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Denkmal in der Türkei : Mit der Abrissbirne gegen Versöhnung

Auch deshalb reichte Aksoy Klage gegen den Abrissentscheid vor dem Gericht in Erzerum ein. Der zuständige Richter erließ eine einstweilige Verfügung gegen die Pläne der Zerstörung des Kunstwerks. Diese jedoch wurde von Mitgliedern der Stadtverwaltung von Kars angefochten und gleichzeitig der zuständige Richter ausgetauscht. Damit war der Abriss beschlossen. Auch gegen die Bitten und Proteste von türkischen Künstlern und Intellektuellen zeigte man sich immun. Die Auseinandersetzung eskaliert dabei immer mehr: Bei einer Protestveranstaltung in Istanbul wurde am Montag der türkische Maler Bedri Baykam und dessen Galeristin von einem Gegner des Denkmals mit einem Messer verletzt.

Klage in Straßburg

Der im Jahr 1939 im Südosten der Türkei geborene Mehmet Aksoy ist nicht irgendwer in der Türkei. Tausende von Menschen besuchen jedes Jahr sein Denkmal des Türkischen Unabhängigkeitskrieges in Selcuk bei Izmir. Doch der Bildhauer gilt auch als äußerst unbequem. Das „Mahnmal für Menschlichkeit“ ist nicht das erste Kunstwerk von ihm, das verhindert wird. Auch in Deutschland stieß er schon auf Widerstand. In Potsdam steht sein Deserteursdenkmal, dessen Aufstellung die Stadt Bonn im Jahr 1989 verwehrte. Am Schlesischen Tor in Berlin, wo Aksoy in den Jahren 1972 bis 1989 im politischen Exil lebte und einen Künstlerverein gründete, ist seine neunteilige Skulptur „Arbeitsemigranten“ zu sehen. Als Mehmet Aksoy in die Türkei zurückkehrte, beschlagnahmten die Grenzsoldaten eine seiner Büsten von Nazim Hikmet, die Aksoy in Berlin geschaffen hatte – der Dichter, der im Exil in Moskau gestorben war, galt damals noch als Persona non grata im eigenen Land. Aksoys Kunstwerk zur Erinnerung an die jungen Männer, die bei den Mai-Unruhen 1975 auf Istanbuls zentralem Taksim-Platz ums Leben kamen, durfte nicht aufgestellt werden. Auch sein Denkmal für Hrant Dink wurde abgelehnt. Er wollte es an jener Stelle errichten, an der man den armenisch-türkischen Journalisten im Jahr 2007 ermordet hatte. Die Bezirksverwaltung des Stadtteils Sisli verweigerte jedoch die Baugenehmigung. Die Begründung: Das Abdeckglas der in den Boden eingelassenen Skulptur sei nicht rutschfest.

Mehmet Aksoy hat inzwischen Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den Abriss des „Mahnmals für Menschlichkeit“ eingereicht. Doch bis die Richter in Straßburg darüber entschieden haben, wird von dem Denkmal in Kars wahrscheinlich nicht mehr viel übrig sein. Am 24. April gedenken Menschen auf der ganzen Welt des Völkermords an den Armeniern. Dann wird die Zerstörung des Friedensdenkmals in vollem Gang sein.

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