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Wahl in der Ukraine : „Ein normaler Mensch, der gekommen ist, um das System zu stürzen“

Rededuell im Olympastadion: Poroschenko und Selenskyi Bild: AP

Zehntausende Besucher, blau-gelbe Flaggen – und die Anhänger getrennt wie Fußballfans. Kurz vor der Wahl in der Ukraine duellieren sich Poroschenko und Selenskyi im Kiewer Olympiastadion. Doch für eine ernsthafte Debatte ist das Spektakel im Stadion nicht geschaffen.

          Die Debatte im Kiewer Olympiastadion am Freitagabend ist Wolodymyr Selenskyjs zweiter Sieg auf dem Weg zum Präsidentenamt – zwei Tage vor der Stichwahl in der Ukraine. Denn das Rede-Duell findet nach absurd anmutenden Machtkämpfen zwischen beiden Kandidaten genau an dem Termin statt, den Selenskyj vorgeschlagen hatte für eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko. Die Kulisse: Zehntausende Besucher, viele gehüllt in die blau-gelbe Flagge der Ukraine, zwei Bühnen und auch die Anhänger in Blöcke getrennt wie Fußballfans.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Doch ginge es nach der Lautstärke, wäre Poroschenko der Sieger des Abends. Wann immer sein Widersacher zu sprechen ansetzt, vor allem dann, wenn er russisch spricht, buhen die gegnerischen Anhänger ihn nieder. Während in Selenskyjs Hälfte viel Platz ist, ist Poroschenkos Seite bis auf die höchsten Ränge belegt. Wenn der Herausforderer spricht, pfeifen die Anhänger des amtierenden Präsidenten, was auch immer er sagt, oder strecken die Daumen nach unten und rufen „Schande“. Die Eintrittskarten für die Debatte im Stadion gab es kostenlos; es kamen Gerüchte auf, Poroschenko habe seine Anhänger organisiert nach Kiew fahren lassen.

          Die Verhältnisse stellen sich auf den Kopf

          Was beim ersten Aufeinandertreffen der Kandidaten in dem von einem gewaltigen Polizeiaufgebot bewachten Stadion vor sich geht, stellt die Verhältnisse ein wenig auf den Kopf. Denn schon in der ersten Runde der Präsidentenwahl stand Selenskyj mit 30 Prozent und fünfeinhalb Millionen Wählerstimmen an der Spitze der Kandidaten. Poroschenko folgte mit 16 Prozent, die ehemalige Ministerpräsidentin der Ukraine, Julija Timoschenko, schied mit 13 Prozent aus. Für die Stichwahl am Sonntag sagen die aktuellen Umfragen dem populären Fernsehkomiker einen haushohen Sieg voraus: Laut einer Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew werden 72,2 Prozent der schon entschiedenen Wähler für Selenskyj stimmen – und nur 25,4 Prozent für Poroschenko. Dennoch sieht es am Freitagabend in Kiew vor Zehntausenden Zuschauern und Hunderten Berichterstattern aus aller Welt so aus, als sei Poroschenko ein gleichwertiger Gegner in der Gladiatoren-Arena.

          Was die Gegner Selenskyjs für seine größte Schwäche halten, scheint bei seinen Anhängern die Erfolgsgarantie zu sein: dass er ein politischer Neuling ist. „Ich bin kein Politiker“, sagt der 41 Jahre alte Schauspieler und populäre Fernsehkomiker auch am Freitagabend wieder, „ich bin einfach ein normaler Mensch, der gekommen ist, um dieses System zu stürzen.“ Aber der Jubel seiner Fans – sie recken siegestrunken die Arme empor –  geht gleich wieder in den Buhrufen der Anhänger Poroschenkos unter.

          Beeindruckende Kulisse: Das Olympiastadion in Kiew während der Debatte.

          Bei Selenskyjs Wahlparty vor drei Wochen durfte der Sieger eines Tischtennisturniers gegen ihn antreten, und auch auf seinen Profilen in den sozialen Medien gibt er sich volksnah und bodenständig, etwa bei demonstrativen Klimmzügen am Reck. Seine Wahlplakate versprechen ein Ende der „alten Epoche“ und der „Epoche der Lügen“. Anstatt auf die Kritik an seinem schwammigen Wahlprogramm einzugehen, hebt Selenskyj lieber hervor, dass er es gemeinsam mit seinen Anhängern entworfen habe. Nach seiner Aussage sind mehr als hunderttausend Anregungen über seinen Facebook-Aufruf zur „Mitbestimmung“ eingegangen.

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