheinlich wäre es auch dann zu dem als „arabischer Frühling“ bezeichneten Aufstand gegen die autoritären Regime des Nahen Ostens und Nordafrikas gekommen. Das Hauptproblem dieses Raumes, die Selbstblockade der arabisch-islamischen Welt, hätte es auch dann gegeben, und ebenso hätte es die verzweifelte Suche nach Auswegen aus dieser Selbstblockade gegeben, deren Produkt im weiteren Sinn auch Al Qaida war und immer noch ist.

  • © AFP Am 20. März 2003 starteten die Amerikaner Luftangriffe auf die irakische Hauptstadt Bagdad. Unter anderem wurde das Planungsministerium von einer Rakete getroffen.
  • © Reuters Am 22. März 2003, zwei Tage nach dem Beginn des Angriffs, fahren amerikanische Truppen in der Nacht von Kuweit Richtung Irak.
  • © Reuters Auch wenn Diktator Saddam Hussein im Irak noch am Ruder wäre, wären die Grundprobleme in Arabien nicht anders, als sie heute sind.
  • © AP Nur wenige Tage nach der Invasion war Bagdad besetzt und die Statuen von Saddam Hussein wurden gestürzt.

Es gibt in der öffentlichen Diskussion eine ausgeprägte Neigung, den sich beschleunigenden Zerfall der politischen Ordnung des Nahen Ostens auf die vor allem von den Vereinigten Staaten getragenen Militärinterventionen gegen den Irak zurückzuführen und dabei die zwischen den Interventionen von 1991 und 2003 liegenden Anschläge vom 11. September 2001 auszusparen, als würden sie zu einem davon aparten Handlungsstrang gehören. Das ist nicht der Fall: Alle diesbezüglichen Äußerungen Osama Bin Ladins zeigen, dass die antiwestliche Stoßrichtung von Al Qaida, die in Afghanistan noch gegen die Sowjets gekämpft hatte, auf die UN-mandatierte und von einer westlichen Militärkoalition durchgeführte Intervention zur Befreiung des von irakischen Truppen besetzten Kuweit zurückgeht – vor allem deswegen, weil im Rahmen dieser Operation für längere Zeit amerikanische Truppen in Saudi-Arabien standen, was von Al Qaida als Angriff auf die arabische Identität und Verletzung der Heiligen Stätten des Islams verstanden wurde.

Bin Ladin hat die irakische Kuweit-Besetzung als einen innerarabischen Konflikt angesehen, der von den Arabern selbst gelöst werden müsse, und dementsprechend wurden die Terroranschläge von New York und Washington als Vergeltung für das Eingreifen der Vereinigten Staaten in der arabischen Welt dargestellt. Nicht wenige zwischen Marokko und dem Irak sind dieser Sichtweise gefolgt und haben die Angriffe als Wiederherstellung der arabischen Ehre gefeiert.

Wäre es nach der Besetzung Kuweits durch irakische Truppen womöglich sinnvoller gewesen, dies als eine innerarabische Angelegenheit zu betrachten? Auch in Deutschland sprachen damals einige unter Rückgriff auf einen Begriff Carl Schmitts vom „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“, was hieß, dass sich der Westen und namentlich die Vereinigten Staaten aus den Angelegenheiten des arabischen Raumes heraushalten sollten.

  • © AP Im August 1990 fiel Irak in sein Nachbarland Kuweit ein, was die Reaktion der restlichen Welt nach sich zog. Unter Führung der Vereinigten Staaten befreiten die alliierten Truppen, unter anderem auch kuweitische Soldaten auf Pritschenwagen, das kleine Land.
  • © Picture-Alliance Auf ihrem Rückzug setzten die Iraker kuweitische Ölquellen in Brand. Operation „Desert Storm“ war für Usama bin Ladin der Auslöser, sich gegen den Westen zu wenden.
  • © Picture-Alliance Die amerikanischen Truppen zerstörten entlang des Highway 80, der von Kuweit nach Irak führt, eine Unzahl von irakischen Fahrzeugen, mit denen die Truppen fliehen wollten.
  • © AP Usama bin Ladin, der Anführer der Terrororganisation Al Qaida, galt als Initiator der Anschläge vom 11. September und wurde nach Jahren der Jagd auf ihn von amerikanischen Spezialeinheiten im Mai 2011 getötet.

Es gab indes zwei wichtige Gründe, die gegen ein Heraushalten sprachen: zunächst der Umstand, dass die Bereitstellung von arabischen Interventionsstreitkräften sehr lange dauern würde und es überaus zweifelhaft war, ob diese gegen den kriegserprobten irakischen Militärapparat erfolgreich sein würden. Dann aber drohte ein Krieg, der räumlich wie zeitlich nicht zu begrenzen war, zumal wenn der Iran in diesen Krieg eingegriffen hätte, der in den achtziger Jahren einen verlustreichen Krieg gegen den Irak geführt hatte. Das wollte man mit Blick auf die weltwirtschaftlichen Konsequenzen nicht riskieren, hatte man damals doch die verheerenden Folgen des Ölpreisschocks vom Anfang der siebziger Jahre noch in Erinnerung. Ein lange währender und um sich greifender Krieg im Nahen und Mittleren Osten konnte schlimme Folgen haben. Eine schnelle Befreiung Kuweits war nur mit westlichen Truppen möglich.

