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Cyberangriff in Israel : Das Telefon des Kandidaten

Früherer Generalstabschef und wichtigster Herausforderer Benjamin Netanjahus: Benny Gantz Bild: EPA

Auch Israels Wahlkampf wird von einem Cyberangriff überschattet. Steckt Iran dahinter?

          3 Min.

          Der Wahlkampf in Israel hat eine Wendung genommen, die an Vorkommnisse in Amerika, Frankreich und an das Brexit-Referendum erinnert: Ausländische Mächte beeinflussen die Öffentlichkeit über soziale Medien. Das Mobiltelefon des wichtigsten Herausforderers des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ist angezapft worden. Und zwar vom iranischen Geheimdienst, wie im israelischen Fernsehen berichtet wurde. Persönliche Daten seien gestohlen worden und der Kandidat Benny Gantz demnach erpressbar. Agenten des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet hätten Gantz mitgeteilt, dass ihm kurz nach seinem Eintritt in die Politik im Dezember persönliche Daten gestohlen wurden. Die Rede von einem Sexvideo machte die Runde in den sozialen Medien.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Die Blau-Weiß-Partei von Gantz bestätigte, dass der Kandidat über einen Hackerangriff informiert worden sei. Nicht aber, dass Iran dahinter stecke. Dies zu verbreiten sei vielmehr eine Deutung Netanjahus. Es gebe „tausend iranische Cyberangriffe oder versuchte Angriffe“, dies sei „keine ungewöhnliche Sache – das einzig Ungewöhnliche ist, dass sich Netanjahu erlaubt, Israels Sicherheit zu benutzen, weil er glaubt, er verliert die Wahl“, sagte Jair Lapid, der auf Listenplatz zwei von Blau-Weiß antritt. Der frühere Generalstabschef Gantz selbst wies zurück, erpressbar zu sein. Die verbreiteten Gerüchte seien nichts als Klatsch und entbehrten jeder Grundlage.

          Seine Partei beantragte bei der Generalstaatsanwaltschaft, die Weitergabe der Informationen an die israelische Öffentlichkeit zu untersuchen. Diese stammten „aus einem gewissen Büro in Jerusalem“, und seien von einer Person zu verantworten „mit Zugang zu sensiblen Sicherheitsinformationen und einem Interesse, Gantz zu schaden“. Tatsächlich verschickt Netanjahus Likud-Partei neuerdings Nachrichten in den sozialen Medien, in denen sie Wähler fragt, ob man einen Kandidaten wählen möchte, der von Iran unterstützt werde.

          Netanjahu selbst verbreitete über Twitter ein Video, in dem Gantz und Lapid unterstellt wird, „sie vertuschen, dass das iranische Regime sie offen unterstützt und dass sie das iranische Atomabkommen befürworten“. Weiter verbreitete der Likud, Gantz sei während seiner Zeit als Generalstabschef stets gegen einen Angriff auf iranische Atomanlagen gewesen. Zwar gilt dies nahezu für die gesamte israelische Militärführung der vergangenen Jahre, doch hat es Netanjahu in jedem Fall geschafft, ein neues und eigentlich ganz altes Thema in den Mittelpunkt des israelischen Wahlkampfs zu stellen: Iran.

          Gleichzeitig gab das Büro des Ministerpräsidenten bekannt, dass der  Shin-Beth-Chef Netanjahu nicht im Vorfeld über den Cyberangriff unterrichtet habe. Über einen möglichen Kontakt zu anderen Geheimdiensten wurde dagegen nichts mitgeteilt. Sowohl der Shin Bet als auch der Auslandsgeheimdienst Mossad sowie das Nationale Cyber-Direktorat unterstehen direkt dem israelischen Ministerpräsidenten. Der Shin Bet gab keine öffentliche Stellungnahme ab.

          „Der Kampf um unsere Demokratie beginnt jetzt“, sagte der Cyber-Unternehmer Erel Margalit zu dem Hackerangriff. „Sie haben es mit Hillary Clinton gemacht, mit dem Brexit in Großbritannien, und sie machten es gegen Macron in Frankreich.“ Margalit ist einer der größten israelischen Investoren im Bereich der Cybersicherheit und saß als Politiker für die Arbeiterpartei in entsprechenden Komitees der Knesset. Israel wählt im April. „Es besteht die unmittelbare Gefahr, dass Israels Wahlen Schaden nehmen durch äußere Akteure, die sich mit einheimischen Akteuren verbinden“, sagte Margalit.  

          Wahlplakate in Bnei Brak, Israel
          Wahlplakate in Bnei Brak, Israel : Bild: AP

          Er nannte Netanjahu in diesem Zusammenhang, ohne Beweise vorzulegen. „Im Augenblick ist Israels zivile Cyberabwehr direkt einem politischen Akteur unterstellt, gegen den ermittelt wird, ein Akteur unter Verdacht, in Bestechung verwickelt zu sein und der keinerlei Hemmungen hat – die Öffentlichkeit ist sich der Gefahr nicht bewusst“, so Margalit. In israelischen Medien wurde darüber spekuliert, dass sich auch eine andere Macht gleichsam unter iranischer Tarnung in den Wahlkampf eingemischt haben könnte. „Es könnte Iran und es könnte Russland gewesen sein“, schrieb der Chefredakteur der „Jerusalem Post“.

          So etwas wirkt vielen plausibel. Ein Offizier der militärischen Cyberabwehr sagte FAZ.NET im November, dass Israel jeden Tag Tausenden Cyberangriffen ausgesetzt sei. Viele, aber nicht alle der Angriffe seien auf iranische Kräfte zurückzuführen. Oft liefen Cyberangriffe ohnehin indirekt ab und würden ihren Weg durch die digitalen Netzwerke verschiedener Länder nehmen. Russland nannte er in diesem Zusammenhang nicht direkt: aber als eine der führenden Cybermächte der Welt.

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