https://www.faz.net/-gpf-15a2r

Darfur : Im Land des Staubs und der Rechtlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Nur das Nötigste im Gepäck: Den Menschen bleibt auf ihrer Flucht aus dem Krisengebiet nicht viel Bild: REUTERS

Etwa 250.000 Flüchtlinge aus der sudanesischen Krisenregion Darfur leben in Flüchtlingslagern im Nachbarland Tschad. Auf beiden Seiten der Grenzen herrscht Gewalt - eine EU-Mission soll wenigstens Flüchtlinge und Hilfsorganisationen schützen.

          6 Min.

          Mehr als fünf Jahre ist es her, seit Kartouma Fadoul bei einem Überfall zwölf Angehörige verloren hat. Im Morgengrauen, als die meisten im Dorf noch schliefen, seien die fremden Männer gekommen, hätten Feuer gelegt, gemordet, vergewaltigt, Müttern die Kinder geraubt und das Vieh mit sich fortgetrieben, berichtet die junge Frau. Einige ihrer Brüder, Onkel und Tanten wurden bei dem Angriff getötet. Sie selbst konnte mit anderen Dorfbewohnern fliehen.

          Doch die Angst ist geblieben, auch wenn Kartouma mit ihren Kindern schon lange in einem Lager des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) auf der anderen Seite der Grenze Sicherheit und Geborgenheit gefunden hat: Angst vor den Dschandschawid, den arabischen Reitermilizen, die seit 2003 im Auftrag oder zumindest mit Billigung der Regierung Sudans die schwarzafrikanischen Stämme in der westsudanesischen Provinz Darfur in Schrecken versetzen. Sie hat Angst, sich mehr als ein paar Kilometer aus dem Lager zu entfernen, und Angst vor einer Rückkehr nach Darfur.

          Brandschatzung, Mord, Vertreibung

          Etwa 18.000 Menschen, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, haben im Flüchtlingslager Djabal im Südosten Tschads eine neues Zuhause gefunden. In einer einfachen, nur mit geflochtenen Matten und roh gezimmerten Holzbänken ausgestatteten Hütte, hat sich eine kleine Gruppe von Dorfältesten und Frauenbeauftragten aus dem Lager versammelt und antwortet auf Fragen der Besucher. Die Männer tragen Turbane und lange weiße Gewänder, die Frauen grellbunte Kleider und wehende Tücher, die sie über den Kopf ziehen können. Ihre Berichte handeln von Brandschatzung, Mord und Vertreibung, und immer wieder ist das Wort „Dschanschawid“ herauszuhören. Einer der Dorfältesten sagt, er habe mit ansehen müssen, wie man einem jüngeren Bruder die Kehle durchschnitt und andere Dorfbewohner lebend ins Feuer warf. Ein anderer Ältester verlangt „Gerechtigkeit“ - er meint damit materielle Wiedergutmachung und die Bestrafung Präsident Baschirs, gegen den der Internationale Strafgerichtshof gerade Haftbefehl erlassen hat. Wie sollte sonst jemals eine Rückkehr der Flüchtlinge möglich sein?

          Die Flüchtlinge leben auf engstem Raum in einfachen Hütten aus geflochtenen Matten

          Der Konflikt zwischen dem Regime in Khartum und Rebellenbewegungen in Darfur hat nach Schätzungen internationaler Hilfsorganisationen bisher 250.000 Menschen das Leben gekostet, mehr als zweieinhalb Millionen sind aus ihren Dörfern vertrieben worden. So ist das Gebiet beiderseits der Grenze zwischen Sudan und Tschad zu einer Konfliktzone geworden, in der nur noch Rechtlosigkeit und Gewalt herrschen. Darfur-Rebellen wie die „Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit“ (JEM) werden vom Militärregime des tschadischen Präsidenten Idriss Déby offen unterstützt. Und Khartum revanchiert sich, indem es Rebellengruppen aus Tschad Hilfe und Zuflucht gewährt, die den früheren Armeechef Déby von der Macht vertreiben wollen.

          Hilfsorganisationen werden oft überfallen

          In zwölf Flüchtlingslagern im Osten Tschads leben etwa 250.000 Menschen. Nach Angaben des UNHCR werden dort oft Waffen versteckt und Kämpfer für Rebellenbewegungen und andere Banden rekrutiert - auch unter Minderjährigen, und nicht selten mit Gewalt. Vereinzelt sollen sich „bewaffnete Elemente“ sogar in den Lagern aufhalten. Mitarbeiter ausländischer und internationaler Hilfsorganisationen werden oft überfallen, denn ihre geländegängigen Fahrzeuge, ihre Laptops und Satellitentelefone sind unter Rebellen und Banditen begehrt. Einige Ausländer sind bei Überfällen getötet worden.

          Weitere Themen

          Unter starken Männern

          Libyen-Konferenz in Berlin : Unter starken Männern

          Wenn in Berlin über Libyen verhandelt wird, geht nichts ohne Erdogan und Putin. Sie bauen ihre Macht in der arabischen Welt aus und machen Europa Angst.

          Ende ausländischer Einmischung gefordert Video-Seite öffnen

          Libyen-Konferenz : Ende ausländischer Einmischung gefordert

          In Berlin hat am Nachmittag die internationale Libyen-Konferenz begonnen. Die Bundesregierung und die UNO hoffen, dass es in Berlin zu einer Einigung über eine Festigung der Waffenruhe kommt.

          Topmeldungen

          Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht Mitte Januar bei einer Wahlkampfkundgebung im Bundesstaat Wisconsin.

          Wahlen in Amerika : Die Opposition muss draußen bleiben

          In der republikanischen Partei gibt es durchaus ein paar Trump-Gegner, sie haben aber meist keine gewählten Ämter. Eine neue Lobbygruppe ruft in ihrer Verzweiflung nun zur Wahl von Demokraten auf.
          Dubravko Mandic vergangenen Herbst in Leipzig

          Protest der AfD gegen SWR : Eine Grenze überschritten

          Nach dem „Oma-Video“ hat die AfD in Baden-Baden gegen die Öffentlich-Rechtlichen gehetzt, darunter der Politiker Dubravko Mandic. Der Auftritt könnte strafrechtliche Folgen haben.

          Harry und Meghan : Ohne königlichen Glanz

          Ein unabhängigeres Leben führen und dennoch im Namen der Königin auftreten, das war der Plan von Harry und Meghan. Er hat sich nicht erfüllt. Und nun sinkt auch noch die Beliebtheit des Rotschopfs. Schwere Zeiten für das einstige königliche Traumpaar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.