https://www.faz.net/-gpf-98b0x

Umstrittenes Datenunternehmen : Cambridge Analytica suspendiert eigenen Chef

Bild: Reuters

Ein wohlklingender Name und zweifelhafte Methoden: Cambridge Analytica steht immer heftiger in der Kritik. Der Chef der Firma soll sogar angeboten haben, Politiker zu erpressen. Jetzt muss Alexander Nix gehen.

          Alexander Nix, suspendierter Chef des Unternehmens Cambridge Analytica, präsentiert sich gerne als Opfer. „Die Medien“ würden schon seit vielen Monaten versuchen, seine Firma „in einem koordinierten Angriff zu schädigen, weil wir etwas mit der Wahl von Donald Trump zu tun hatten“, klagte der Brite am Montag in einem Interview mit der BBC. Ja, ein paar Dinge würde er heute bedauern, gab er zu, aber an der Integrität seines Unternehmens wollte er keine Zweifel aufkommen lassen. Dabei war zum Zeitpunkt des Interviews die seriöse Fassade schon zusammengebrochen. Der britische Fernsehkanal Channel 4 hatte kurz zuvor heimlich mitgeschnittene Filmaufnahmen gesendet, auf denen Nix gegenüber vermeintlichen Auftraggebern andeutete, dass seine Firma auch erfolgreich schmutzige Methoden anwende, darunter Erpressung durch den Einsatz ukrainischer Prostituierter.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der Enthüllungsbericht, in dem Journalisten des Senders als mögliche Auftraggeber auftraten, war nur der jüngste Beleg für die fragwürdigen Praktiken des Unternehmens. Zuvor waren so schwerwiegende Vorwürfe gegen das Kerngeschäft der Firma erhoben worden, dass die britische Datenschutzbeauftragte auf den Plan trat. Elizabeth Denham beantragte am Montagabend einen richterlichen Durchsuchungsbefehl für die Büros von Cambridge Analytica. Sie ist überzeugt, dass das Unternehmen im großen Stil persönliche Daten „ohne Autorisierung“ der Betroffenen von Facebook abgeschöpft und für geschäftliche sowie politische Zwecke genutzt hat. Ob sie mit ihrem Antrag Erfolg hat, ist ungewiss. Mehrere Abgeordnete wiesen am Dienstag darauf hin, dass sie ihre Befugnisse überschreite. Einige, wie der frühere Generalstaatsanwalt Dominic Grieve, leiteten daraus allerdings die Forderung ab, dass das Parlament die Regierungsstellen rasch mit mehr Macht ausstatten müsse. Auch seien „härtere Sanktionen“ nötig, sagte Grieve.

          Von seinen Aufgaben entbunden

          Cambridge Analytica teilte am Dienstagabend mit, dass Geschäftsführer Nix mit sofortiger Wirkung und während einer „vollständigen, unabhängigen Untersuchung“ von seiner Aufgabe entbunden werde. Zuvor hatte sich selbst Premierministerin Theresa May in die Affäre um das wohlklingende Unternehmen eingeschaltet. Nachdem ein amerikanischer Whistleblower zu Protokoll gegeben hatte, dass Cambridge Analytica Facebook-Daten von fünfzig Millionen überwiegend amerikanischen Nutzern ohne deren Wissen gesammelt hätte, äußerte sich May „sehr besorgt“. Noch im vergangenen Monat war Nix vor einen Parlamentsausschuss in London geladen worden. Dort hatte er bestritten, mit Daten von Facebook gearbeitet zu haben. Am Wochenende hatte Facebook die Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica eingestellt. Am Montag war die Facebook-Aktie dann um sieben Prozent gefallen, was den Börsenwert des Unternehmens um 35 Milliarden Dollar schrumpfen ließ; am Dienstag musste Facebook weitere Verluste verschmerzen. Zugleich verließ der Sicherheitschef von Facebook, Alex Stamos, das Unternehmen. Dessen Chef, Mark Zuckerberg, hat sich bislang nicht persönlich geäußert.

          Nach den Darstellungen des Whistleblowers Christopher Wylie, der bei Cambridge Analytica gearbeitet hat, hatte das Unternehmen bei Facebook eine wissenschaftliche Untersuchung angemeldet, die in der Gestalt eines Persönlichkeits-Quiz daherkam. Entworfen worden war das Quiz von dem Wissenschaftler Alexandr Kogan, der in Cambridge forscht. Offenbar nahmen 270.000 Facebook-Nutzer an dem Test teil, gaben damit aber zugleich die Daten aller ihrer Freunde preis, was die Zahl der abgeschöpften Profile auf fünfzig Millionen erhöht haben soll. Die Betroffenen wussten nichts davon, dass ihre Daten später für die Präsidentschaftskampagne Trumps fruchtbar gemacht wurden. Psychologische Profile wurden erstellt, die es den Wahlkämpfern erleichterten, die Bürger in den Monaten vor der Präsidentenwahl zielgerichtet anzusprechen.

