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Darfur-Flüchtlinge in Tschad : „Sie finden zu Hause nur verbrannte Erde“

  • Aktualisiert am

Von Darfur nach Tschad: Flucht durch einen Sandsturm Bild: dpa

Etwa 230.000 Menschen aus Darfur sind nach Tschad geflohen. Hinzu kommen mehr als hunderttausend Binnenflüchtlinge. Sharon Blumenthal arbeitet für „Care Deutschland“ in den Flüchtlingslagern. Mit ihr sprach Oliver Hoischen.

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          Etwa 230.000 Menschen aus Darfur sind nach Tschad geflohen. Dort gibt es zu alledem auch noch mehr als hunderttausend Binnenflüchtlinge. Sharon Blumenthal arbeitet für die Hilfsorganisation „Care Deutschland“ in den Flüchtlingslagern. Mit ihr sprach Oliver Hoischen.

          Frau Blumenthal, Sie waren schon mehrmals für Care Deutschland in Flüchtlingslagern in Tschad und kommen gerade von dort zurück. Was haben die Leute hinter sich, wenn sie in Ihre Lager kommen?

          Viele waren bei den Angriffen der berüchtigten arabischen Reitermiliz der Djandjawid auf ihre Dörfer dabei, mussten mit ansehen, wie ihre Häuser angesteckt, wie Familienangehörige ermordet, Frauen vergewaltigt wurden. Andere haben gesehen, wie ihr Nachbardorf brannte, und sind sofort geflohen. Manche waren einen Monat unterwegs, oft nachts, weil sie Angst vor Angriffen der sudanesischen Armee aus der Luft hatten. Wenige Glückliche hatten einen Esel. Der Strom dieser Flüchtlinge hat in letzter Zeit aber nachgelassen.

          Wie leben die Leute in Tschad?

          Es gibt ungefähr 230.000 Flüchtlinge, von denen sind etwa 10.000 in den Dörfern der lokalen Bevölkerung untergekommen, zum Teil handelt sich ja um die gleichen Volksstämme, die Zaghawa und die Fur. Als die ersten Flüchtlinge kamen, war die Bereitschaft groß, sie aufzunehmen und zu unterstützen. Das war vor vier Jahren. Später entstanden die Flüchtlingslager, von denen Care drei in der Nähe der Stadt Eriba betreut mit insgesamt 60.000 Menschen.

          Man muss sich das so vorstellen: Man fährt durch die Wüste, dann kommt eine Schranke, und auf einmal haben Sie ein riesiges Meer an braunen, zerschlissenen Zelten vor sich. So eine Zeltstadt ist in Blocks und Zonen unterteilt. Es gibt einen Markt, eine Krankenstation, Schulen für die Kinder. Mit Lehm und Wasser versuchen die Leute, sich Mauern um die Zelte zu bauen. Drinnen ist es nicht zum Aushalten, viele wollen draußen schlafen. Gerade hat die Regenzeit begonnen, es kommt zu Erdrutschen und Überschwemmungen.

          Hoffen die Flüchtlinge, dass sich die Lage in Darfur verbessert, jetzt, da eine starke UN-Truppe in Aussicht gestellt wurde?

          Alle sagen natürlich, sie wollen zurück, aber sie sind sehr skeptisch und resigniert. Die haben Schlimmes erlebt. Und auch wenn sie wirklich zurückkehren könnten - dann geht die Arbeit doch erst los, dann müssen die Dörfer wieder aufgebaut werden. Sie finden zu Hause ja im wahrsten Sinne des Wortes nichts vor als verbrannte Erde. Wir stellen uns darauf ein, dass es die Lager in Tschad noch mehrere Jahre geben wird.

          Sind die Flüchtlinge vor Übergriffen sicher?

          Nicht unbedingt. Es ist vorgekommen, dass die Rebellen, die gegen die Djandjawid kämpfen, Mitkämpfer im Lager rekrutieren. Zudem ist die Sicherheitslage im Osten Tschads in letzter Zeit immer schlechter geworden, weil sich die tschadischen Rebellen, die die Regierung in N'Djamena bekämpfen, dorthin zurückgezogen haben.

          In diesem Durcheinander hat die Kriminalität erheblich zugenommen, auch auf Autos und Büros der Hilfsorganisationen gab es Überfälle. Man kann da leicht zwischen die Fronten geraten. Als die Stadt Abéché im November in die Hände der Rebellen fiel, gab es heftige Kämpfe. Manche Flüchtlingslager werden mittlerweile von der tschadischen Gendarmerie bewacht.

          Stellen die Reiter der Djandjawid den Flüchtlingen nach?

          Nicht in den Lagern, aber weiter südlich kommt es zu solchen Übergriffen. Sie müssen wissen: Es gibt ja auch 150.000 bis 170.000 Binnenflüchtlinge in Tschad, also Leute, die in ihrem eigenen Land vertrieben wurden. Einige von ihnen, die aus dem Grenzgebiet im Süden stammen, wurden von den Djandjawid vertrieben, die kamen aus Sudan und haben auch auf tschadischer Seite Dörfer niedergebrannt.

          Die Auseinandersetzungen in Sudan greifen auf Tschad über. Und umgekehrt: Es gibt ja arabische Stämme in Tschad, die sich an Überfällen in Darfur beteiligt haben. In Tschad gibt es hausgemachte Konflikte: Im Südosten des Landes kann die Staatsmacht nicht für Sicherheit sorgen. Sie hat ihr Militär vor allem in den Städten gebündelt und ist ganz mit dem Kampf gegen die Rebellen beschäftigt, die fast die Hauptstadt N'Djamena eingenommen hätten. Das ist alles etwas kompliziert. Einige Sudanesen aus Darfur sind ja auch in die Zentralafrikanische Republik geflüchtet. Wenn der Darfur-Konflikt gelöst würde, wäre die Region stabiler.

          (Siehe dazu: Deutsche Afrika-Politik: Mehr als Krieg und Hunger)

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