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Modrow in Pjöngjang : „Kim Jong-un ist nicht verblödet“

Die amerikanische Regierung verlangt klar die vollständige und unumkehrbare Denuklearisierung Nordkoreas, bevor Gegenleistungen wie Sanktionslockerungen in Frage kommen. Glauben Sie, dass es Kim Jong-un ernst damit meint?

Ich kann mir das vorstellen. Aber noch nicht jetzt. Eine Voraussetzung wäre ein Friedensvertrag, bislang gibt es ja nur einen Waffenstillstand. Jetzt ist die Frage: Wie kommt man zu einem Friedensvertrag? Das ist keine Frage mehr von Erklärungen, sondern von Verhandlungen. Kim Jong-un ist ein rationaler Akteur, der noch dazu in der Schweiz ausgebildet wurde. Der ist in der Schweiz nicht verblödet.

Aber Abkommen können wieder gekündigt oder gebrochen werden. Ist die atomare Bewaffnung nicht die beste Möglichkeit für Kim, seine Macht dauerhaft zu zementieren?

Im Moment ja. Aber es existieren mehrere Ebenen: Der südkoreanische Präsident Moon hat ein Interesse daran, dass der Friedensprozess weitergeht. Sonst ist er mitsamt seiner Regierung schnell weg vom Fenster. Der Süden wird deshalb ein Interesse daran haben, nicht nur an amerikanische Politik gebunden zu sein. Darin liegt eine Chance.

Sie hatten schon als SED-Chef von Dresden mit Nordkorea zu tun. Nämlich als Sie 1984 Staatsgründer Kim Il-sung bei seinem Staatsbesuch in der DDR trafen. Was war sein Anliegen damals?

Seine Haltung war: Nie wieder Krieg. Er wusste: Wenn es wieder einen Krieg geben sollte, wäre Amerika wieder dabei. Er hatte Sorgen vor den Ausmaßen einer solchen Auseinandersetzung.

Hans Modrow (l.) 1984 als SED-Bezirksleiter in Dresden. Zusammen mit der damaligen DDR-Chefdolmetscherin Helga Picht begrüßt er Nordkoreas Diktator Kim Il-sung.

Gibt es Befürchtungen bei Ihren nordkoreanischen Gesprächspartnern, dass der Norden im Falle einer Wiedervereinigung vom Süden geschluckt wird? Dass Nordkorea untergeht wie seinerzeit auch die DDR?

Das ist im Moment kein Thema, weil sie als souveräner Staat agieren. Und sich sehr bewusst sind, dass sie das schon seit Jahren und Jahrzehnten tun.

Michael Kirby, der 2014 für die UN einen umfassenden Bericht zur schlechten Lage der Menschenrechte in Nordkorea vorgelegt hat, mahnt, die Welt solle das Thema Menschenrechte bei den Verhandlungen nicht vergessen. Stimmen Sie Kirby zu? Folter, Lagerhaft, Hinrichtungen – das alles gibt es doch in Nordkorea.

Ich halte es im Moment für falsch, das groß zu thematisieren. Dadurch würde der Friedensprozess torpediert und alles, wofür sich Moon Jae-in derzeit einsetzt. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt. Aber wer den Prozess stören will, soll das Thema aufbringen – danach erreicht man gar nichts mehr.

Aber das geht doch nur, wenn man sich sicher ist, dass Nordkorea die Menschenrechtslage im Laufe des Friedensprozesses von alleine verbessert. Glauben Sie wirklich daran?

Meine Überzeugung ist: Wer jetzt keine Ruhe hat, den Prozess nach vorne zu bringen, nicht begreift, was seit Jahren und Jahrzehnten in Korea eingefroren ist und das jetzt alles innerhalb eines Jahres auftauen will, der begreift die Schärfe des Konflikts nicht.

Zur Person

Hans Modrow, geboren 1928, war von November 1989 bis April 1990 der letzte Vorsitzende des Ministerrates der DDR – und damit letzter Chef einer SED-Regierung. Er ist Vorsitzender des Ältestenrates der Partei Die Linke.

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