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Kampf gegen das Coronavirus : Das schwedische Modell in der Selbstkritik

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell am Mittwoch Bild: AP

Den Kampf gegen das Coronavirus hat Schweden anders geführt als die anderen EU-Staaten – mit durchwachsenem Ergebnis. Nun hat Staatsepidemiologe Anders Tegnell sich selbstkritisch geäußert. Aber hat er Fehler eingestanden?

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          Es ist nicht so, dass es in Schweden an Kritik gefehlt hätte an der Strategie im Kampf gegen das Coronavirus. Nur hatte sie bislang wenig Spuren hinterlassen. Da war schon Mitte April ein furioser Aufsatz, in dem 22 Wissenschaftler die zuständige Gesundheitsbehörde in harschem Ton aufforderten, strikter vorzugehen. Von Beamten ohne Talent in der Behörde war die Rede. In den Tagen darauf aber drehte sich die Diskussion vor allem darum, ob die Zahlen in dem Aufsatz korrekt berechnet waren. Später gab es einen weiteren Aufsatz von mehreren Wissenschaftlern. Er führte aus, warum die Schweden mit einer „Hammer und Tanz“-Strategie, also einem strikten Kurs gefolgt von einer langsamen Öffnung, wie es die meisten Staaten in Europa versuchen, mehr Schaden hätte abwenden können vom Königreich als mit ihrer „Bremsstrategie“. Vor allem bemängelten die Autoren aber, dass es keine Debatte darüber gegeben habe, welchen Weg man einschlage. Viel passiert ist danach nicht. Bis nun Staatsepidemiologe Anders Tegnell einen Fehler eingestand. So klang es zumindest.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          In Schweden steckt nicht etwa die Politik den Kurs im Kampf gegen das Coronavirus ab, das macht die Gesundheitsbehörde. In der ersten Reihe ist dafür Tegnell zuständig. Fast jeden Tag um 14 Uhr klickt er sich durch Folien und verkündet die neuesten Zahlen. Er trägt auch immer wieder die Empfehlungen vor, die die Behörde ausgegeben hat: Händewaschen, zu Hause bleiben bei den ersten Krankheitssymptomen, Abstand halten. Verbote gab es nur wenige, eine Versammlungsbeschränkung aber immerhin. Die Strategie ist darauf angelegt, das öffentliche und wirtschaftliche Leben nur so weit herunterzufahren, wie unbedingt notwendig. Sie nimmt für sich in Anspruch, nicht nur den medizinischen Kampf gegen das Virus im Blick zu haben: Es sollte, so argumentierte Tegnell, ein nachhaltiges Vorgehen sein. Eine schnellere Herdenimmunität durch die Verbreitung des Virus wurde als Ziel zwar bestritten, jedoch als Nebeneffekt offensichtlich hingenommen.

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