          Nix versuchte am Montag in der BBC die Verantwortung auf Kogan abzuwälzen. Der „sehr respektable Wissenschaftler“ sei 2014 auf seine Firma zugekommen und habe seine Dienste angeboten, die er dann „in ihrer Gesamtheit allein ausgeführt“ habe. Nix sei immer davon ausgegangen, dass Kogan die Genehmigung der Facebook-Nutzer eingeholt habe. Das Datenerhebungsverfahren sei auf ähnliche Weise vier Jahre zuvor von den Wahlkämpfern Barack Obamas angewendet worden, sagte Nix. Er verstehe nicht, warum einem Präsidentschaftsbewerber von der anderen Seite nicht dieselben Rechte zustehen sollten.

          Selbst für den peinlichen Mitschnitt von Channel 4 fand Nix eine Erklärung. Es seien die Gastgeber gewesen, die das Gespräch auf schmutzige Methoden und mögliche Fallen gebracht hätten, sagte er. „Entlang dieses Gesprächsfadens – auch um unseren ,Klienten‘ Peinlichkeit zu ersparen – haben wir dann eine Reihe lächerlicher hypothetischer Szenarien entwickelt.“ Glaubt man dem Whisteblower Wylie, gehören Verzerrungen und Täuschungen zur Kultur des Unternehmens, und zwar seit den Anfängen. Als Trumps Wahlkampfmanager Steve Bannon zu seinen ersten Terminen ins Königreich angereist sei, habe Nix eigens Räume in Cambridge angemietet, um der Londoner Firma eine wissenschaftlichere Aura zu verleihen, sagte Wylie. Es sei Bannon gewesen, der den seriös klingenden Namen Cambridge Analytica erfunden habe, und Nix habe die Kulisse dafür geliefert. Bis heute liegt im Dunkeln, ob die Firma auch in die „Leave“-Kampagne während des britischen EU-Referendums eingespannt war. Nix wies diesen Verdacht am Montag abermals klar zurück.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Am Ende des Interviews mit der BBC wurde er gefragt, ob er sich im Rückblick hätte „ethisch anders verhalten“ sollen. „Ich bedauere ein bisschen die Art und Weise, wie ich die Firma repräsentiert habe“, sagte er. „Dass die Arbeit von CA von einem Hauch von Mysterium und Negativität begleitet wird, ist unbegründet, aber als Chef übernehme ich dafür die Verantwortung.“ Ob die Abgeordneten Nix ein weiteres Mal vorladen werden, ist ungewiss. Sie zielen nun ein paar Etagen höher. Am Dienstag schickte der Vorsitzende des Ausschusses für Digitales, Kultur, Medien und Sport, Damian Collins, einen Brief an Zuckerberg und forderte ihn darin auf, vor dem Gremium auszusagen. „Ihre offiziellen Antworten haben kontinuierlich die Risiken untertrieben und den Ausschuss in die Irre geführt“, heißt es in dem Schreiben. „Es ist nun Zeit, von einem ranghohen Facebook-Vertreter mit der ausreichenden Autorität über dieses katastrophale Prozessversagen akkurat informiert zu werden“, schrieb Collins und fuhr fort: „Im Hinblick auf Ihre Ankündigung zum Jahresanfang, ,Facebook in Ordnung zu bringen‘, hoffe ich, dass dieser Vertreter Sie sein werden.“

          Weitere Themen

          Entlastung für Moskau

          Einflussnahme auf den Brexit : Entlastung für Moskau

          Während und nach dem Brexit-Referendum wurde immer wieder über eine Einflussnahme von außen gemunkelt. Russland soll über Facebook versucht haben, in die Abstimmung einzugreifen. Ein Remainer glaubt nicht daran.

          Tausende protestieren in Hongkong Video-Seite öffnen

          Gegen Abschiebungsgesetz : Tausende protestieren in Hongkong

          In Hong Kong protestierten Tausende vor ausländischen Botschaften. Sie hoffen, dass sich ausländische Regierungen auf dem G20 Gipfel gegen das geplante Auslieferungsgesetz aussprechen.

          Was erlauben Facebook?

          Gesetze fürs Internet : Was erlauben Facebook?

          Zuerst sagte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: Es muss mehr Regulierung im Internet geben! Jetzt äußert sich sein Kommunikationschef Nick Clegg ganz genauso. Meinen die Jungs von Facebook das ernst?

          Startschuss für Wahlkampf der Demokraten Video-Seite öffnen

          Trump findet es „langweilig“ : Startschuss für Wahlkampf der Demokraten

          Die erste Hälfte des Teilnehmerfelds für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten hat den Stratschuss für die TV-Debatten gegeben. Aufgrund des großen Anzahl an Kandidaten, muss die Gruppe aufgeteilt werden US-Präsident Trump kommentierte die Debatte auf Twitter.

          Topmeldungen

          Müssen sie bald zum Hautarzt? Bauarbeiter in einer S-Bahn Baustelle in Frankfurt

          Arbeitnehmerschutz : Baustopp droht wegen zu viel Sonne

          Bis zu 2,4 Millionen Beschäftigte, die im Freien arbeiten, müssen womöglich kurzfristig zur Vorsorge zum Hautarzt. Das hätte ernste Folgen fürs Handwerk und den Baubetrieb.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.