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Das Attentat in Paris : Morde gegen die Gespräche

Kurden demonstrieren in Paris, während die Polizei die drei Leichen der ermordeten Frauen abtransportiert. Bild: AFP

Seit kurzem verhandelt die türkische Regierung mit der PKK. Vermutlich hängt die Bluttat von Paris damit zusammen - auf beiden Seiten brauchen radikale Elemente den Konflikt.

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          Hüseyin Celik wusste es ganz schnell ganz genau: Ohne eine Mitteilung der französischen Behörden abzuwarten, ging der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Regierungspartei AKP am Donnerstag an die Öffentlichkeit und stellte fest, dass es sich bei dem Dreifachmord zu Paris um eine interne Abrechnung der kurdischen Terrororganisation PKK handele. Wie er, bevor von der französischen Polizei oder einer an deren offiziellen Stelle eine Stellungnahme zu der Ermordung von drei kurdischen Aktivistinnen vorlag, zu diesem Wissen kam, behielt Celik für sich.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Für die Demonstranten, die sich am Donnerstag in der Rue Lafayette versammelt hatten, dem unweit des Gare du Nord gelegenen Tatorts, trug die Bluttat indes die Handschrift des türkischen Geheimdienstes, des „tiefen Staates“. Als sich der französische Innenminister Manuel Valls am Vormittag dem Gebäude näherte, in dem die drei Frauen erschossen worden waren, skandierten sie „wir sind alle PKK“ und schwenkten Fahnen, auf denen der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan zu sehen ist. Auf Spruchbändern stand zu lesen: „Türkei Mörder, Hollande Komplize“. Valls bezeichnete die Morde als „unerträglich“ und bekundete „die Entschlossenheit der französischen Behörden die Tat aufzuklären“. Zu den möglichen politischen Hintergründen wollte sich der Minister nicht äußern: „Wir müssen die Ermittlungsergebnisse abwarten.“

          Womöglich kannten die Frauen die Täter

          Um viertel vor zwei in der Früh am Donnerstag war die Polizei in die erste Etage des Gebäudes mit der Hausnummer 147 der Rue Lafayette gerufen worden. Dort hat das „Informationszentrum Kurdistan“ seinen Sitz, eine nur Kennern des kurdischen Milieus in Paris bekannte Adresse. Es gibt kein Hinweisschild auf das „Centre d’Information du Kurdistan“ an der Tür. Ein Sicherheitscode regelt den Zugang zu dem Gebäude. Die Ermittler vermuten deshalb, dass die Frauen dem Täter oder den Tätern die Tür öffneten, sie womöglich kannten. Zur Tatzeit waren die drei allein in dem Büro.

          Alarm geschlagen hatte eine Bekannte einer der Frauen. Sie war mit Bekannten zum Informationszentrum gegangen und hatte Blutspuren an der Tür entdeckt. Man habe diese daraufhin aufgebrochen und die drei Leichen gefunden, berichtete der Leiter des Zentrums, Leon Edart. Zwei Frauen seien mit einem Nackenschuss getötet worden, dem dritten Opfer wurde in die Schläfe und in den Bauch geschossen. Ein Nachbar will am Mittwoch gegen 18 Uhr eine Detonation gehört haben. Andere Quellen sprechen davon, die Täter hätten Waffen mit Schalldämpfern benutzt.

          Cansiz war das Hauptziel

          Nach ersten Informationen war die 1958 geborene Sakine Cansiz das Hauptziel des Mordkommandos. Sie zählt zu den Gründungsmitgliedern der auf der EU-Terrorliste stehenden „kurdischen Arbeiterpartei“ PKK, saß mehrere Jahre in türkischen Haftanstalten ein, war zeitweise in Hamburg aktiv und soll erst vor kurzem Asyl in Frankreich erhalten haben. Eine kurdische Journalistin, die sie zu Wochenbeginn in Paris interviewte, sagte, Sakine Cansiz habe nichts von einer besonderen Bedrohung erwähnt und sei nicht „beunruhigt“ erschienen.

          Gründungsmitglied der PKK: Sakine Caniz mit Öcalan
          Gründungsmitglied der PKK: Sakine Caniz mit Öcalan : Bild: REUTERS

          Zu den Opfern zählt zudem die 32 Jahre alte Fidan Dogan, die in dem Informationszentrum als feste Bürokraft wirkte und den „Nationalkongress Kurdistan“ in Paris repräsentierte. Das jüngste Opfer ist Leyla Soylemez, die in kurdischen Jugendorganisationen aktiv gewesen sein soll. In Frankreich leben etwa 150.000 Kurden, lange war die frühere Präsidentengattin Danièle Mitterrand als „Mutter aller Kurden“ ihre Schutzpatronin.

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