https://www.faz.net/-gpf-a47od

Konflikt in Nagornyj Karabach : „Mit einem Sturmgewehr gegen Artillerie“

Ein zerstörtes Haus in Stepanakert, der „Hauptstadt“ der nicht anerkannten „Republik Nagornyj Karabach“. Bild: AFP

Den Konflikt in Nagornyj Karabach tragen Aserbaidschan und Armenien mit ungleichen Mitteln aus. Woher kommen ihre Waffen?

          4 Min.

          Wie es hinter der Front in Nagornyj Karabach aussieht, beschrieb jetzt der russische Journalist Ilja Asar. Für die „Nowaja Gaseta“ berichtete er in dieser Woche über Folgen des Beschusses im armenisch kontrollierten Gebiet, das Aserbaidschan gerade zurückerobern will. Asar traf einen freiwilligen Kämpfer. Dieser sprach entgegen den bis Mittwoch von der nicht anerkannten „Republik Nagornyj Karabach“ gemeldeten 320 gefallenen Soldaten von „Tausenden Toten“ auf armenischer Seite. Es gebe nicht genug Waffen, Munition, Panzer: „Mit einem Sturmgewehr gegen Luftwaffe und Artillerie. Da bin ich wie eine lebende Leiche.“ Er und weitere Kämpfer erhoben in dem Bericht Vorwürfe gegen ihre militärische Führung. Mit Folgen für den Journalisten: Asar berichtete am Donnerstag, das armenische Außenministerium habe ihm die Akkreditierung entzogen und ihm die Arbeit untersagt, „wegen der negativen öffentlichen Resonanz“ auf seine Reportage.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Gemessen an ihren Wirtschaftsleistungen, zählen Armenien wie Aserbaidschan laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri zu den zehn am meisten gerüsteten Staaten der Welt. Grund ist ihr Konflikt um Nagornyj Karabach und sieben umliegende, ebenfalls armenisch besetzte Gebiete. Armenien als Mitglied in Moskaus Verteidigungsbündnis „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ bezieht seine Waffen vor allem aus Russland, zu vergünstigten Preisen und mit russischen Krediten. Darunter sind auch die immer wichtigeren Drohnen; zudem stellt Armenien nach eigenen Angaben auch selbst solche unbemannten Fluggeräte her.

          Drohnen sind entscheidend im Kampf

          Allerdings gelten die armenischen Waffen als nicht so fortgeschritten wie die aserbaidschanischen. Am Festungssystem in den Bergen von Nagornyj Karabach über der Ebene ist Bakus Militär immer wieder gescheitert. Doch Diktator Ilham Alijew hat die Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf genutzt, um sein Militär zu modernisieren. Es veröffentlicht jetzt stolz Videos von Präzisionsangriffen auf armenische Artillerie- und Flugabwehrstellungen, Panzer, Soldaten. Eine entscheidende Rolle spielen Aufklärungs- und Kampfdrohnen.

          Aserbaidschan hat viele Geschäftsfreunde, unter ihnen ebenfalls die Russen, Südkoreaner, Türken, Israelis. Letztere sind ein Schlüsselpartner. Israel bezieht – über die Türkei – bis zu vierzig Prozent seines Öls aus dem Land. Gleichzeitig liefert es nach Sipri-Angaben sechzig Prozent aller Rüstungsimporte Aserbaidschans. Seit 1992 gilt, mittlerweile über die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), ein Embargo über Waffen- und Munitionslieferungen gegen die Konfliktparteien Armenien und Aserbaidschan. Israel steht es als Partnerland der OSZE frei, sich dem Embargo anzuschließen – es fühlt sich daher nicht daran gebunden. Seit 2011 betreibt der israelische Drohnenhersteller Aeronautics eine Fabrik mit dem aserbaidschanischen Verteidigungsministerium. Und als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2016 Baku besuchte, gab Alijew bekannt, man habe Waffenverkäufe in Höhe von fünf Milliarden Dollar abgeschlossen.

          Bild: F.A.Z.

          Es handelt sich etwa um Radarsysteme, ballistische Raketen und Drohnen, von denen während der jüngsten Kampfhandlungen insbesondere eine sogenannte Kamikazedrohne namens „Harop“ für Aufsehen sorgte, deren Einsatz gegen armenische Kräfte Alijews außenpolitischer Berater Hikmet Hadschijew jüngst dem israelischen Portal „Walla“ bestätigte. Die „Harop“-Drohnen hätten sich im Gefecht als „sehr effektiv bewiesen“, sagte Hadschijew. Die vom staatlichen israelischen Rüstungskonzern IAI hergestellten Drohnen können stundenlang über einem Kampfgebiet kreisen, dann recht treffsicher niedergehen und sich und das Ziel mit der mitgeführten Sprengladung zerstören. Unmittelbar vor und auch während der Kämpfe in Nagornyj Karabach hatten mindestens vier schwere aserbaidschanische Frachtmaschinen den israelischen Militärflughafen Uvda angeflogen, über deren Inhalt bislang nur spekuliert wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Begriff „Milliardenhöhe“ ist mit Betrugsgeschichten bislang zumindest hierzulande selten gewesen.

          Wirecard-Skandal : Insolvenzverwalter: Konzern wurde leergeräumt

          Der Insolvenzverwalter von Wirecard erhebt schwere Vorwürfe gegen das ehemalige Management des Konzerns. Mit dem Teilverkauf in dieser Woche kommt aber ein wenig Geld in die Kassen, um den Skandal mit Unterstützung von Anwälten aufzuklären.
          Knickauge zählt mit: Lewandowski schießt drei Tore gegen Frankfurt und erhöht seine Saisonbilanz auf zehn.

          0:5 in München : Eintracht von der Bayern-Walze überrollt

          Die Eintracht ist in München überfordert, vor allem Lewandowski können sie nicht stoppen. Die Bayern gewinnen 5:0, verlieren aber Davies mit einer vermutlich schweren Verletzung.

          Bundesliga im Liveticker : BVB mit Bürki, aber ohne Reus

          Roman Bürki kehrt beim Derby gegen Schalke anstelle von Marwin Hitz ins Tor von Borussia Dortmund zurück. Kapitän Marco Reus muss erst mal auf die Bank. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.