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Oberstes Gericht : Das Ende der Verherrlichung

Monumental: Das Valle de los Caidos, das Tal der Gefallenen, in dem bislang auch Francos Leichnam liegt. Bild: dpa

Es ist ein Sieg für Ministerpräsident Sánchez: Der Leichnam von Diktator Francisco Franco darf nach seinen Plänen umgebettet werden. Doch die meisten Spanier kümmert das wenig.

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          Die Demonstranten vor dem Barockbau des Obersten Gerichtshofs in Madrid mussten nicht lange warten. „Weder im Tal, noch in der Almudena“, hatten einige auf ihre Plakate geschrieben. Sie meinten damit die letzte Ruhestätte für den spanischen Diktator Francisco Franco. Die sechs Richter, die am Dienstag den Rechtsstreit schlichteten, waren alle derselben Meinung: Sie wiesen sämtliche Einwände von Francos Nachkommen zurück. Seine sterblichen Überreste können nun unter der Kuppel des monumentalen „Valle de los Caídos“, dem Tal der Gefallenen, exhumiert werden, auf das der Slogan der Demonstranten anspielte – und nicht nur das: Die Enkel Francos konnten sich offenbar auch nicht mit ihrem Wunsch durchsetzen, ihn in einem Familiengrab in der Krypta der Madrider Almudena-Kathedrale zu bestatten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Gerichtsentscheidung bedeutet eine späte Genugtuung für den geschäftsführenden spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez – genau an dem Tag, an dem der König das Parlament vorzeitig auflöste und der Vorwahlkampf für die zweiten Parlamentswahlen in diesem Jahr beginnt. Kaum war der sozialistische Ministerpräsident im Juni 2018 durch ein Misstrauensvotum an die Regierung gekommen, hatte er angekündigt, Franco innerhalb weniger Wochen umbetten zu lassen. Seine sozialistische Minderheitsregierung wollte das Valle de los Caídos in einen Ort der Versöhnung für alle Spanier verwandeln. Nach Sánchez’ Ansicht war an der Seite der Opfer des spanischen Bürgerkriegs kein Platz für einen toten Diktator. Die Umbettung sollte den Spaniern zeigen, dass eine neue Zeit begonnen hat.

          Mehr Spanier pilgerten zu Franco

          Aber die Ankündigung wurde zu einer peinlichen Hängepartie: Die Minderheitsregierung hatte die rechtlichen Hürden und den erbitterten Widerstand der Enkel Francos unterschätzt. Die erste Ankündigung der sozialistischen Minderheitsregierung hatte zunächst den gegenteiligen Effekt zur Folge. Seit Juni 2018 pilgerten immer mehr Spanier in die 30.000 Quadratmeter große Basilika, die einen Viertelkilometer tief in den Berg getrieben wurde. In den beiden Kapellen neben Francos Grab vor dem Hauptaltar sind 33.000 Gefallene des spanischen Bürgerkriegs beigesetzt. Viele Republikaner gegen den Willen ihrer Familien.

          Am 10. Juni sollte es dann nach einem entsprechenden Kabinettsbeschluss so weit sein. Nach offiziellen Angaben würde es 3800 Euro kosten und wenige Stunden dauern, um den Sarkophag mit dem einbalsamierten Leichnam unter der tonnenschweren Steinplatte zu entfernen. Aber Franco blieb in seinem täglich mit frischen Blumen geschmückten Grab liegen. Dieses Mal stoppte der Oberste Gerichtshof auf Antrag der Angehörigen die Regierung.

          Protest vor dem Obersten Gericht in Madrid

          Umso triumphierender klang am Dienstag Pedro Sánchez. Im Kurznachrichtendienst Twitter schrieb er vom Klimagipfel in New York: „Wir erleben heute einen großen Sieg der spanischen Demokratie. Die Entschlossenheit, das Leid der Opfer der Franco-Zeit wiedergutzumachen, hat immer das Handeln der Regierung geleitet.“ Aber auch Francos Familie gibt sich nicht geschlagen, sie erwägt, vor das spanische Verfassungsgericht oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. „Wir werden unseren Rechtsstreit bis zum Ende fortsetzen, damit Franco dort bleibt“, teilte die Francisco-Franco-Stiftung mit.

          Francos Erben wollten eine Beisetzung mit militärischen Ehren in der Almudena-Kathedrale

          Vor allem wollten seine Angehörigen und Anhänger nicht, dass er auf dem Friedhof von Mingorrubio seine letzte Ruhe findet. Das verlangt die Regierung. Nicht weit entfernt vom Schloss El Pardo, in dem Franco jahrzehntelang lebte und regierte, liegt auf dem Friedhof dessen Ehefrau begraben. Das Mausoleum, das an eine Kapelle erinnert, hält die Familie jedoch nicht für sicher genug: Ohne Polizeischutz drohe die Schändung des Grabes. Sie hatte die Regierung mit dem Wunsch in Bedrängnis gebracht, die sterblichen Überreste in der Krypta der Madrider Almudena-Kathedrale mit militärischen Ehren beizusetzen. Dort ist seit Anfang 2018 Francos einzige Tochter Carmen begraben. Doch das wollte die spanische Regierung auf keinen Fall. Sie fürchtete, dass sein neues Grab im Zentrum der Hauptstadt direkt neben dem Königspalast eine Pilgerstätte für seine Anhänger wird. Es wäre noch leichter zu erreichen gewesen als das Valle de los Caídos, das gut 50 Kilometer nordwestlich von Madrid in den Bergen liegt.

          Der Hausherr der Kathedrale, Erzbischof Carlos Osoro, erhob keine Einwände: Die Kirche könne der Familie den Wunsch nicht verwehren, ihn in ihrem eigenen Grab zu beerdigen, hatte er mitgeteilt. Daraufhin hatte sich die Regierung um Unterstützung im Vatikan bemüht, wo man nichts gegen eine Exhumierung hatte, sich sonst öffentlich aber nicht weiter festlegte. Am Ende berief man sich in Madrid auf das zu diesem Zweck ergänzte „Gesetz der historischen Erinnerung“, das die Verherrlichung des Diktators und seiner Gewaltherrschaft an prominenten Orten verbietet. Das sehen auch die Madrider Sicherheitsbehörden so. Sie befürchten einen ständigen Unruheherd im Herzen der Hauptstadt und eine Gefahr für die Sicherheit der Kathedrale. Dieses Argument hat offenbar auch die Richter überzeugt.

          Die Regierung will rasch handeln

          Sánchez’ Stellvertreterin Carmen Calvo kündigte am Dienstag an, den Richterspruch so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen – noch vor den Neuwahlen am 10. November. Umfragen lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass die Einlösung seines alten Versprechens Sánchez dabei helfen könnte, endlich eine Regierungsmehrheit zu finden: Für die Aufarbeitung der Vergangenheit interessieren sich nur wenige Spanier. Die meisten machen sich mehr Gedanken über ihren Arbeitsplatz, die weiterhin grassierende Korruption und beklagen die Unfähigkeit der Politiker, sich zu einigen.

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