Es kam ein zweiter Aspekt hinzu, der mindestens genauso bedeutsam war: Wenn man die Annexion Kuweits durch den Irak akzeptierte, weil die Entstehung Kuweits ja ohnehin ein Akt des britischen Imperialismus gewesen sei, dann schuf man einen Präzedenzfall, der schnell Schule machen konnte und in dessen Folge militärische Gewalt zur Revision bestehender Grenzen politisch wieder salonfähig würde. In der Wahrnehmung der Briten und Amerikaner gemahnte das Agieren Saddam Husseins an die mitteleuropäischen Konstellationen der späten dreißiger Jahre, als Hitler zu einer Schritt für Schritt erfolgenden Politik der militärisch vollzogenen Grenzrevision mit anschließender Annexion übergegangen war.

Einer solchen Entwicklung wollte man von Anfang an einen starken Riegel vorschieben; es ging um die Verteidigung einer Ordnung, in der die Aneignung strategisch wichtiger Ressourcen, in diesem Fall von Erdöl und Erdgas, allein durch Zahlung von Geld und nicht durch militärische Gewalt stattfand. Man kann das auch die Verteidigung einer kapitalistischen Weltordnung nennen. Nach dem gerade erfolgten Zusammenbruch der sozialistischen Systeme war die Alternative zur kapitalistischen eine militärische Weltordnung. Die galt es in einen geopolitisch so sensiblen Raum zu verhindern. So wurde ein Weg beschritten, der schließlich zu den Anschlägen vom 11. September führte.

  • © dpa Am 11. September 2001 steuerten Islamisten zwei gekaperte Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York und brachten mehr als 2000 Menschen um.
  • © dapd Der Einschlag des zweiten Flugzeugs wurde von vielen Menschen im Bild festgehalten.
  • © AFP Nach dem Einschlag und einem Feuer in den beiden Türmen, stürzten die Gebäude in sich zusammen und sorgten für große Zerstörung in der unmittelbaren Umgebung.
  • © AP Die Feuerwehrleute, die nach den beiden Einschlägen in die Türme gingen und beim Einsturz ums Leben kamen, werden heute als Helden verehrt. Auch in den Trümmern suchten Hilfsmannschaften noch nach Überlebenden.
  • © AP Auch die umliegenden Gebäude wurden bei der Zerstörung der beiden Türme beschädigt.

Nehmen wir einmal an, es wäre, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu diesen Anschlägen gekommen. Was wäre dann anders geworden? Die Probleme der arabischen Welt wären im Kern dieselben, und man kann davon ausgehen, dass sie sich auf andere Weise Gehör verschafft hätten. Durch die Anschläge ist der arabische Raum mit einem Paukenschlag in die weltpolitischen Konstellationen zurückgekehrt, nachdem er mit dem Ausklingen des Ölpreisschocks zu Beginn der siebziger Jahre und der Befreiung Kuweits 1991 mehr und mehr daraus verschwunden war; im Zeichen der Vor- und Nachrüstungen hatte sich zunächst alles um den Ost-West-Gegensatz gedreht. Als dieser die Weltpolitik bestimmende Konflikt im Herbst 1989 in sich zusammengefallen ist, haben viele auf eine Welt ohne fundamentale politische Gegensätze gesetzt. Der 11. September 2001 hat diese Erwartung schlagartig beendet: Die Geschichte als Gegeneinander fundamentaler Antagonismen war doch nicht zu Ende, wie Francis Fukuyama dies erwartet hatte, und die Religion war entgegen der Säkularismusthese als Kraftzentrum in die politische Arena zurückgekehrt. Damit waren eine Reihe von Grundannahmen über die zukünftige Entwicklung hinfällig geworden.

Wie ließen sich diese neuen Konstellationen beschreiben? Womit musste man rechnen, worauf hatte man sich einzustellen? Samuel Huntingtons These von einem „Clash of Civilizations“ war die markanteste Prognose bezüglich der neuen Konstellationen, und an ihr arbeiten sich seitdem fast alle anderen auf die Weltordnung bezogenen Zukunftsannahmen ab. Im Rückblick lässt sich indes sagen, dass Huntington die innere Kohärenz der von ihm so bezeichneten Zivilisationen oder Kulturen erheblich überschätzt hat: Die Kriege im Vorderen Orient, die uns zurzeit beschäftigen, der Syrienkrieg und der Jemenkrieg um nur die wichtigsten zu nennen, sind nicht zuletzt innerislamische Auseinandersetzungen, und zugleich sind es Hegemonialkonflikte in der arabischen Welt, die in Form von Stellvertreterkriegen ausgetragen werden. Sie ähneln dabei eher dem Dreißigjährigen Krieg im Europa des 17. Jahrhunderts als den klassischen Staatenkriegen der anschließenden Jahrhunderte. Die Anschläge vom 11. September haben den Übergang vom klassischen Krieg zu den so genannten Neuen Kriegen zwar nicht hervorgerufen, denn dieser Wandel des Krieges hatte zuvor schon begonnen, aber sie sind Teil einer Entwicklung, in deren Verlauf die klare Trennlinie zwischen Krieg und Frieden als den beiden Aggregatzuständen des Politischen immer unzuverlässiger geworden ist. Die Anschläge waren eher ein Beschleuniger dieser Entwicklung als deren Ursache.

