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Coronavirus in New York : „Schlechte Nachrichten sind furchtbare Nachrichten“

  • -Aktualisiert am

Mindestens sechs Fuß Abstand sollen die New Yorker voneinander halten: Fahrradfahrer am Dienstag in Brooklyn Bild: AP

Seit mehr als drei Wochen steht in New York das öffentliche Leben still. Manche Menschen suchen sich eine Nische. Andere haben keine Wahl, als ihre Gesundheit beim Pendeln zu riskieren.

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          „Ich habe so etwas noch nie erlebt, es ist nicht normal. Das hat seinen psychologischen Preis, dass wir andauernd zu Toten nach Hause gerufen werden. Wir sehen all diese Trauer in den Familien, diesen Schmerz.“ Edwin Raymond ist Polizist in Brooklyn. Jedes Mal, wenn jemand in seinem Bezirk zu Hause stirbt und die Verwandten den Notruf alarmieren, muss Raymond als Inspektor hinzugerufen werden. In normalen Zeiten komme das bis zu fünfmal im Monat vor, höhere Zahlen würden ihn beunruhigen, sagt er in einem Video-Interview mit dem Autor Baratunde Thurston bei Instagram. In der letzten Woche sei er allein neunmal zu Menschen gerufen worden, bei denen der Notarzt nur noch den Tod feststellen konnte. Im Nachbarbezirk habe es in 48 Stunden 19 solcher Fälle gegeben.

          Es ist die dritte Woche, seit Gouverneur Andrew Cuomo verschärfte Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus verkündete. Nur Menschen in den notwendigsten Jobs, gehen noch außer Haus arbeiten, und inzwischen sollen alle draußen einen Mund- und Nasenschutz tragen. Am Mittwoch musste Cuomo die höchste Zahl von Menschen bekannt geben, die seit Beginn der Krise an einem einzigen Tag gestorben waren: 779 Tote. Damit stieg die Gesamtzahl der Verstorbenen im Bundesstaat New York auf 6268.

          Mehr als doppelt so viele Tote wie bei 9/11

          „Die schlechte Nachricht ist tatsächlich eine schreckliche“, sagte Cuomo bei seiner täglichen Pressekonferenz. Der Bundesstaat habe damit mehr als doppelt so viele Menschen verloren wie bei den Terroranschlägen am 11. September 2001. Er habe nie damit gerechnet, dass er so etwas Schlimmes noch einmal miterleben müsse, so Cuomo. Die Menschen, die Polizist Edwin Raymond sieht, tauchen möglicherweise gar nicht in der Coronavirus-Statistik auf. Für nachträgliche Tests fehlen schlicht die Kapazitäten. In den letzten Tagen gab es Berichte über eine mögliche Dunkelziffer von bis zu 2000 Menschen mehr als zu normalen Zeiten, die seit Beginn der Krise zu Hause starben.

          Gouverneur Cuomo konnte unterdessen auch die positiveren Nachrichten vom Vortag bekräftigen. In der Stadt New York und im Bundesstaat fällt die Zahl der Corona-Patienten, die ins Krankenhaus müssen. Dank der Anstrengungen der vergangenen Wochen könne das Gesundheitssystem mit den Patienten einigermaßen fertig werden. Abermals warnte Cuomo, dass sich dieser positive Trend sofort wieder umkehren könne, wenn man bei den Kontaktbeschränkungen zu früh lockerlasse.

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          Inzwischen kann mit bis zu 2000 Dollar Strafe belegt werden, wer die Abstände zu anderen Menschen nicht einhält oder sich in Gruppen versammelt. Polizist Raymond, der sich sonst für eine Strafrechtsreform engagiert, versteht Menschen, denen die Decke auf den Kopf falle. Es mache ihn aber wütend, dass er auf der Straße noch immer Menschen begegne, die die Gefahr nicht ernst genug nehmen. „Ich spreche die an, wenn sie auf dem Weg in die U-Bahn sind, ich will wissen, wo geht es denn hin, und zu viele sagen zu mir, ich besuche nur einen Freund“, sagt er im Instagram-Video.

          Am Mittwoch beginnt für die Juden, die feiern, das Pessach-Fest. Sie machen in New York mehr als 13 Prozent der Bevölkerung aus, und so ist das aus Behördenperspektive auch ein Test für Ostern – wie verhalten sich die Menschen, werden sie die Regeln befolgen, oder sich doch Verwandte einladen?

          New Yorks Parks sind offen

          Denn viele New Yorker sind immer noch unterwegs – aus unterschiedlichen Gründen. An sonnigen Tagen zieht es Hunderttausende ins Freie, wie eh und je sitzen sie in den Parks und bewundern die Kirschblüten. Die meisten Menschen bemühen sich, die Abstände einzuhalten – die Behörden wollen, dass alle „six feet apart“ voneinander sind, das sind 1,83 Meter.

          Am Ufer des East River in Williamsburg, wo man von Brooklyn nach Manhattan schaut, lassen Eltern die Kleinkinder zwischen den Bänken umher rennen – nur ab und zu hört man den Mahnruf: „Fass das nicht an“. Die Parks will die Stadt nicht schließen. Man baute stattdessen Basketballkörbe und Volleyballnetze ab – und seit dieser Woche sind zumindest die „dog runs“ dicht, abgezäunte Bereiche, in denen Hunde ohne Leine laufen können. Zu viele Menschen nutzten sie zum Plausch mit dem Nachbarn auf engem Raum.

          Wie die Parks sind auch die öffentlichen Verkehrsmittel weiter für die New Yorker da. Im L-Train von Brooklyn nach Manhattan sitzen an einem Nachmittag diese Woche weniger als zehn Leute in einem Wagen, alle halten sich an die Abstände, und die meisten tragen Masken. Beim Ein- und Aussteigen achten sie darauf, nicht zu nah an der Tür zu stehen. Eine Frau sprüht eine Haltestange ein. Mitten am Tag nutzen so wenige Menschen die Bahnen und Busse, dass die MTA, die Metropolitan Transit Authority, das Angebot schon um 25 Prozent einschränkte. Die New Yorker sollen schließlich keine unnötigen Fahrten unternehmen.

          Rush Hour mit Maskenträgern

          Immer mehr MTA-Mitarbeiter stecken sich dennoch mit dem Coronavirus an. Mehr als 1500 Menschen, die die Subways und Busse am Laufen halten, wurden schon positiv getestet und 41 sind verstorben. Einzelne Gewerkschafter fordern, dass der öffentliche Nahverkehr dichtgemacht wird. Doch weil gerade die Menschen in Dienstleistungsjobs und im Gesundheitswesen oft pendeln müssen, ist das kaum vorstellbar.

          Denn morgens und abends sind die Züge nicht so leer. Aus der Bronx, Brooklyn oder Queens müssen viele Menschen nach wie vor zur Arbeit kommen – sie leben oft nicht in den teuren Gegenden, in denen sie arbeiten. Um in die Krankenhäuser, Supermärkte oder Restaurants zu fahren, riskieren sie ihre Gesundheit. Immer wieder gehen Fotos durch die sozialen Medien, die vollgepackte Wagen zeigen – die Bilder sehen tatsächlich aus wie in einer normalen Rush-Hour, nur mit vielen Maskenträgern.

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