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Coronavirus-Krise : Spanien steht still

„Ich will, dass du zu Hause bleibst“, steht auf einem Plakat unter der Abbildung eines „Onkel Sam“ mit Mundschutz. Spanien rief wegen der Corona-Krise den Alarmzustand aus. Bild: AFP

Alle Spanier sollen zuhause bleiben – mindestens zwei Wochen, möglicherweise auch viel länger. Der Alarmzustand, den die Regierung nach einer acht Stunden dauernden Krisensitzung in Kraft gesetzt hat, bringt das Land fast vollständig zum Stillstand.

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          Es ist eines der schönsten Frühlingswochenenden in Madrid. Die Sonne scheint schon kräftig, es blüht überall. Doch die Straßen der spanischen Millionenmetropole gleichen einer Geisterstadt. Nur aus den offenen Fenstern sind Kinderstimmen und Musik zu hören. Denn am Samstag schloss die Stadtverwaltung dann auch noch die Parks, in die sich bis dahin viele Familien geflüchtet hatten, die weder Balkon noch Terrasse haben. Die spanische Regierung will, dass alle zuhause bleiben – mindestens zwei Wochen, möglicherweise auch viel länger. Seit Samstagmorgen sind in Madrid nur noch Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Tankstellen geöffnet.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im Rest des Landes wird es bald genauso aussehen. Das spanische Kabinett schränkte am Samstagabend die Bewegungsfreiheit im ganzen Land massiv ein. Mit dem Inkrafttreten des Dekrets dürfen die Menschen nur noch ihre Wohnungen verlassen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, zum Arzt oder in Ausnahmefällen zur Arbeit zu gehen und andere zu pflegen.

          „Die Maßnahmen sind drastisch und werden Konsequenzen haben“, sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez am Abend. Aber ein geeintes Spanien werde den Kampf gegen das Virus gewinnen sagte der Regierungschef  – zum dritten Mal in einer virtuellen Presskonferenz, zu der Journalisten nur von außerhalb zugeschaltet waren.

          Der Alarmzustand, den die Regierung nach einer acht Stunden dauernden Krisensitzung in Kraft setzte, bringt das Land fast vollständig zum Stillstand. Vorerst bleiben die Grenze offen, besonders stark betroffene Regionen werden nicht abgeriegelt. Sämtliche Sicherheitskräfte sind nun dem Innenminister unterstellt, der bei Bedarf auch auf das Militär zurückgreifen kann.

          Erst seit Montag greifen die spanischen Behörden massiver gegen die Ausbreitung des Virus durch – viel zu spät und zu lange zu zögerlich, wie die oppositionelle konservative Volkspartei (PP) kritisiert. Noch am vergangenen Sonntag erlaubte die Regierung, dass Hunderttausende an den Kundgebungen aus Anlass des Weltfrauentags teilnahmen. Doch die bisherigen Maßnahmen hatten wenig Wirkung gezeigt.

          Bis Samstag infizierten sich in Spanien nach Angaben des spanischen Fernsehsenders TVE mehr als 6300 Menschen; 193 kamen ums Leben, 517 Patienten wurden als geheilt entlassen. Knapp die Hälfte der Infizierten kommt aus der Region um Madrid. Mittlerweile hat auch das deutsche Robert-Koch-Institut die Region um die spanische Hauptstadt in ihrer Liste der Risikogebiete aufgenommen hat, wie zuvor Italien und der chinesischen Hubei-Provinz. In Madrid hatte sich seit Freitag innerhalb von 24 Stunden die Zahl der Todesfälle auf mehr als 130 verdoppelt.

          Viele Bewohner der Hauptstadt ergriffen deshalb die Flucht. Sie fuhren in ihre Ferienhäuser an der Mittelmeerküste. Aber an den Küsten von Valencia und Murcia waren sie alles andere als willkommen: Viele Einwohner fürchteten, dass sie das Virus mitbringen könnten, in ihre Arztpraxen strömen und die Supermärkte leerkaufen. Die Madrider verstünden die Quarantäne offenbar als eine Art Urlaub, hieß es empört.