Diese Entwicklung kann in ihren Folgen schwerlich überschätzt werden, und fünfzehn Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington ist die westliche Welt immer noch damit beschäftigt, sicherheitspolitische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Wahrscheinlich ist es ein Fehler, wenn westliche Politiker sogleich nach Terroranschlägen, die ihr Land getroffen haben, von Krieg sprechen und militärische Schläge gegen Gebiete anordnen, in denen sie die Planer dieser Anschläge vermuten. Sie bewegen sich damit weiterhin in der binären Ordnung von Krieg und Frieden, die doch durch den transnationalen Terror ausgehebelt worden ist.

  • © AP Viele Menschen flohen nach den Anschlägen vor den Asche- und Schuttwolken von Manhattan.
  • © AP Auch vier Tage nach den Anschlägen lag noch Staub über der Metropole New York.
  • © AFP Die Angreifer hatten es am 11. September aber nicht nur auf die Twin Towers in New York abgesehen, sondern stürzten auch ein drittes Flugzeug auf das Pentagon in Washington. Ein viertes Flugzeug wurde von den Entführern absichtlich zum Absturz gebracht, nachdem die Passagiere drohten die Kontrolle über das Flugzeug zurückzuerlangen.

Terroranschläge sind allenfalls metaphorisch eine Kriegserklärung, und man sollte politische Metaphorik und operatives Handeln nicht miteinander verwechseln oder gar vermischen. Das aber ist bis heute immer wieder der Fall, und jüngst erst ist der französische Präsident Hollande in diese Falle gegangen. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der seit dem September 2001 veränderten Sicherheitslage besteht darin, nicht mehr zentral über eine Bedrohung von außen, sondern über die eigene Verwundbarkeit nachzudenken und Schritte zu unternehmen, diese zu begrenzen – zu begrenzen, denn sie zu beseitigen wird nicht möglich sein. Aber was heißt das weltpolitisch? Der Dschihadismus ist für die einstigen weltpolitischen Kontrahenten, den „Westen“ und Russland als Kernbestand des früheren „Ostens“, gleichermaßen eine Herausforderung. Beide haben in den Zeiten der Ost-West-Konfrontation geglaubt, den Dschihadismus in ihrem jeweiligen Eigeninteresse instrumentalisieren zu können. Dieses vor allem von den Vereinigten Staaten in Afghanistan forcierte Projekt ist am 11. September 2001 katastrophal gescheitert. Wie das zeitweilige und keineswegs definitiv beendete Techtelmechtel der Türkei unter Erdogan mit den Dschihadisten in Syrien zeigt, ist daraus jedoch kein eindringliches Warnschild geworden. Das gilt mindestens ebenso für Pakistan, wo der Geheimdienst eine Zusammenarbeit mit den afghanischen Taliban pflegt, um auf diese Weise strategische Tiefe gegen Indien zu gewinnen. Und auch die Saudis setzen im Hegemonialkonflikt des Nahen Ostens immer wieder auf die dschihadistische Karte.

  • © AP Am 11. November 1989 rissen Demonstranten ein Teil der Mauer nieder und öffneten damit die Tür in unsere heutige Welt.
  • © Barbara Klemm Die Menschen in Ost und Welt feierten, als der Konflikt zwischen den beiden Blöcken endete, und tanzten auf der Mauer, die ikonographisch für die Teilung der Welt stand.
  • © Mirko Krizanovic Der Fall der Berliner Mauer, war die größte weltpolitische Zäsur der vergangenen Jahre. Die Anschläge vom 11. September haben an der dadurch entstandenen Staatenwelt nichts geändert.

Das Ende des Ost-West-Konflikts hat die Bündnisoptionen vieler Länder explosionsartig vermehrt, und einige haben die ihnen daraus erwachsenen – vermeintlichen – Vorteile zu nutzen versucht. Daran haben die Anschläge vom 11. September nichts geändert. Insofern sind ihre längerfristigen Auswirkungen begrenzt. Der Fall der Berliner Mauer und nicht die Anschläge vom 11. September war die große weltpolitische Zäsur. Die Anschläge von New York und Washington haben die Angst der Menschen im reichen Norden vor terroristischen Attacken deutlich erhöht, sie haben leichtfertige Reaktionen der westlichen Politik provoziert und die Probleme der arabischen Welt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt; zu einer weltpolitischen Zäsur sind sie deswegen nicht geworden.

© Julia Zimmermann Herfried Münkler




Herfried Münkler, geboren 1951,
lehrt Politikwissenschaft an der
Berliner Humboldt-Universität

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 09.09.2016 14:47 Uhr