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Debatte über F.A.S.-Kommentar : Bloß nicht über Pakistan berichten

  • -Aktualisiert am

Free Deniz-Autokorso vor dem Brandenburger Tor in Berlin:Der „Welt“-Journalist sitzt in der Türkei in der Haft. Bild: EPA

Hani Yousuf kommt aus Pakistan, hat aber in England und Amerika studiert. Über ihre Heimat schreibt sie ungern, doch die meisten Redaktionen wollen genau das. Ein Gastbeitrag über die Stigmatisierung in deutschen Medien.

          Als ich Journalistik an der Columbia University in New York studierte, warnte mich meine weise Professorin Paula Span vor einer Falle: „Schreibe nicht über etwas, was du kennst.“ Im New York nach 9/11 erschien mir die Berichterstattung über Muslime und den Islam besonders reizvoll. Geschichten über Muslime und den Islam nicht zu schreiben war eine wirkliche Prüfung meiner Fähigkeiten als Reporterin. Ich habe dann unter anderem über schwarze Aktivistinnen in Harlem geschrieben.

          Interesse an einer Berichterstattung über mein Heimatland Pakistan hatte ich nicht. Ich habe das Land, in dem ich aufgewachsen bin, kaum bereist und nur einige Jahre für eine Zeitschrift in meiner Heimatstadt Karachi gearbeitet. Davor hatte ich die Universität in Großbritannien besucht, danach in den Vereinigten Staaten studiert. Theater und Internetkriminalität waren Themen, die mich besonders interessieren. Ich war alles andere als eine Expertin für Pakistan. Viele Länder und Orte auf der Welt haben mich sehr interessiert. Pakistan nicht.

          Im Jahr 2011 nahm ich nach einigen Monaten als freie Journalistin in New York ein Fellowship in Berlin an. In sechs Monaten lernte ich verschiedene Redaktionen des Springer-Verlags kennen, darunter auch die Auslandsredaktion der „Welt“. Ich blieb dann einige Jahre in Berlin und schrieb frei für Zeitungen wie „Le Monde Diplomatique“, „Der Freitag“ und „Spiegel Online“. Aber dort Fuß zu fassen war nicht einfach, denn für viele blieb ich immer „die Kollegin aus Pakistan“. Nur bezogen sich meine journalistischen Interessen eben nicht auf Pakistan. Als ausgebildete Reporterin wurde ich dennoch aufgefordert, die Geschichte meiner Kindheit in Pakistan aufzuschreiben. Oder man bestellte vage Geschichten, in denen es „irgendwie um Pakistan“ gehen sollte. Ich war der Ansicht, dass ich vielleicht besser geeignet wäre, über Ausschreitungen in London zu berichten, wo ich regelmäßig war, oder über die Occupy-Bewegung in Frankfurt. Aber solche Geschichten waren schwer unterzubringen, weil meine Vorgesetzten grundlos annahmen, dass ich nur an Pakistan interessiert sei und auch nur über Pakistan schreiben könne. Diese Haltung zog sich durch alle Zeitungen, von linksliberal bis konservativ.

          „Außenperspektiven“ auf Deutschland unerwünscht

          Als ich einmal eine Geschichte über deutsche Frauen in der Arbeitswelt anbot, sagte eine Redakteurin mir, an meiner „Außenperspektive auf deutsche Verhältnisse“ habe sie kein Interesse, fügte aber hinzu, sie würde gern Texte über Pakistan von mir drucken. Das trug sich in einer Zeitung zu, die sich als links bezeichnet. Wenn Journalisten durch Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Konfession oder ethnische Zugehörigkeit einem Themenkreis zugeordnet werden, dann hat unsere Branche noch eine ernsthafte Selbstprüfung vor sich. Natürlich sollten Journalisten auch über die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern schreiben, wenn sie es wollen. Aber ich wollte es nicht.

          Einmal schrieb ich für eine konservative Zeitung einen Artikel über den geringen Prozentsatz von Frauen in Führungspositionen deutscher Redaktionen. Ein Redakteur sagte mir sarkastisch, das sei ein bemerkenswerter Ansatz für „eine privilegierte Frau aus einem Land, in dem Millionen Frauen unterdrückt werden“. Aber was haben meine Staatsangehörigkeit und mein finanzieller Status mit meinem Text zu tun? Weiße, „westliche“ Reporterinnen und Reporter berichten über Vergewaltigungen in Indien, weibliche Genitalverstümmelung in Afrika oder Ehrenmorde in Pakistan. Viele beherrschen die jeweilige Landessprache nicht und kommen nur für einen Kurzaufenthalt in das Land, über das sie berichten. Warum werden deren Privilegien nicht in Frage gestellt?

          Bei mir war es so, dass ich am Ende, obwohl ich in Berlin lebte, über Pakistan schrieb. In dem bedauerlichen Fall von Deniz Yücel werden wir nie wissen, ob ein deutscher Korrespondent ohne doppelte Staatsbürgerschaft vielleicht mit einer Abschiebung davongekommen wäre, statt ins Gefängnis zu müssen. Aber sein Fall hat eine größere, dringend notwendige Debatte darüber ausgelöst, dass ein Journalist nicht auf seine Herkunft, Religion, Nationalität oder Staatsangehörigkeit reduziert werden sollte.

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