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Coronavirus in Japan : „Seuchenbekämpfung mit Methoden des 19. Jahrhunderts“

Eine Reisende von der „Diamond Prinzess“ nach dem Ende der Quarantäne im Hafen von Yokohama. Bild: AFP

Die ersten Reisenden dürfen nach der Quarantäne das Kreuzfahrtschiff im Hafen von Yokohama verlassen. Doch Japan steht wegen seines Umgangs mit dem Coronavirus in der Kritik. Fachleute fürchten eine hohe Dunkelziffer an Infizierten.

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          Vierzehn Tage lang mussten sie auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ im Hafen von Yokohama ausharren. Aus Angst vor dem Coronavirus Covid-19 hatte Japan eine strikte Quarantäne für alle Passagiere ausgesprochen. Am Mittwoch endlich war für die Ersten die Zeit der Enge in ihren Kabinen vorbei. 443 Reisende durften das Schiff nach Ende der Quarantänezeit verlassen. Erleichterung und der Wunsch, schnell nach Hause zu kommen, bestimmten die Reaktionen der Passagiere, bevor sie in Yokohama in Zügen verschwanden. Die Kreuzfahrt nach Südostasien war in einem Albtraum geendet, nachdem an Bord Infektionen mit dem Virus festgestellt worden. Für die meisten noch an Bord verbliebenen Urlaubsreisenden wird eine Ausschiffung bis Freitag erwartet.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          621 der ursprünglich 3711 Passagiere und Crew-Mitglieder an Bord sind mit dem Virus infiziert und werden in Krankenhäusern behandelt. Das hat Japan den zweifelhaften Ruf eingetragen, nach China das Land mit der größten Ballung an Corona-Patienten zu sein. Für beunruhigender halten Fachleute indes, dass die Zahl der Japaner, die sich im Inland angesteckt hat, stetig wächst und zuletzt siebzig erreichte. Eine Frau in ihren achtziger Jahren starb vergangene Woche in der Präfektur Kanagawa, westlich von Tokio. Hinzu kommen 14 infizierte Japaner, die aus dem chinesischen Wuhan zurückgekehrt waren.

          Wo haben sich die Kranken infiziert?

          Infektionsfälle gibt es schon in elf der 47 Präfekturen, von Hokkaido im Norden bis Okinawa im Süden. Besorgniserregend ist, dass es bei den Neuinfektionen häufig keine direkten Bezüge zu China mehr gibt. In der Hauptstadt Tokio ist bei sieben Menschen unklar, wie sie sich angesteckt haben. „Wir stehen an der Schwelle der zweiten Phase, in der das Virus sich beschleunigt in der Gemeinschaft ausbreitet“, sagt Shigeru Omi, Leiter einer japanischen Gesundheitsorganisation, der früher für die Weltgesundheitsorganisation arbeitete.

          Das Land ist auf die Gefahr nur bedingt vorbereitet. „Japan hat im Gegensatz zu Hongkong oder Singapur den Nachteil, dass es von der Sars-Epidemie 2003 und von der Mers-Epidemie um 2015 verschont blieb“, sagt Hitoshi Oshitani, Virologe an der Tohoku-Universität. Es fehle an Kapazitäten für den Fall einer Epidemie und an einem nationalen Zentrum für Krankheitsbekämpfung. Das zeigt sich auch im Fall der „Diamond Princess“. Japan konnte die mehr als dreitausend Menschen an Bord aufgrund fehlender Möglichkeiten nicht zügig testen. Erst in den vergangenen Tagen wurde die Testkapazität auf 3900 Menschen pro Tag aufgestockt.

          Als vorteilhaft im Kampf gegen das Virus wertet Oshitani, dass Japan mit seinem guten Gesundheitswesen Infektionsfälle schnell erkennen könne. Das sei bei dem Coronavirus besonders wichtig, weil im Gegensatz zu Sars die Gefahr der Verbreitung schon im frühen Krankheitsfall groß sei. Den Mediziner besorgt die hohe Zahl der Infektionen ohne Symptome. Von den gut sechshundert Infizierten auf dem Kreuzfahrtschiff etwa haben 322 weder Fieber noch Husten. So sei völlig offen, wie viele Infektionen es in Japan tatsächlich schon gebe. Die zuletzt rasch gestiegene Zahl der Fälle lege bestehende, keine Neuinfektionen offen.

          Das Coronavirus beginnt, das öffentliche Leben zu beeinträchtigen. Unternehmen wie Sony, Softbank oder Toshiba raten ihren Mitarbeitern, von zu Hause aus zu arbeiten. Sie lockern Anwesenheitspflichten, damit die Mitarbeiter außerhalb der Stoßzeiten in weniger überfüllten Zügen anreisen können. Städte beginnen, Veranstaltungen abzusagen. So wurden etwa 38.000 Amateurläufer, die am 1. März beim Tokio-Marathon an den Start gehen wollten, ausgeladen. Spekuliert wird auch über das Großereignis des Jahres, die Olympischen Spiele, die am 24. Juli beginnen. Das Internationale Olympische Komitee und die lokalen Veranstalter denken bisher nicht an eine Absage. Der Virologe Oshitani findet, dass die Spiele unter den heutigen Bedingungen nicht stattfinden könnten. Bis zum Sommer würden Japan und die Welt aber hoffentlich einen Weg gefunden haben, das Virus in den Griff zu bekommen.

          Ein Bus wird inspiziert, bevor Passagiere des unter Quarantäne stehenden Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“ einsteigen.

          Aktuell steht Japan wegen der Quarantäne für die mehr als 3700 Menschen an Bord der „Diamond Princess“ in der Kritik. Das amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle bemängelte, dass die Quarantäne die Ausbreitung des Virus an Bord nicht hinreichend verhindert habe. Der Mediziner Kentaro Iwata vom Krankenhaus der Universität Kobe war am Dienstag auf dem Schiff und bezeichnete die Quarantänebedingungen in einem Video als chaotisch. Sicherheitsbestimmungen für ansteckende Krankheiten seien missachtet worden. Er habe sich unsicherer gefühlt als bei seinen Einsätzen gegen Sars in China oder Ebola in Afrika. Unklar ist, wie viele der Passagiere und Besatzungsmitglieder sich erst während der Quarantäne angesteckt haben. Oshitani von der Tohoku-Universität hält die Quarantäne auf dem Schiff im Kern für richtig, sieht darin aber eine Seuchenbekämpfung mit Methoden des 19. Jahrhunderts.

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