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„Dauerflucht“ eines Kriegsverbrechers : Suche nach Karadzics Helfern

Ein Drittel der Serben verehrt Karadzic als nationalen Helden Bild: AP

Die mehr als ein Jahrzehnt währende „Dauerflucht“ des Radovan Karadzic wirft viele Fragen auf. Denn Angaben zu seiner Existenz als „Dr. Dabic“ widersprechen sich, seine Helfer werden gesucht. Die Hälfte der Serben ist indes gegen eine Auslieferung.

          2 Min.

          Obwohl die serbischen Medien täglich in Sondersendungen und auf Sonderseiten versuchen, den Verlauf der mehr als ein Jahrzehnt währenden „Dauerflucht“ des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic zu rekonstruieren, ergeben sich aus diesen Recherchen bisher mindestens so viele neue Fragen wie Antworten. Das ist auch deshalb so, weil sich der in der serbischen Regierung für die Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal zuständige Minister Rasim Ljajic und andere Personen, die möglicherweise mehr dazu sagen könnten, bisher mit dem Argument, man dürfe nicht die noch andauernde Suche nach den beiden anderen noch flüchtigen Angeklagten des Haager Tribunals gefährden, mit öffentlichen Äußerungen sehr zurückhalten. Auch wird noch nach Helfern Karadzics gesucht. Die seriöse Zeitung „Politika“ veröffentlichte indes am Freitag eine Liste mit sieben Wohnungen, in denen sich Mladic bis Januar 2006 aufgehalten habe.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Halbwegs verlässliche Angaben zu Karadzics Existenz als „Dr. Dabic“, die auch Rückschlüsse auf das Funktionieren des serbischen Staates und die wahren Machtverhältnisse der vergangenen Jahre zuließen, sind bisher eine Seltenheit, zumal viele Angaben sich als widersprüchlich erweisen.

          Identität eines Bauern angenommen

          Das beginnt bei der Frage, wie Karadzic sich sein neues Leben (und die dazugehörigen Ausweise) als Dragan Dabic zulegte. Die seriöse Zeitung „Politika“ hatte zunächst berichtet, es handele sich bei diesem Namensgeber um einen Serben aus Sarajevo, der 1993 während des Krieges in Bosnien umgekommen sei. Am Freitag teilte die serbische Regierung jedoch mit, in der Kleinstadt Ruma unweit von Belgrad lebe ein 66 Jahre alter Bauer und Bauarbeiter namens Dragan Dabic; die Angaben in den Ausweisen beider Männer stimmten vollständig überein, nur die Bilder seien unterschiedlich, wurde Minister Ljajic zitiert. Der echte Dragan Dabic wurde von der Polizei nach etwaigen Verbindungen zu Karadzic befragt. Den Pass auf den Namen Dabic hat Karadzic laut den Berichten verschiedener Medien 1998 erhalten. Damals herrschte in Belgrad noch Slobodan Milosevic, der durch den herannahenden Krieg um das Kosovo (1999) ein letztes Mal die Macht seines Regimes festigen konnte.

          Der echte Dragan Dabic ist ein Bauer aus einer Kleinstadt bei Belgrad
          Der echte Dragan Dabic ist ein Bauer aus einer Kleinstadt bei Belgrad : Bild: AFP

          Der im Juni dieses Jahres im Belgrader Vorort Pancevo verhaftete ehemalige Polizeichef der bosnischen Serben, Stojan Zupljanin, hatte sich der Papiere eines verstorbenen Mitbürgers bedient und als Branislav Vukadin lange unentdeckt (oder jedenfalls unbehelligt) sein zweites Leben gelebt. Anders als Karadzic, der im Gefängnis seine wahre Identität zugegeben hat, hat Zupljanin allerdings noch nach seiner Verhaftung an der Legende festgehalten und musste durch einen DNA-Test überführt werden.

          Hälfte der Serben gegen Auslieferung

          Unterdessen hat das serbische Innenministerium die Sicherheitsmaßnahmen für einige der wichtigsten Politiker des Landes, allen voran für Staatspräsident Tadic und Ljajic, auf die höchste Stufe gesetzt, nachdem mehrere Morddrohungen eingegangen sind. In Belgrad hat seit der Verhaftung Karadzics am Dienstag jeden Abend eine kleine Gruppe extremer Nationalisten demonstriert; dabei kam es zu Ausschreitungen.

          In einer am Freitag veröffentlichten Umfrage des Belgrader Strategic-Marketing-Instituts sprachen sich 54 Prozent der Befragten gegen die Auslieferung Karadzics an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aus; 43 Prozent waren dafür. 42 Prozent der etwa tausend Befragten betrachten Karadzic weder als Kriegsverbrecher noch als Helden, ein Drittel sieht in ihm einen nationalen Helden, nur 17 Prozent äußerten die Ansicht, er sei ein Kriegsverbrecher. 86 Prozent teilten die Meinung, das Haager Tribunal sei „voreingenommen“ und „antiserbisch“. Dennoch befürworten 70 Prozent die Zusammenarbeit mit dem Tribunal.

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