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          Die Regionalregierung von Murcia wusste sich nicht anders zu helfen, als ein halbes Dutzend Orte am Mittelmeer mit knapp 400.000 Einwohnern abzuriegeln. Damit standen schon vor dem Regierungsbeschluss in Spanien etwa eine halbe Million Menschen unter Quarantäne. Die katalanische Regierung riegelte schon in der Nacht zum Freitag vier Orte nordwestlich von Barcelona mit 70.000 Einwohnern ab, nachdem dort die Zahl der Infektionen dramatisch zugenommen hatte.

          Schon vor dem Regierungsbeschluss ging es immer mehr Spaniern wie den Einwohnern der Region um die Hauptstadt, in der mehr als 6,5 Millionen Menschen leben. Dort sind seit Samstagmorgen alle Bars, Cafés und Restaurants geschlossen. Das ist für viele noch schmerzhafter, als die Tatsache, dass kein Fußball mehr gespielt wird und die Stierkampfsaison nicht beginnt. Der morgendliche Kaffee am Tresen, die Caña Bier in der Mittagspause und die Copa Wein am Abend gehören zum Lebensstil. Am Samstag sind die Plaza Mayor und der Platz an der Puerta del Sol fast menschenleer.

          Erste Hotels haben in der Hauptstadt schon geschlossen. Einige Besitzer boten schon an, ihre Häuser als Notlazarette für Infizierte mit leichteren Symptomen zur Verfügung zu stellen – andere Gäste haben sie längst nicht mehr. Die Regierung hat Nothilfen für die Tourismusbranche beschlossen, von der in der Saison Tausende Arbeitsplätze abhängig sind. Doch in den Badeorten am Mittelmeer und am Atlantik schlossen die Behörden am Samstag immer mehr Strände, um Menschenansammlungen zu vermeiden.

          Das Virus stellt auch die spanische Wirtschaft, die sich erst von der letzten großen Krise erholt hatte, vor eine ihrer schwersten Belastungsproben. Neben dem Tourismus leidet die Autoindustrie. Die Fabriken von Seat, Nissan und Renault stellen ihre Produktion ein, weil der Nachschub ausbleibt. Auch dem Handel drohen empfindliche Verluste. Die größte Kaufhauskette „Corte Inglés“ schloss alle ihre Häuser und schickte ihre 80.000 Mitarbeiter nach Hause.

          Dafür haben sich vor den Supermärkten lange Schlangen gebildet. In vielen Läden sind die Regale leergeräumt. Seit Tagen sind schon kein Toilettenpapier und keine Desinfektionsmittel mehr zu kaufen. Am Wochenende fehlten dann Eier und Nudeln. Bevor die Tabakläden am Freitagabend schlossen, deckten sich dort besorgte Raucher mit Notvorräten ein. Seit Samstag dürfen nur noch Zeitungskioske öffnen, um die Menschen ohne Internet mit Nachrichten zu versorgen.

          Das Leben vieler Spanier ist immer virtuell geworden. Wer kann, arbeitet im Homeoffice, verfolgt auf dem Smartphone die Eilmeldungen und schreibt Kurznachrichten. Das Madrider Prado-Museum und andere geschlossene Sammlungen bieten Online-Rundgänge an. Theaterproduktionen lassen sich ebenfalls im Internet herunterladen.

          Am Samstagabend riefen zwar die Glocken die Gläubigen zur Vorabendmesse. Aber die katholische Bischofskonferenz rief dazu auf, die Gottesdienste besser im Fernsehen zu verfolgen. In der Diözese Sevilla wurden die ersten Kirchen komplett geschlossen.

          Das ist noch längst nicht alles. Obwohl es bis Ostern noch eine Weile dauert haben Sevilla, Málaga und Madrid und andere Städte sagten die traditionellen Prozessionen während der Semana Santa ab.  

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