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Debatte nach Erdogan-Besuch : Integriert euch, aber assimiliert euch nicht

Vor dem Erdogan-Besuch hatten sich in Köln türkische Männer zum Beten versammelt Bild: Wonge Bergmann - F.A.Z.

Der umstrittene Auftritt des türkischen Regierungschefs Erdogan in Köln sorgt nun für Diskussionen über die Europatauglichkeit der Türkei. Bayerns Ministerpräsident Huber stellt die Beitrittsverhandlungen in Frage. Warum kommt es zwischen Türken und Deutschen so oft zu Verständnisschwierigkeiten? Eine Analyse von Rainer Hermann.

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          Der umstrittene Auftritt des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan in Köln sorgt weiter für Diskussionen über die Europatauglichkeit der Türkei. „Erdogan hat türkischen Nationalismus auf deutschem Boden gepredigt. Das ist antieuropäisch und belegt unsere Bedenken hinsichtlich eines EU-Beitritts der Türkei“, sagte der CSU-Vorsitzende Erwin Huber dem „Münchner Merkur“. „Man muss jetzt überlegen und prüfen, ob unter diesen Umständen die Fortführung der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei überhaupt noch sinnvoll ist.“

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Erdogan hatte am Sonntag bei einem Auftritt vor Landsleuten in Köln unter anderem die in Deutschland lebenden Türken zur Integration aufgefordert, zugleich aber vor völliger Aufgabe ihrer kulturellen Identität (Assimilation) gewarnt. Assimilation bezeichnete er als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

          Reizwort Assimilation

          Warum lässt Erdogans Aussage die Wogen derartig hochschlagen? Schließlich war er nicht der erste türkische Ministerpräsident, der in Deutschland vor seinen Landsleuten gesprochen hat. Vor Tayyip Erdogan hatten das schon Necmettin Erbakan und Bülent Ecevit getan. Die Botschaft, die sie den Türken in Deutschland zugerufen hatten, war dieselbe, die auch Erdogan am Sonntag in der Köln-Arena verwendete: Integriert euch, aber assimiliert euch nicht. Jedoch haben sich mittlerweile die politischen Rahmenbedingungen verändert, denn die Bundesregierung treibt die Integration von Ausländern voran. Damit steht die türkische Regierung unter Zugzwang, nun auch ihren Beitrag zu leisten.

          Man sollte genau hinhören, wenn Erdogan „Assimilation” sagt
          Man sollte genau hinhören, wenn Erdogan „Assimilation” sagt : Bild: ddp

          Das Gespräch erschwert, dass Deutsche und Türken mit den Begriffen Verschiedenes meinen. Denn der Begriff Assimilation ist in der türkischen Öffentlichkeit ein Reizwort. Dabei sehen sich Türken gerne als Opfer. Das größte Opfer, das man ihnen abverlangen könnte, sei die Aufgabe ihrer türkischen Identität, sagen viele.

          Problematischer ist noch der Umgang mit dem Begriff Integration. Hier zeigen sich Verständigungsschwierigkeiten: Meist gebrauchen dafür die türkischen Medien und Politiker den Begriff „uyum“, Harmonie also. In Harmonie kann man nebeneinander leben, ohne dass man integriert ist. Je konkreter aber die Integrationspolitik der Bundesregierung geworden ist, desto stärker ist auch die türkische Regierung gefordert, es ihr gleichzutun.

          „Begriffe verraten das Denken“

          In Ludwigshafen hatte Erdogan die deutsche Öffentlichkeit in der Rolle des Staatsmanns für sich eingenommen, in Köln wandte er sich als Wahlkämpfer an seine Landsleute. Erst vor einem Monat hatte das Parlament in Ankara für die im Ausland lebenden Türken die Teilnahme an der Wahl erleichtert: Jetzt müssen sie nicht mehr in die Türkei reisen, um ihre Stimme abzugeben, sondern können das in Deutschland oder per Post tun. Die nächste Parlamentswahl liegt zwar noch Jahre entfernt. Erdogan aber wollte rasch die politische Ernte einfahren. Frühere Parlamente hatten auf eine Änderung des Wahlrechts verzichtet, weil sie wussten, dass die Türken in Deutschland fromme Muslime sind und eher konservativ - also potentielle Wähler von Erdogans AKP. So nutzte Erdogan die erste Gelegenheit, seine Anhängerschaft für sich zu gewinnen und auf seine Linie zu bringen.

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