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Das Erbe Mussolinis : Mein Kampf auf Italienisch

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Gedenken an Mussolini: Vor dem Grab des italienischen Faschistenführers in Predappio Bild: (c) Jean-Patrick Di Silvestro/Co

In Predappio in den Hügeln der Romagna wird der „Duce“ wieder zum Leben erweckt. Touristen, Pilger und Faschisten strömen hierher. Die linke Stadtregierung hat kein Problem damit.

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          In Italien ist die Glorifizierung des Faschismus verboten, aber seine Verharmlosung nicht. Predappio in der Provinz Forli-Cesena lebt davon. Zufällig besucht wohl niemand den abgelegenen Ort in den Hügeln der Romagna mit seinen etwa 6500 Bürgern. Es gibt berühmte Weinorte in der Lambrusco-Region, Predappio gehört nicht dazu. Die Touristen und Pilger in diesem Ort lockt das Erbe von Benito Mussolini. Nicht nur Geburtshaus und Mausoleum. Das gesamte neue Predappio im Tal unter dem mittelalterlichen Dorf am Hang ist Schöpfung von Mussolinis Architekten.

          Dort können Faschisten in ihre Geschichte eintauchen, dem „Vater der Heimat“ huldigen und sich vom Faschismus inspirieren lassen; „denn der ist bis heute gültig, er muss nur aktualisiert werden“, sagt Mauro Antonini, der Vizepräsident der „Casapound“ in Rom. Nicht in Predappio, aber in 60 Orten Italiens gibt es die „Kultur- und Sozialzentren der Rechten“, die nach dem amerikanischen Lyriker und Mussolini-Fan Ezra Pound benannt sind. Sie finden mit Rap-Musik und ihren Rufen nach „Revolution und Tat“ vor allem bei der arbeitslosen Jugend Zuspruch. Man hört sie bei Fußballspielen gegen Ausländer grölen. Bisweilen gibt es Prügeleien mit den linken „Autonomen“. In manchen Kommunen - wie in Rom - nehmen sie politisch Einfluss. In der nationalen Politik aber spielen die Neofaschisten keine Rolle.

          In Predappio wird der „Duce“ zum Leben erweckt

          Dabei wird Mussolinis Erbe in Italien nicht verheimlicht. Es wird gepflegt. In der Villa Torlonia, seiner Staatsresidenz in Rom, oder im Hotel Campo Imperatore auf dem Gran Sasso der Abbruzzen, wo der Diktator nach seinem Sturz im Juli von dem königlichen Nachfolgeregime im September 1943 festgehalten wurde, bis ihn deutsche Fallschirmjäger ausflogen, können Besucher auf Mussolinis Spuren wandeln, Fotos betrachten und Möbel betasten. Vor allem in Predappio aber wird der „Duce“ zum Leben erweckt. Der Ort wird seit Jahrzehnten vom linksbürgerlichen Partito Democratico (PD) regiert. Zwischen ihm und der oppositionellen Partei des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dem Volk der Freiheit (PdL), besteht Einigkeit, dieses Erbe zu präsentieren.

          Faltblätter beschreiben den Weg durch den Ort: Im „Palazzo Varano“, wo heute der Stadtrat tagt, wohnten einst die Mussolinis. Im Kindergarten und Oratorium der Ursulinen aus den dreißiger Jahren, der nach dem Namen von Mussolinis Mutter der Heiligen Rosa von Lima geweiht ist, lässt sich ein Keramikbild bewundern, auf dem zwei Engel der Madonna und dem Jesuskind ein Liktorenbündel darreichen. Dies aus der römischen Zeit stammende Machtsymbol hatte die Partei Mussolinis für sich übernommen. Grundschule und Postamt, Kaserne und Gesundheitsamt bauten Mussolinis Architekten. Jetzt soll das alte Parteigebäude der Faschisten, das „Haus der Freundschaft“ renoviert werden. Sein Turm ist so hoch wie bei einer Kirche und symbolisiert faschistischen Machtanspruch.

          Die „Krypta“ - das Grab Mussolinis in Predappio
          Die „Krypta“ - das Grab Mussolinis in Predappio : Bild: action press

          Sonst hat Predappio nichts Militant-Pompöses. Man könnte den Ort in den grünen duftenden Hügeln trotz seiner strengen modernistischen Architektur mit großen Fensterfronten und viel Beton lieblich nennen. Wegen seiner sympathischen Schlichtheit lockt das Geburtshaus aus Kalksteinquadern, das wohl zu Mussolinis Jugend abseits stand. Mussolinis Mutter unterrichtete in der ersten Etage die Kinder des Dorfes. Ihr Mann soll gelegentlich in der Schmiede im Parterre gearbeitet haben. Im Übrigen habe Mussolinis Vater mit sozialistischen Parolen agitiert. So erzählt Julia Flamigni, die in der „Casa Natale Mussolini“ die Eintrittskarten verkauft.

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