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Massaker in Caen am D-Day : „Nach der Mittagspause gingen die Exekutionen weiter“

Präsident Emmanuel Macron begrüßt einen Veteranen. Bild: EPA

Als die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie landeten, wurden im Gefängnis von Caen Dutzende Widerstandskämpfer hingerichtet. Die Umstände wurden nie ganz aufgeklärt. Der 94 Jahre alte Bernard Duval teilt seine Erinnerungen in Caen mit Frankreichs Präsident Macron.

          3 Min.

          In der großen Heldenerzählung des D-Day wäre es beinahe vergessen worden, das Massaker der Gefangenen von Caen. Doch jetzt steht der 94 Jahre alte Bernard Duval vor dem französischen Präsidenten, das Haupt vom Alter gebeugt, aber die Stimme fest: „Es war eines der Massaker, wie sie das Nazi-Regime zum Schluss organisierte.“

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Für geschätzte 87 Mitglieder der Résistance im Alter zwischen 18 und 66 Jahren, die im Gefängnis der normannischen Stadt Caen auf ihren Prozess warteten, sollte „der längste Tag“ der kürzeste werden. Gleich am Morgen, als die Nachricht von der Landung der Alliierten an der etwa 35 Kilometer entfernten Küste die Runde machte, wurden sie aus ihren Zellen gezerrt. In Sechserreihen, „die Hände über dem Kopf“, mussten sie in den Gefängnishof treten – und wurden erschossen. „Um zwölf Uhr war Mittagspause, aber leider gingen die Exekutionen am Nachmittag weiter“, erinnerte Duval vor den geladenen Gästen. Zum ersten Mal wohnte ein französischer Präsident der Gedenkzeremonie an der Haftanstalt von Caen bei, die Hinterbliebene und Nachfahren der ermordeten Résistance-Kämpfer jedes Jahr zum 6. Juni organisieren.

          Die Umstände bleiben im Dunkeln

          Das Massaker verübten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS auf Geheiß des Gestapo-Leiters von Caen, Harald Heyns. Die Umstände sind aber nie gänzlich aufgeklärt worden. Ein Teil der Ermordeten ist bis heute nicht identifiziert, die Leichen sind verschwunden. „Es bleibt ein Mysterium“, sagte Duval, der selbst wie durch ein Wunder den Exekutionen entkam. Am 20. Mai 1944, zwei Wochen vor der Anlandung, wurde der Tischlerlehrling aus dem Gefängnis in ein Übergangslager verlegt, „um mit dem letzten Konvoi in ein Konzentrationslager nach Deutschland gebracht zu werden“, wie er sagte. Duval überlebte in Neuengamme, später in Sachsenhausen.

          Zu den Gästen der Gedenkfeier zählten nicht nur Familienangehörige der getöteten Résistance-Kämpfer, sondern auch Schulkinder aus Caen. „Wir müssen die Erinnerung pflegen, sie von Generation zu Generation weiterreichen“, sagte Präsident Macron am Ende der Zeremonie. Gerade weil es immer weniger Zeitzeugen gebe, gelte es, die Geschichte zu vermitteln.

          Duval hat seine Erinnerungen in einem Buch „Une jeunesse volée, j’avais 19 ans en 1944“ (etwa: Eine gestohlene Kindheit, ich war 1944 19 Jahre alt) niedergeschrieben. Er ist nicht müde geworden, in Schulklassen sein Erleben zu schildern. Anfang März 1944 waren er und Mitstreiter aus der Résistance festgenommen und im Gefängnis in Caen eingesperrt worden. Er kannte viele der Männer, die am D-Day erschossen wurden. Sie zählten zu den normannischen Widerstandsnetzwerken – Informanten, die ihren Chefs in London wertvolle Hinweise auf die Struktur des „Atlantikwalls“ und die Stellungen der Wehrmacht übermittelten. Der Tischlerlehrling Duval war mit seinem Freund, einem Metalldreher, zu Hilfsdiensten an den Bollwerken herangezogen worden, die ständig nachgebessert wurden. Duval und sein Freund nutzten die Gelegenheit, um Baudokumente zu entwenden, doch das führte zu einer Großrazzia, bei der sie aufgegriffen wurden.

          Zeremonie vor dem Gefängnis in Caen
          Zeremonie vor dem Gefängnis in Caen : Bild: AP

          Als der deutsche Kommandant des Gefängnisses von Caen von der Landung der Alliierten erfuhr, entschied er, seine Dienstanweisungen für diesen Fall zu befolgen. Er wollte sämtliche Gestapohäftlinge nach Deutschland schicken, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fielen. Doch durch die Bombenangriffe der Alliierten auf den Bahnhof von Caen war das Schienennetz zerstört worden. Gegen acht Uhr morgens befahl Heyns deshalb, die Häftlinge sofort zu exekutieren. Ihre Leichen warf man in eilig ausgehobene Gräben in den Innenhöfen und bedeckte sie mit Kalk. Ende Juni 1944 kehrte eine Abordnung der Waffen-SS zurück, exhumierte die Leichen und brachten sie mit Lastwagen an einen bis heute unbekannten Ort.

          Vor diesem Hintergrund hat eine Recherche der Zeitung „Le Monde“ in Frankreich Anfang Juni Aufsehen erregt. Demnach erhalten bis heute noch vier ehemalige Waffen-SS-Angehörige in Frankreich monatliche Zusatzrenten aus Deutschland. Die deutschen Stellen weigerten sich, die Identität der Nutznießer zu enthüllen, schrieb die Zeitung. Insgesamt haben etwa 2000 im Ausland lebende Menschen Anspruch auf Leistungen nach dem Bundesversorgungsgesetz. Es wurde im Jahr 1950 verabschiedet, um Kriegsgeschädigte zu unterstützen. Dabei kann es sich um Zivilisten handeln, aber auch um ehemalige Wehrmachtssoldaten und Angehörige der Waffen-SS. Die Waffen-SS ist in Frankreich für Massaker in Oradour-sur-Glane sowie in Tulle verantwortlich. Die französische Kriegsveteranen-Staatssekretärin Geneviève Darrieussecq forderte deshalb die Bundesregierung auf, die Identität der Zusatzrentenempfänger aus der Waffen-SS zu übermitteln.

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