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David Miliband im Interview : „Wir brauchen einen Impf-Internationalismus“

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesen bereitet im Januar 2021 eine Corona-Impfung in Rio de Janeiro vor. (Symbolbild) Bild: dpa

Der Präsident des International Rescue Committee und frühere britische Außenminister David Miliband spricht im F.A.Z.-Interview über Impfnationalismus, den Einfluss von Corona auf Migration und warnt davor, den ärmeren Teil der Welt zu vergessen.

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          Herr Miliband, in Europa gab es bis zuletzt einen Streit zwischen Astra-Zeneca und der EU über die Lieferung von Impfdosen. Wie wird die Debatte in Entwicklungsländern aufgenommen?

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Es gibt wirklich eine Menge weltweiter Wut darüber, dass es in den reichen Ländern, die eine übermäßige Anzahl von Impfstoffbestellungen haben, Streit gibt. Die Vereinigten Staaten haben 235 Millionen Impfstoffdosen mehr bestellt, als sie eigentlich benötigen. Für große Teile der Welt besteht in diesem Jahr keine Aussicht auf einen Impfstoff, wahrscheinlich werden sie erst nächstes Jahr eintreffen. Darüber gibt es Wut. Die Afrikanische Union hat 230 Millionen Impfstoffe gekauft. Ich weiß nicht, wann die Dosen ankommen werden. Der Streit zwischen der EU und Astra-Zeneca zeigt ganz gut: Es ist eine Sache, einen Impfstoff zu bestellen. Eine andere Sache ist es aber, dass er ankommt.

          Erleben wir einen „Impfnationalismus“ in den Industrienationen?

          Die kurze Antwort darauf lautet: Ja. Ich finde aber, dass der Begriff „Impfnationalismus“ nicht so aufschlussreich oder interessant ist wie die Frage nach „Impf-Internationalismus“. Und was wir brauchen, ist ein „Impf-Internationalismus“. Nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch, weil es keine Rückkehr zum „Normalen“ geben wird, solange wir nicht den Großteil der Welt verimpft haben. Die gute Nachricht ist, dass Strukturen geschaffen wurden, auch durch Covax. Im Moment sind zwei Dinge wirklich essentiell: Zum einen muss die Finanzierung aufrechterhalten werden, damit Covax die Verträge für Impfstoffe international abschließen kann. Zweitens, und darüber wird kaum gesprochen, ist die Lieferung von Impfstoffen zentral. Die verschiedenen Impfstoffe haben unterschiedliche Anforderungen an die Kühllagerung. Für die Mehrheit der Orte, an denen das International Rescue Commitee (IRC) arbeitet, gibt es keine Möglichkeit, einen Impfstoff bei minus zwei Grad Celsius zu lagern.

          David Miliband leitet seit 2013 die Hilfsorganisation International Rescue Commitee (IRC) in New York, die Albert Einstein 1933 im amerikanischen Exil gegründet hatte. Von 2007 bis 2010 war Miliband britischer Außenminister.
          David Miliband leitet seit 2013 die Hilfsorganisation International Rescue Commitee (IRC) in New York, die Albert Einstein 1933 im amerikanischen Exil gegründet hatte. Von 2007 bis 2010 war Miliband britischer Außenminister. : Bild: IRC

          Ist es ein Dilemma für Europa und den neuen amerikanischen Präsidenten, einerseits die Corona-Krise zuhause lösen zu müssen und andererseits über den Tellerrand zu schauen und dort zu helfen?

          Jede Regierung hat zuallererst die Verantwortung gegenüber ihren eigenen Bürgern. Da aber die Gesundheit, Sicherheit und Wirtschaft Europas auch von seinen Beziehungen zur Außenwelt abhängt, muss global gedacht werden. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie das Dilemma gelöst wird, in der Frage des Überschusses steckt. Davon scheint Europa im Moment noch weit weg zu sein. Die EU kämpft darum, 480-500 Millionen Menschen zu versorgen. Wir wissen aber, dass alle reicheren Länder, einschließlich der EU, mehr Impfstoff bestellt haben als sie Bürger haben.

          Haben die Entwicklungsländer mit der WHO oder Impfstoffherstellern Verträge unterzeichnen können?

          Die einzigen Verträge bestehen mit der Afrikanischen Union. Die Initiative Covax hat auf die behördliche Genehmigung der Weltgesundheitsorganisation gewartet, um Verträge für die verschiedenen Impfstoffe abzuschließen. Covax hat im Gegensatz zu den reicheren Ländern vor der endgültigen behördlichen Genehmigung keine Herstellung unter Risiko unterstützt.

          Chinas Präsident Xi Jinping hat versprochen, den Impfungen in Afrika Priorität einzugestehen. Ist Pekings Engagement ein Anreiz für westliche Regierungen, engere Kooperationen mit Afrika aufzubauen, oder ist Chinas Vorstoß politisch betrachtet gefährlich?

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