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Das Geiseldrama von Sydney : Die verunsicherte Nation

Junge muslimische Mädchen legen unweit des Tatorts Blumen zum Gedenken an die Opfer der Geiselnahme in Sydney nieder. Bild: AFP

Am Tag nach dem Geiseldrama in Sydney herrscht im ganzen Land Trauer und Selbstvergewisserung. Doch hinter den Parolen des Gemeinschaftssinns zeigt sich Australien auch als Nation, die ihre Unschuld verloren hat.

          3 Min.

          Nach dem Ende der Geiselnahme in einem Café in Sydneys Geschäftsbezirk war der Dienstag der Tag der Trauer. In Scharen kamen die „Sydneysider“, wie die Bewohner der multikulturellen Metropole auch genannt werden, und legten auf dem Martin Place Blumen ab. Die Flaggen wehten auf Halbmast, um der beiden Geiseln, die in dem Laden des Schokoladenherstellers Lindt getötet worden waren, zu gedenken. Es handelt sich um den 34 Jahre alten Manager des Cafés und eine 38 Jahre alte Anwältin und Mutter von drei Kindern. Über beide kursierten Heldengeschichten. So soll der Manager versucht haben, dem Geiselnehmer Man Haron Monis seine Waffe zu entreißen. Die Anwältin habe sich wiederum schützend vor eine schwangere Freundin gestellt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Diese Erzählungen, für die es keine offizielle Bestätigung gab, passten sich in das verbreitete Bild Australiens als einer Nation ein, die im Angesicht des Terrors ihren Zusammenhalt und ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt habe. „Danke dieser Stadt. Diese Stadt ist unglaublich, unsere Menschen sind wunderbar, und am Martin Place erleben wir derzeit, wie ein pulsierendes Herz der Stadt entsteht“, sagte Mike Baird, der Regierungschefs des Bundestaats New South Wales bei einer Pressekonferenz. Der Premier hatte zuvor schon an einem Gedenkgottesdienst für die Opfer teilgenommen.

          Australiens Premier Tony Abbott und seine Frau Margie kamen zum Tatort und legten Blumen nieder. Bilderstrecke

          Doch hinter den Parolen des Gemeinschaftssinns, der Toleranz und Stärke erschien Australien am Tag nach dem Geiseldrama auch als verunsicherte Nation. „Es gibt nichts mehr Australisches, als in einem lokalen Café für seinen Morgenkaffee vorbeizuschauen“, sagte Tony Abbott am Vormittag, nur wenige Stunden nachdem die Polizei in der Nacht um zwei Uhr das Lindt-Geschäft gestürmt hatte. „Es ist mehr als tragisch, dass Menschen, die ihrem Alltag nachgegangen sind, in solch einen entsetzlichen Vorfall hineingezogen wurden“, sagte der Regierungschef.

          Eine Kommentatorin schrieb, Australien habe seine Unschuld verloren. Denn hinter dieser Art von Terrorakt steckt eine perfide Logik. Anders als bei früheren Anschlägen etwa durch die Al Qaida, soll der Schrecken nicht durch ein großes Maß an Zerstörung und eine besonders hohe Zahl von Opfern verbreitet werden. Stattdessen wird die Botschaft übermittelt: Es hätte jeden treffen können, auch mich. Es wird sich zeigen, wie sehr sich die Australier von diesem Unsicherheitsgefühl anstecken lassen. Dabei ist es egal, ob der Täter in Sydney es überhaupt beabsichtigt oder nicht. Die Wirkung bleibt auch dank der IS-Propaganda die gleiche.

          Große Solidarität mit Muslimen

          Zudem wird der Graben, der sich zwischen Muslimen und Nichtmuslimen aufmacht, womöglich tiefer. Auch im traditionellen Einwandererland Australien gibt es Übergriffe auf Muslime, wird Frauen das Kopftuch abgerissen und Männern ins Gesicht gespuckt. Die Polizei teilte mit, sie werde auf „Gegenreaktionen“ gegen Muslime achten und sie nicht tolerieren. Nahezu gleichzeitig zur Geiselnahme hatten auch die Appelle an die Bevölkerung begonnen, sich nicht in Vorurteile und Anfeindungen zurückzuziehen.

          Besonders stark zeigte sich das in der Twitter-Kampagne unter dem Hashtag #Illridewithyou („Ich fahr mit Dir“). Darin solidarisierten sich Zehntausende australischer  Internetnutzer mit Muslimen. Sie versprachen, Muslime im öffentlichen Nahverkehr zu begleiten und ihnen beizustehen, wenn sie wegen ihrer als religiös identifizierbaren Kleidung Übergriffe fürchten müssten. Ob die Angebote überhaupt angenommen werden, ist zwar offen. Aber wie eine spitzfindige Kommentatorin feststellte, diente die gesamte Aktion wohl auch eher der Selbstvergewisserung der toleranten Mehrheit, als dem tatsächlichen Schutz der Muslime.

          Zu der Verarbeitung des Geiseldramas gehörte offenbar auch, dass die Polizei besonders ausgiebig mit Lob überhäuft wurde. Dabei schwiegen sich die Behörden den ganzen Tag darüber aus, wie die Stürmung des Cafés eigentlich abgelaufen war und ob die Kugeln, die zwei Geiseln das Leben kosteten, aus der Waffe des Täters stammten, oder ob sie möglicherweise im Feuergefecht von der Polizei getroffen worden waren.

          Dagegen wurde die Rolle der Medien überwiegend kritisch beurteilt, auch wenn sich die Presse mit der Weitergabe von Informationen stark zurückgehalten hatte, um die Sicherheit der Geiseln nicht zu gefährden. Doch die Berichterstattung rund um die Uhr, die auch dann die fortgesetzt worden war, als über Stunden keinerlei Bewegung in dem Café zu sehen war, wirkte auf viele übertrieben und auch kontraproduktiv.

          Das Ziel des Terrors sei es, Aufmerksamkeit zu erregen, Schrecken zu verbreiten und damit eine Überreaktion zu provozieren, schrieb der Kommentator Peter Hartcher im „Sydney Morning Herald“. Einem einzigen Bewaffneten sei es gelungen, dieses hohe Maß an Aufmerksamkeit zu gewinnen und den Alltag der Menschen aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Unser politisches und mediales System müssen besser darin werden, maßvoll zu reagieren“, schrieb der Journalist.

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