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Niederlande : Das vergessende Dorf

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Ein älterer Herr besucht täglich seine Frau in „De Hogeweyk“ und fährt mit ihr eine oder mehrere Stunden mit dem Duo-Fahrrad. Bild: De Hogeweyk

Bei Amsterdam ist das Dementen-Wohnviertel „De Hogeweyk“ entstanden. In diesem Vorzeigeprojekt sollen die Kranken einen möglichst normalen Alltag erleben.

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          Jannette Spiering ist eine ungewöhnliche Pflegeheimleiterin. Eigentlich kommt sie aus dem Hotelfach - daher kommt es wohl, dass sie sich in so hohem Maße an den Wünschen ihrer „Kunden“ orientiert. Seit 30 Jahren arbeitet sie im Altenheim „De Hogeweyk“ in Weesp, einer Kleinstadt nahe Amsterdam. Dieses Heim ist ein Geheimtipp unter Fachleuten für Demenz. Aus ganz Europa wie aus Japan kommen Fachbesucher, um sich das Konzept anzuschauen und - zumindest in Teilen - nachzuahmen. Der vier Jahre alte Neubau im Stil einer Gartenstadt gewinnt nationale und internationale Preise für Pflegearchitektur. Die „Kundenzufriedenheit“, die in niederländischen Pflegeheimen alle zwei Jahre erfragt wird, liegt weit über dem Landesdurchschnitt. Wie gelingt das einem Heim, das auch nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat als andere?

          Gemüse zu putzen gehört zu den Tätigkeiten, die die Langeweile - eines der größten Probleme in vielen Altenheimen - vertreiben sollen.
          Gemüse zu putzen gehört zu den Tätigkeiten, die die Langeweile - eines der größten Probleme in vielen Altenheimen - vertreiben sollen. : Bild: De Hogeweyk

          “Wir gehen davon aus, dass nicht alle Menschen gleich sind“, sagt Jannette Spiering bei einem Spaziergang über das Gelände. „Das gilt auch für Demenzkranke. Sie haben ihre Lebensgeschichte, ihre Vorlieben, sind belesen oder weniger gebildet, waren Handwerker oder Professoren.“ In „De Hogeweyk“ versucht man, der Individualität der Bewohner gerecht zu werden. „Unsere Patienten sollen hier so leben können, wie sie es früher auch getan haben.“ Deshalb bemüht sich Jannette Spiering um eine möglichst normale Wohnumgebung, die wenig nach Heim aussieht: Sechs bis sieben Patienten leben in einer Hausgemeinschaft zusammen. Jedes „Haus“, das genaugenommen eine von 23 Wohnungen in dem verklinkerten Komplex ist, hat eine Außentür, die auf den „Boulevard“ führt, einen gepflasterten Fußweg in der Mitte des Geländes. Das Besondere ist, dass die Haustüren nicht verschlossen sind. Jeder Bewohner kann sich auf den Weg nach draußen machen, wann immer er will. Er wird bei schlechtem Wetter lediglich dran erinnert, eine Jacke anzuziehen oder einen Schirm mitzunehmen. Denn „De Hogeweyk“ ist ein Viertel für sich, ohne Autoverkehr, mit liebevoll angelegten kleinen Gärten und Plätzen. Es gibt keinen Zaun, und doch kann keiner der Demenzkranken weglaufen. Auf dem 15000 Quadratmeter großen Grundstück sind die Häuser so angeordnet, dass Teile ihrer Außenwände zugleich die äußere Grenze der ganzen Anlage darstellen. Es gibt einen bewachten Ein- und Ausgang, an dem eine freundliche Rezeptionistin dafür sorgt, dass Besucher hereinkommen, aber kein Bewohner allein das Gelände verlässt.

          Keine Krankenhausatmosphäre

          Ein älterer Mann im Jogginganzug hat sich gerade vor den gläsernen Automatiktüren verlaufen, die zum Theatersaal führen. Jannette Spiering spricht ihn an, erklärt ihm, wo er ist und bringt ihn wieder auf den Boulevard. Weil es draußen noch kalt ist, sind die bunten Gartenstühle, die auf dem Theaterplatz und um den Springbrunnen stehen, leer. Doch mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen wird dies ein einladender Ort. „Wir wollten keine Krankenhausatmosphäre mehr“, sagt Jannette Spiering. „Bei allem, was wir hier tun, fragen wir uns: Würden wir das im normalen Leben auch machen? Wenn die Antwort ,nein’ lautet, verändern wir es.“ Deshalb wurde das alte Gebäude des Heims - ein vierstöckiger Plattenbau - in den Jahren 2007 und 2008 in zwei Etappen abgerissen und im laufenden Betrieb durch den Neubau ersetzt. Schon im Altbau hatte man mehrere Jahre experimentiert: Erst die Wohngruppen verkleinert, dann dezentrale Küchen eingebaut, in denen die Bewohner mit Hilfe selbst kochten. Doch die Architektur setzte der Innovationskraft der Hausleitung Grenzen.

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