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Präsidentenwahl in der Ukraine : Das System Charkiw

Sicher ist nur, dass Kernes 2015 auch deshalb mit fast zwei Drittel der Stimmen als Bürgermeister bestätigt wurde, weil eine Mehrheit es für sein Verdienst hält, dass ihnen ein Krieg in ihrer Stadt erspart geblieben ist. Und dass Kernes selbst zu einem Opfer der Gewalt wurde.

Kurz nach dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in Charkiw wurde er Ende April 2014 bei einem Attentat schwer verletzt. Über die Hintergründe des Anschlags gibt es bis heute keine Erkenntnisse, sondern nur Spekulationen. Kernes selbst beschuldigt Innenminister Arsen Awakow, der durch die Revolution in Kiew ins Amt gekommen ist.

Die beiden Männer verbindet eine innige Feindschaft, seit sich Kernes vor neun Jahren in einer Bürgermeisterwahl knapp gegen Awakow durchgesetzt hat – vermutlich dank Wahlmanipulation. Doch hartnäckig hält sich auch eine andere Version: Der Anschlag sei die Rache dafür, dass sich Kernes in den entscheidenden Tagen jenes Frühjahrs von seinen alten Weggefährten ab- und den neuen Machthabern in Kiew zugewandt habe.

Kernes' System funktioniert

Kernes sprang dem Tod nur knapp von der Schippe. Seit dem Mordversuch sitzt er im Rollstuhl, weil die Kugel auch seine Wirbelsäule getroffen hat. Auf alten Aufnahmen ist er ein drahtiger Mann, der Energie verströmt, heute wirkt er müde, sein Gesicht ist aufgedunsen. Die körperliche Hilflosigkeit des Bürgermeisters wird durch den Gegensatz zu den bulligen Leibwächtern noch betont, die seinen Rollstuhl schieben.

Aber das System, das Kernes in den Jahren vor der Majdan-Revolution aufgebaut hat, funktioniert noch. „Er und seine Verbündeten haben damals mit Drohungen, Gewalt und Strafprozessen das politische Feld in Charkiw eingeebnet“, sagt Dmytro Bulach, ein junger Antikorruptionsaktivist und Abgeordneter im Gebietsparlament. „Alle seine Gegner waren entweder unter Druck oder außerhalb von Charkiw.“

Bulach wurde vor zwei Jahren von Unbekannten verprügelt. Der Verdacht liegt nahe, dass das eine Warnung sein sollte – oder dass er jemandes geschäftliche Kreise gestört hatte. Er und seine Mitstreiter nehmen öffentliche Bauvorhaben genau unter die Lupe und prüfen, zu welchen Bedingungen städtische Einrichtungen einkaufen. Immer wieder stoßen sie dabei auf solche Fälle wie jüngst im Zoo, der das Futter für seine Tiere zu Preisen kauft, die weit über denen in normalen Supermärkten liegen. „Das sind keine zufälligen Geschichten, sondern ist systematisch so in allen Teilen der Stadtverwaltung“, sagt Bulach. Und er ist überzeugt: „Das alles wird vom Bürgermeister kontrolliert.“

„Seine Macht bröselt“

In einigen von den Antikorruptionsaktivisten aufgedeckten Fällen wurden Strafverfahren eingeleitet. Sie haben sich so einen Ruf erarbeitet, der zur Folge hat, dass die Stadtverwaltung nicht nur negativ auf sie reagiert – „um Imageschäden zu vermeiden“, wie Bulach vermutet. „Seit 2014 ist Kernes nicht mehr so mächtig wie zuvor“, sagt er. „Seine Macht bröselt, wenn auch nicht so schnell, wie wir das gerne hätten.“

Charkiw ist eine Stadt im Übergang – und ihr Bürgermeister versteht es, seine Macht zu sichern, indem er sich den Veränderungen nicht entgegenstellt. „Unzufrieden“ sei er mit der Politik, die alle Symbole aus der sowjetischen Zeit aus der Öffentlichkeit verbannen will, sagt Hennadyj Kernes. Aber er wütet nicht mehr gegen den Sturz sowjetischer Denkmäler, sondern beklagt, dass der Prozess nach der „Revolution der Würde“ – die Bezeichnung des Majdan-Lagers für die Revolution von 2014 geht ihm leicht über die Lippen – unter dem Druck der Straße zu „schnell und ungeschickt“ begonnen worden sei.

Ähnlich äußert er sich über die Sprache: „Aus der Sicht der Staatlichkeit verstehe ich, dass das Ukrainische gefördert werden muss, aber im Alltag sprechen wir hier mehr Russisch“, sagt Kernes. Er nennt es die „Sprache unserer Eltern und Großeltern“, spricht über die engen familiären Bindungen über die Grenze zu Russland hinweg – und sagt dann: „Aber das Land hat den europäischen Weg gewählt, und wir unterstützen das.“

Seiner Wahlempfehlung sind die Charkiwer übrigens nicht gefolgt: Poroschenko hat in der Stadt noch weniger Stimmen bekommen als im Landesdurchschnitt, der Komiker Wolodymyr Selenskyj dagegen mehr. Das bedeutet aber auch: Zum zweiten Mal in Folge hat in Charkiw ein Kandidat gesiegt, der sich klar für eine Westorientierung der Ukraine ausspricht.

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