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Präsidentenwahl in der Ukraine : Das System Charkiw

Leninfall: Aktivisten stürzten die Statue in Charkiw am 28. September 2014. Bild: Getty

In der zweitgrößten Stadt der Ukraine haben sich die Machtverhältnisse seit der Revolution 2014 nicht verändert. Aber einiges ist in Bewegung.

          In den Revolutionstagen im Frühjahr 2014 setzte fast überall in der Ukraine heftiger Leninfall ein. In Großstädten, Provinzzentren und Dörfern wurden in kurzer Zeit so viele Denkmäler des Sowjetführers gestürzt, dass sich dafür ein eigenes Wort einbürgerte, das nach Schneefall klang – so als handle es sich dabei um ein Naturereignis.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Charkiws Bürgermeister Hennadyj Kernes wandte sich damals im Fernsehen an die Denkmalsstürzer: „Ich lade Sie auf den Freiheitsplatz der Stadt Charkiw ein, wo ein Denkmal für Wladimir Iljitsch Lenin steht. Und wenn Sie auch nur versuchen, es zu zerstören, dann erkläre ich als Stadtoberhaupt, dass ich Ihnen beide Arme und beide Beine breche, damit Sie so etwas nie wieder tun.“

          Heute zeigt nur noch ein Bauzaun in der Mitte des weiten Freiheitsplatzes die Stelle an, an der sich vor fünf Jahren das zwanzig Meter hohe Lenin-Denkmal erhob. Aber Hennadyj Kernes ist trotzdem noch immer der unumstrittene Herrscher über Charkiw. Er hat sich der Revolution entgegengestellt und wurde auf brutale Weise zu einem Opfer der Wirren, die auf sie folgten – aber seiner Macht konnte das nur wenig anhaben.

          Kernes ist auch heute noch kein negatives Wort über den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu entlocken, aber vor der Präsidentenwahl unterstützt er Amtsinhaber Petro Poroschenko, der sich im Wahlkampf als entschiedener Gegner des Kremls inszeniert. Will man versuchen, all die Widersprüche und Paradoxien der Entwicklungen in den fünf Jahren seit der Revolution auf dem Euromajdan zu ergründen, dann ist Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, ein gutes Beobachtungsobjekt.

          Die Stadt an der Grenze

          Charkiw liegt nur dreißig Kilometer von der russischen Grenze entfernt, die große Mehrheit der Bevölkerung spricht im Alltag Russisch. Im Frühjahr 2014 sah es einige Wochen lang so aus, als könnten sich die Dinge auch dort so entwickeln wie im 300 Kilometer entfernten Donezk, das seither eine Stadt im Krieg ist. Am Lenin-Denkmal auf dem Freiheitsplatz standen sich Anhänger und Gegner der Revolution gegenüber. Die einen versammelten sich unter ukrainischen Fahnen und forderten, Lenin von seinem Sockel zu holen, die anderen wachten unter Fahnen der untergegangenen Sowjetunion und des Russlands von heute rund um die Uhr darüber, dass ihm nichts passiert.

          Wie in Donezk stürmten prorussische Kräfte Verwaltungsgebäude und riefen eine eigene „Volksrepublik“ aus. Immer wieder kam es in den Wochen nach der Revolution im Zentrum von Charkiw zu Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des Majdans, es gab einzelne Schießereien und Bombenanschläge.

          Fragt man Hennadyj Kernes heute nach diesen Ereignissen, dann verzieht er das Gesicht zu einem schiefen Lächeln, bevor er antwortet: „Charkiw hat damals die Interessen der Ukraine verteidigt.“ Für ihn habe immer festgestanden, dass sich die Stadt nur als Teil einer einigen Ukraine wirtschaftlich, politisch und kulturell vollwertig entwickeln könne. Die „Volksrepublik“ habe nicht die geringste Chance gehabt, denn „die örtlichen Behörden waren auf ihrem Posten“. Doch diese Geschichte hört sich ganz anders an, wenn sie von Leuten erzählt wird, die damals auf der Seite der Majdan-Revolution standen.

          Kernes habe im Februar und März 2014 Schlägertrupps angeheuert, von denen ihre Demonstrationen angegriffen wurden – seine Drohungen an potentielle Denkmalsstürzer waren vermutlich keine leeren Worte. Hinter den Kulissen habe er die prorussische Stimmung angeheizt. „Aber er ist eine eigenartige Figur“, sagt ein Aktivist von damals, „es ist schwierig, ihn mit einer offen antiukrainischen Aussage zu erwischen.“

          Kernes wurde selbst Opfer der Gewalt

          Kernes lavierte wie andere lokale Machthaber in der Ostukraine, die über Jahre eng mit der Partei des durch die Revolution gestürzten und dann nach Russland geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch verbunden waren. Hat er den Ausschlag dafür gegeben, dass sich in Charkiw die Dinge zuungunsten der prorussischen Kräfte entwickelten, oder hat er nur gespürt, woher der Wind wehte, und sich dann auf die stärkere Seite geschlagen?

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