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Demjanjuk wird abgeschoben : Der falsche Iwan?

Beweismittel: Demjanjuks Dienstausweis aus dem Ausbildungslager Trawniki Bild: dpa

Der ehemalige KZ-Aufseher John Demjanjuk wird nach Deutschland abgeschoben. Noch an diesem Dienstag wird der der 89 Jahre alte gebürtige Ukrainer aus den Vereinigten Staaten in München erwartet. Dort soll ihm der Prozess wegen Mordes gemacht werden. Doch es gibt Zweifel an dem konkreten Ausmaß seiner Schuld.

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          Vielleicht hat das Video den Ausschlag gegeben, das die amerikanische Einwanderungsbehörde Anfang April von John Demjanjuk veröffentlicht hat. Eigentlich zeigt es nichts Ungewöhnliches: Ein Greis geht langsamen, aber sicheren Schrittes über einen Parkplatz und steigt in ein Auto ein.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Doch der 89 Jahre alte John Demjanjuk aus Seven Hills, einem Vorort von Cleveland im amerikanischen Bundesstaat Ohio, ist kein gewöhnlicher alter Mann: Die Staatsanwaltschaft München I wirft ihm vor, zwischen März und September 1943 an der Ermordung von mindestens 29.000 Juden im nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein. Die Vereinigten Staaten, deren Staatsangehöriger der am 3. April 1920 in der Ukraine geborene Demjanjuk von 1958 bis 1981 und dann wieder von 1993 bis 2002 war, wollten ihn seit langem loswerden. Nachdem im März in München Haftbefehl gegen ihn erlassen worden war, schien der Weg für die Abschiebung nach Deutschland frei.

          Demjanjuk am Dienstag in Deutschland erwartet

          Doch Demjanjuks Familie und Anwälte fanden immer neue Wege, um unter Berufung auf seine Gebrechlichkeit und diverse Krankheiten die Überstellung zu verzögern. Zur Untermauerung ihrer rechtlichen Argumente ließen sie den Greis unter anderem filmen, wie er, offenbar unter Schmerzen, bei einer ärztlichen Untersuchung in sein Bett gehievt wurde. Deshalb hatten die Aufnahmen vom Parkplatz eine entlarvende Wirkung, auch wenn die Familie hernach mitteilte, ihr Oberhaupt habe mal gute, mal schlechte Tage.

          Schon mehrfach vor Gericht: John Demjanjuk 2006 während einer Befragung in den Vereinigten Staaten

          Zuletzt hatte der amerikanische Oberste Gerichtshof am Donnerstag vergangener Woche einen neuerlichen Abschiebestopp abgelehnt. Am Montag nun teilte das Bundesjustizministerium unter Berufung auf amerikanische Behörden mit, Demjanjuk werde an diesem Dienstagvormittag in München erwartet; weil auch der Rechtsbeistand Demjanjuks angekündigt hat, keine weiteren rechtlichen Schritte zu unternehmen, erscheint das auch wahrscheinlich. Danach soll über eine Anklage gegen Demjanjuk entschieden werden.

          Am Montagnachmittag (Ortszeit) wurde Demjanjuk dann tatsächlich mit einem Krankenwagen von seinem Haus in Cleveland abgeholt und zu einem Büro der Einwanderungsbehörde gebracht. Von Bord eines Ambulanzflugzeuges soll er dann in München sofort ins Untersuchungsgefängnis Stadelheim gebracht werden, wo er ärztlich untersucht werde. Anschließend könnte der Ermittlungsrichter den Haftbefehl verkünden.

          Eindeutige Beweise

          Sein Fall beginnt vor 67 Jahren mit dem Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion. Der junge Soldat geriet im Frühjahr 1942 auf der Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft. In dem Lager bei Chelm, das heute im östlichen Polen liegt, gab es zu wenige Baracken und zu wenig zu essen. Die Ermittler sind überzeugt, dass sich Demjanjuk, um sich vor dem Hungertod zu retten, als sogenannter Hilfswilliger zur Verfügung stellte.

          Die SS bildete ihn im Ausbildungslager Trawniki aus, gemeinsam mit anderen „Hilfswilligen“, vor allem Ukrainern, aber auch Letten, Esten, Litauern, Polen und Volksdeutschen aus der Sowjetunion. Der Dienstausweis aus Trawniki, dessen Echtheit immer wieder bestritten und dann doch bewiesen wurde, zuletzt durch eine Analyse des Bayerischen Landeskriminalamts, gilt den Ermittlern nun als ein zentrales Beweisstück. Denn auf dem Ausweis mit der Nummer 1393, ist deutlich vermerkt, dass Iwan Demjanjuk – sein Geburtsname – am 27. März 1943 nach Sobibor „abkommandiert“ wurde.

          Von der Mordmaschinerie gewusst

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