https://www.faz.net/-gpf-vcbb

Nordirland-Einsatz beendet : Ein wohliges Triumphgefühl

Einsatzende nach 38 Jahren: Die britische Armee verlässt Nordirland Bild: AP

Ein Meilenstein ist im Friedensprozess in Nordirland erreicht worden. Nach 38 Jahren endet der Einsatz der britischen Armee mit einem Truppenabzug. Insgesamt kostete der Konflikt 3600 Menschen das Leben.

          Auf Platz drei der Bestsellerliste des Online-Shops von Sinn Fein, der Partei der radikalen irischen Nationalisten im britischen Nordirland, steht ein T-Shirt mit der Aufschrift „IRA – Undefeated Army“. Die Reverenz an die „Männer und Frauen, die den Kampf gegen die britische Besatzung Irlands“ angeführt haben kostet 15 Euro. Und es mag sein, dass der Absatz unter den ganz hartgesottenen irischen Nationalisten über Nacht einen explosionsartigen Absatz finden wird – denn in ihren Augen wird die Gewissheit der eigenen Ungeschlagenheit dadurch versüßt, dass die britische Armee um Mitternacht den längsten kontinuierlichen Einsatz ihrer Geschichte beendet hat und sich aus Nordirland zurückzieht. Zwar hatte die IRA bereits im Mai den „bewaffneten Kampf“ für beendet erklärt, ein wohliges Triumphgefühl werden sich manche in den einschlägigen Straßen Belfasts und Derrys aber gönnen.

          Richard Wagner

          Verantwortlich für politische Nachrichten.

          Dabei hatte alles vielversprechend angefangen in der Beziehung zwischen den – sozial und politisch benachteiligten – nordirischen Katholiken und der Armee. Als im Jahr 1969 treu zum Vereinigten Königreich stehende loyalistische Mobs in das irisch-katholische Viertel Bogside in Derry eindrangen und mit brutaler Gewalt gegen die Bewohner wüteten und kurz darauf die Angriffe auch in den katholischen Vierteln Belfasts um sich griffen, sah sich der damalige Premierminister Wilson genötigt, Truppen zu entsenden, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Die Katholiken empfingen die Soldaten am 14. August 1969 herzlich und mit offenen Armen.

          3600 Menschen verloren ihr Leben

          Sie sahen sie als Retter aus höchster Not. Die Flitterwochen waren aber nur von kurzer Dauer. Aufgeschreckt durch die Organisation der Selbstverteidigung der Katholiken, begannen die Soldaten, katholische Viertel nach Waffen zu durchkämmen. Der grausame Höhepunkt der sauer gewordenen Beziehung war am 30. Januar 1972, als britische Fallschirmjäger in einen friedlichen Protestzug in Londonderry feuerten. An diesem „Blutsonntag“ starben 14 katholische Demonstranten durch die Kugeln der Soldaten. Die Bluttat bescherte der IRA den größten Zulauf in ihrer Geschichte. Den nordirischen Katholiken galten forthin die Soldaten nur noch als „bewaffneter Arm des (britischen) Unionismus“ in Analogie zur Charakterisierung der IRA durch die Briten als „bewaffneter Arm des (irischen) Republikanismus“.

          Ende der „troubles”, die insgesamt 3.600 Menschen das Leben kostete

          Während der „Operation Banner“, die nun nach 38 Jahren zu Ende gegangen ist, kamen 300.000 Angehörige der Streitkräfte in der britischen Provinz zum Einsatz. Der IRA werden für die Zeit der „troubles“ - so heißen die zum Teil bürgerkriegsähnlichen Unruhen beschönigend - die meisten der 763 in Nordirland getöteten Armeeangehörigen angelastet. Die anderen Opfer gehen auf das Konto protestantischer paramilitärischer Verbände. Das letzte Opfer der Armee war 1997 zu beklagen. In der blutigen Bilanz Nordirlands steht die Armee mit 300 Opfern, die durch die Hände der Soldaten gestorben sind; insgesamt verloren in dem Konflikt mehr als 3.600 Menschen ihr Leben.

          Politische Annäherung der verfeindeten Volksgruppen

          Von nun hat das sichtbarste Zeichen eines gesellschaftlichen Ausnahmenzustandes seinen Platz nur noch in den Geschichtsbüchern. Dabei war schon während der politischen Achterbahnfahrt nach dem „Karfreitagsabkommen“ von 1998 einiges geschehen. Die politische Annäherung der verfeindeten Volksgruppen hatte zwar die im Friedensprozess zunächst dominierenden gemäßigten Kräfte verschlissen. Aber London hatte dennoch auf IRA-Vorstöße zur Entwaffnung reagiert und bereits im Sommer 2001 mit dem Abbau der bedrohlich wirkenden Wachttürme in der menschenarmen Landschaft an der Grenze zu Irland - dem sogenannten „Banditenland“ - begonnen.

          Als die Wahlen zur nordirischen Versammlung im November 2003 die radikalen Kräfte von Sinn Fein und der Demokratischen Unionisten Partei des Pfarrers Paisley, wenn auch noch nicht an die Macht, so doch in die Mehrheitsposition spülten, war das endgültige Aus des Friedensprozesses befürchtet worden. Das lange unversöhnliche Gegeneinander endete aber am 8. Mai 2007, als unter der Patenschaft des britischen Premierministers Blair und des irischen Ministerpräsidenten Ahern, Paisley das Amt des Ersten Ministers übernahm und der frühere Erzfeind Martin McGuinnes, einst „Generalstabschef“ der IRA, sein Stellvertreter wurde. Die suspendierte nordirische Regierung war damit vielleicht zum ersten Mal richtig zum Leben erweckt worden.

          Die Wunden sind längst nicht geheilt

          Nach dem Abzug der Truppen ist die zivile nordirische Polizei für die Sicherheit zuständig - die Übertragung der Verantwortung war möglich geworden, weil Sinn Fein im Januar das Gewaltmonopol des britischen Staates in Nordirland anerkannt hatte. Der Abzug der Truppen könnte einmal als Ende der „troubles“ dastehen, auch wenn die Wunden, die der Konflikt geschlagen hat, längst nicht geheilt sind.

          Ganz ohne Soldaten bleibt der Zipfel britischen Bodens im Nordosten der grünen Insel jedoch nicht: 5000 Soldaten sind weiterhin stationiert, allerdings nicht für Einsätze vor der Haustür, sondern in aller Welt.

          Weitere Themen

          Merkel ermutigt junge Forscher Video-Seite öffnen

          Preisverleihung in Berlin : Merkel ermutigt junge Forscher

          Bei der Vergabe des Preises für die originellste Arbeit beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ wies Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Fachkräftemangel im IT-Bereich hin. Gewinner waren dieses Jahr der 17-jährige Anton Fehnker und der ein Jahr ältere Simon Raschke.

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Am Ende fällt die Eintracht auseinander

          Achtbarer Auftritt, bitteres Resultat: Frankfurt erspielt sich beim Start in die Europa League Torchancen in Hülle und Fülle, muss sich aber dem FC Arsenal geschlagen geben. In der nächsten Partie wird ein wichtiger Spieler fehlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.