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Suche nach Durchstecher : Wer hat Johnsons Nachrichten verbreitet?

Wer leakt seine Textnachrichten? Der britische Premierminister Boris Johnson am Freitag in Stoney Middleton im Nordwesten Englands beim Besuch eines Bauernhofs Bild: AFP

Seit Monaten werden persönliche Textnachrichten des britischen Premierministers geleakt. Als möglicher Urheber gilt dessen früherer Berater Dominic Cummings. Beobachter warnen vor einem Kampf, den Johnson nur verlieren könne.

          3 Min.

          Seit Monaten schon finden persönliche Textnachrichten Boris Johnsons den Weg in die Öffentlichkeit, was die Opposition freut und den Bürgern zuweilen unterhaltsame Einblicke in den Kommunikationsstil ihres Premierministers gewährt. Johnson selbst ist offenbar weniger amüsiert und leitete nun eine interne Untersuchung ein. Laut mehrerer Zeitungsberichte hat sich die Suche nach der „chatting rat“, der „geschwätzigen Ratte“, sehr schnell bei einem alten Bekannten einjustiert: Dominic Cummings, Chefberater des Premierministers bis Ende vergangenen Jahres.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Dessen Vertraute weisen den Verdacht empört von sich, aber Cummings gehörte zu einer kleinen Whatsapp-Gruppe, in der politisch relevante Nachrichten von und an Johnson zirkulierten. Den letzten Anstoß zur internen Ermittlung gaben veröffentlichte Textnachrichten, die Johnson zu Beginn der Pandemie mit dem Staubsauger-Fabrikanten James Dyson ausgetauscht hatte. Dyson hatte die Kurzkorrespondenz allerdings mit zahlreichen Mitarbeitern des Schatzkanzleramts geteilt, was den Kreis der Verdächtigen erweitert.

          Handy-Intervention des saudischen Kronprinzen

          Der in Singapur ansässige Milliardär hatte damals als Gegenleistung für seine Nothilfe als Produzent für Atemgeräte verlangt, dass seine nach England entsandten Mitarbeiter keine steuerlichen Nachteile erleiden. Nachdem Schatzkanzler Rishi Sunak nicht reagiert hatte, wendete Dyson sich direkt an Johnson, der ihm per Handy zusicherte, das Problem „tomo“, also morgen, zu lösen. Am Tag danach meldete Johnson verabredungsgemäß Vollzug: „Rishi hat das erledigt. Wir brauchen Sie hier!“

          Dominic Cummings im Mai 2020 in London
          Dominic Cummings im Mai 2020 in London : Bild: dpa

          Doch damit nicht genug. In der vergangenen Woche wurde eine Handy-Intervention des saudischen Kronprinzen bekannt. Darin bat Muhammad bin Salman den Premierminister um Hilfe für seinen einstweilen gescheiterten Versuch, den Fußballclub Newcastle United zu übernehmen. Davor wiederum tauchten E-Mails in der Öffentlichkeit auf, die mittlerweile die Wahlkommission beschäftigen.

          Aus diesen geht hervor, dass ein im Oberhaus sitzender Parteispender dem Kassenwart der Konservativen Partei 58.000 Pfund mit der Auflage übergeben hatte, damit Renovierungen in der Downing Street zu unterstützen – genauer: die neue Inneneinrichtung der Privatwohnung, die von Johnson und seiner Verlobten Carrie Symonds bewohnt wird. All dies bringt die Opposition derzeit in Stellung gegen den Premierminister. 

          Unwahrscheinlich ist, dass auch die bekanntgewordenen Lobbyaktionen des früheren Premierministers David Cameron auf ein Leak aus derselben Quelle zurückgehen. Die „Financial Times“ hatte im März mit Bezug auf „zwei mit der Konversation Vertraute“ berichtet, dass Cameron den Schatzkanzler per Handy gebeten habe, seinen Auftraggeber, den inzwischen kollabierten Finanzkonzern Greensill, an einem Corona-Hilfsprogramm zu beteiligen. Die Angelegenheit wird mittlerweile in verschiedenen öffentlichen Gremien untersucht. Labour-Chef Keir Starmer wirft Johnson „Filz“ vor.

          „Es ist ein bisschen wie in Vietnam“

          Drei große Zeitungen bezogen sich am Freitag auf eine Quelle in Downing Street, derzufolge Cummings „systematisch leakt“, um der Regierung und der Partei zu schaden. Er sei „verbittert“ über seinen Abgang, aber auch darüber, dass Johnson seither mehr öffentliche Erfolge einfahre. Cummings hatte Johnson 2016 als Direktor der „Vote.Leave“-Kampagne beeindruckt und wurde von ihm nach dem Amtsantritt in die Downing Street geholt.

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          Dort navigierte Cummings den Premierminister auf einem tollkühnen Kurs durch die Klippen des Brexit-Dramas und verhalf ihm zu einem hohen Wahlsieg. Während der Pandemie wurde Cummings dem Premierminister allerdings mehr und mehr zur Last. Im Herbst trennte er sich dann von dem umstrittenen Chefstrategen. Seither ist Cummings öffentlich nicht mehr sichtbar.

          Tory-Politiker warnten am Freitag vor einer Eskalation. Ein Kampf bis aufs Messer wäre zwar großes Kino für das Publikum, drohte aber zu Ungunsten des Premierministers auszugehen, wurde ein früherer Minister im „Daily Telegraph“ zitiert. Befürchtet wird, dass Cummings weiteres kompromittierendes Material abfotografiert oder anderweitig sichergestellt haben könnte.

          Ein ehemaliger Mitarbeiter von Cummings sprach von einem Krieg, den Downing Street nicht gewinnen könne. Dem entlassenen Chefberater, sagte er im typischen Cummings-Sound, sei „dieses ganze Zeug mittlerweile egal“, während die Gegenseite regiere. „Es ist ein bisschen wie mit den Amerikanern in Vietnam: Sie können vielleicht dicke Bomben werfen, aber in einem Abnutzungskrieg gewinnen immer die Rebellen.“

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