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Russland : Nein zum Krieg

„Aufruf an die russischen Bürger“: In einem Video beschreiben die Demonstranten vom Manegenplatz ihre Beweggründe. Bild: Screenshot FAZ

In Moskau versammeln sich täglich Aktivisten, um zu zeigen, dass es auch noch ein anderes Russland gibt. Ihre Motivation und ihre Kritik an der Politik Wladimir Putins beschreiben sie in Videobotschaften.

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          Mitten in Moskau, auf dem Manegenplatz am Kreml, trifft sich täglich eine kleine Gruppe von Leuten. Von 19 bis 22 Uhr und bei jedem Wetter versammeln sie sich an einer Statue, die Marschall Schukow zu Pferde zeigt. Er führte die Rote Armee zum Sieg über Deutschland. Es heißt, Stalin habe geschätzt, dass Schukow Widerworte wagte. Kein schlechter Ort, um eine „unideologische und überparteiliche Bewegung“ für Bürgerrechte und gegen den Krieg in der Ukraine zu gründen und „bis zum Sieg“ zu führen. Dieses Ziel formuliert Jewgenij Lewkowitsch, Initiator der Gruppe. Der 37 Jahre alte Journalist schrieb lange für die russische Ausgabe des „Rolling Stone“, bis ihm, wie er sagt, im vergangenen Jahr eine „Stoppliste“ von Themen aufgezeigt worden sei. Dann sei er gegangen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          An diesem Abend steht Lewkowitsch mit rund zwei Dutzend Gleichgesinnten zu Füßen Schukows. Wenn er vom „Sieg“ spricht, klingt es etwas ironisch. Schließlich denkt die große Mehrheit der Bevölkerung anders, die Gruppe muss jeden Abend damit rechnen, dass ihre Versammlung aufgelöst werden könnte. Kein Grund, es nicht wenigstens zu versuchen, findet Lewkowitsch. „Letzter Anlass“ für die Initiative sei gewesen, dass ein Freund von ihm auf dem Roten Platz festgenommen wurde, weil er ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ hochhielt. Gerade ist dieser Freund nach einem Monat aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Doch drohen ihm als „Wiederholungstäter“ in einem Prozess bis zu fünf Jahre Lagerhaft.

          In einem Video, das Mitglieder der Gruppe um Lewkowitsch vor kurzem aufgezeichnet haben, zählen sie weitere Beispiele für Opfer der Repression auf. Einer jungen Englisch- und Spanischlehrerin, die ebenfalls so oft sie kann auf den Manegenplatz kommt, drohen wegen der Teilnahme an einer Protestaktion 15 Tage Haft. Im Wiederholungsfall können es auch für sie bis zu fünf Jahre Lagerhaft werden. Ihre Freunde bäten sie, nicht auf den Platz zu gehen, erzählt die junge Frau. „Aber zu Hause sitzen hilft nichts.“

          Zu Anfang waren sie nur eine Handvoll Leute. Mittlerweile umfasst die Gruppe laut Lewkowitsch bis zu 150 Personen. Jeden Abend soll eine Gruppe zustande kommen, Rekord seien etwa 70 Personen gewesen. Bis auf Anstecker wie „Nein zum Krieg“ tragen sie keine Zeichen, erst recht keine Plakate. Sie wollen den Behörden keinen Anlass geben, die Versammlung aufzulösen. Und wissen doch genau, dass diese jederzeit einen finden könnten. Es reicht, wenn Unbekannte mit Plakaten auftauchen.

          Lewkowitschs Gruppe sucht gar den Kontakt zu den Polizisten, die auf dem zentralen Platz immer präsent sind. Solange sie nicht den Befehl haben, das Treffen aufzulösen, sind nicht sie das Problem. Lewkowitsch berichtet, am Vortag seien vier „Kadyrowzi“ – Gefolgsleute des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow – auf den Platz gekommen. „Sie traten aggressiv auf und sagten: ‚So etwas darf man nicht, während sich Russland auf einen Krieg mit Amerika vorbereitet.‘“ Manchmal gebe es „harte Diskussionen“ mit Passanten. „Aber den meisten ist es egal“, sagt Lewkowitsch. Sie gingen weiter zum Kreml. Oder einkaufen.

          „Wir wollen uns als Menschen fühlen“

          Viele Russen versuchen, die Realität auszublenden, das Thema Ukraine zu vermeiden. Die Aktivisten vom Manegenplatz sind aus Kreml-Sicht Verräter. Gegen Leute wie sie ist gerade die Bewegung „Antimajdan“ in Stellung gebracht worden. Am Samstag sollen 10.000 ihrer Anhänger ganz in der Nähe des Manegenplatzes demonstrieren. Dennoch will die Gruppe um Lewkowitsch, der Russen von Anfang 20 bis weit ins Pensionsalter angehören, weitermachen. Jeder hat andere Motive. Kriegsgegner sind hier, Leute, die sich schuldig fühlen. Und allein, weil sie der offiziellen Mär von der faschistischen, vom Westen gesteuerten Machtergreifung in Kiew nicht glauben. „Wir wollen uns als Menschen fühlen“, sagt eine Frau.

          „Ich würde den Verstand verlieren, wenn ich nicht etwas täte“, sagt ein junger Mann. Er war schon am 15. Januar auf diesem Platz, als der „Antimajdan“ mit vielen jungen Männern mit dem Sankt-Georgs-Band, dem Symbol des Sieges über den Faschismus, seinen ersten Auftritt hatte und einige Dutzend Oppositionsanhänger niederschrie. „Ich will zeigen, dass es ein anderes Russland gibt“, sagt der junge Mann. „Wir schützen die Ehre unseres Volkes.“

          Die Videobotschaft der Gruppe vom Manegenplatz ist nicht das einzige Lebenszeichen russischer Dissidenten, das derzeit im Internet kursiert. Vor kurzem hatten Kiewer Studenten ihre russischen Kameraden per Videobotschaft aufgefordert, zu „zweifeln“, den „Märchen“ der Staatspropaganda nicht zu glauben.

          Es folgten Botschaften russischer Studenten, die den Ukrainern vorwarfen, „Instrumente“ des Westens geworden zu sein. Doch Studenten verschiedener Moskauer Hochschulen entschuldigten sich in einem Video – unter Nennung von Namen und Studiengang – für „den unerklärten, verbrecherischen Krieg“ Russlands. Die Kluft zwischen beiden Ländern wachse, „aber wir, die junge Generation, werden sie überbrücken“.

          Auf dem Manegenplatz sagt eine Frau, sie bewundere diese Studenten, die „viel riskieren“. Mindestens, keine Arbeit zu bekommen. Einige aus der Gruppe bilden einen Kreis. Sie beten. Dafür, dass „unsere Soldaten zurückkommen“, für die Zivilisten im Kriegsgebiet, die politischen Gefangenen und dafür, „dass keiner von uns verhaftet wird“. Einer sagt: „Gott schütze das russische Volk, damit es die Lüge von der Wahrheit und das Gute vom Bösen unterscheidet.“ Auch an diesem Abend bleibt kein Passant stehen.

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