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Demonstrationen in der Ukraine : Das Ziel heißt: Revolution

Bild: F.A.Z.

Hinter den Protesten in der Ukraine stehen eine straffe Führung und ausgeklügelte Logistik. Selbst Veteranen aus dem Afghanistan-Krieg sind im Einsatz.

          Der Majdan, der „Unabhängigkeitsplatz“ in der Mitte der ukrainischen Hauptstadt Kiew, sieht aus wie ein Feldlager des 19. Jahrhunderts. An allen Straßeneinfahrten mannshohe Barrikaden: Holzpaletten, Parkbänke, Christbäume der städtischen Weinachtsdekoration. Die Zugänge zur Freifläche im Inneren, wo jetzt Tag für Tag für Europa und gegen das Regime des Präsidenten Viktor Janukowitsch demonstriert wird, sind von Revolutionsposten bewacht. Dicke Scheite lodern in Metallfässern, denn in der Nacht zum Freitag hat Schneefall eingesetzt. Nachts sitzen die diensthabenden Wachtrupps im Kreis um die Feuer. In der Mitte des Platzes steht die Bühne. Sie ist groß, als sollte Madonna hier auftreten, und sie hat ein gewaltiges Sound-System, das ebenfalls jedem Rockstar genügen würde. Südlich davon, dem blockierten Präsidentenpalast zu, liegt die Freifläche für die Zigtausend, manchmal Hunderttausend, die täglich kommen. Hinter der Bühne, dem Michaelskloster zu, Spaliere von Militärzelten, manche mit Wachen davor, alle beschriftet: „Rekrutierungsstelle für Freiwillige“, „Abgeordnetenbüro“, „Stab der Zweiten Hundertschaft“. Stromgeneratoren schnurren in der Dunkelheit. Alles wartet auf den nächsten Morgen, auf den nächsten Abend, wenn dieser leere Platz wieder so rappelvoll sein wird wie die nach Diesel stinkenden Revolutionsbusse, die Morgen für Morgen neue Demonstranten aus den Provinzen bringen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Andrij Parubij stellt sich vor: „Ich bin der Kommandant am Majdan“ – 42 Jahre, groß, energisch, manchmal ein bubenhaftes Lächeln im Gesicht. Geboren im westukrainischen Lemberg (Lwiw), das jahrhundertelang polnisch war, dann österreichisch, dann wieder polnisch, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetisch wurde, hat er von Jugend an den dortigen Spiritus Loci eingesogen: patriotisch, manche würden sagen „nationalistisch“, voll tiefen Argwohns gegen die „Moskowiter“, das russische Reich, die Sowjetunion, Wladimir Putins neues Russland. Schon zu Jugendzeiten in der antisowjetischen Konspiration engagiert, hat Parubij, heute Abgeordneter in der Fraktion der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko, bei diesem „zweiten Majdan“ (nach der „Revolution in Orange“ von 2004) von Anfang an mitgemacht. Er war dabei in der Nacht des 21. November, als Janukowitsch sich von Europa abwandte, er hat einen Stockhieb über den Kopf und zwei Faustschläge ins Gesicht bekommen, als die Einsatzpolizei „Berkut“ angriff (Gehirnerschütterung, zwei Tage Krankenhaus), und seit dem brutalen Angriff des Regimes auf das nächtliche Demonstrantenlager am 30. November hat er vom „Stab des nationalen Widerstands“, der Tags darauf gegründet wurde, den Auftrag, den Majdan für eine unbegrenzte Demonstrationsdauer zu sichern. Alle Angaben dieses Textes zur Struktur des Feldlagers, zu Zahlenstärke und Einsatzprinzipien gehen auf ihn zurück.

          Keine illegale Besetzung des Hauptquartiers

          Das Wichtigste, sagt Parubij, war zuerst Essen und Wärme. Die Aktivisten waren nach vielen Nachtwachen durchgefroren und geschwächt, und so hat also die Revolution sehr früh ihr jetziges Hauptquartier in Besitz genommen, das geräumige spätsowjetische Gewerkschaftshaus direkt am Majdan – keine illegale Besetzung, wie hervorgehoben wird, sondern eine freiwillige Überlassung durch die Gewerkschaften. Dieses Hauptquartier ist auf allen Stockwerken von dichten Menschenmengen erfüllt. Freundliche, aber resolute Kontrolleure stehen an Türen und Treppen, vor allem aber am Zugang zur Küche, dem Herzstück der revolutionären Logistik. Der Speisesaal, ein Schmuckstück der Furnierästhetik aus den Breschnjew-Jahren, hat sich in eine professionelle Butterbrotfabrik verwandelt. Haufen von gespendetem Brot, von Wurst, Käse, Zitronen und Mandarinen, Schüsseln voll Schmalz, Berge von Dosen, Teepackungen, selbstgemachten Marmeladen, eingemachte Tomaten, Bohnen und Gurken säumen die Wände, in der Mitte haben fünfzig Frauen, alle mit Mundschutz und Haarnetz, ein Fließbandsystem eingerichtet. Alle paar Sekunden produzieren sie ein Tablett voll Butterbroten oder Tee, eine junge Frau stürzt damit los, Ordner rufen „Weg frei!!“, und hinaus geht ins Gewühl, in den Winter. Die Tür zur Küche ist bewacht, eine Pressefotografin, die es versäumt hatte, sich bei der revolutionären Pressestelle zu akkreditieren, wird abgewiesen. Die Küche, hört sie, sei „strategisch wichtig“. Nicht auszudenken, wenn jemand hier das Essen vergiften würde.

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