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Corona-Fälle : Die Härte der Schweiz

Corona-Verdacht im Schweizer Ort Biasca: Ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes trägt Schutzkleidung und Mundschutz. Bild: dpa

Als eines der ersten Länder hat die Schweiz Großveranstaltungen abgesagt und rigoros durchgegriffen. Trotzdem ist die Zahl der Infektionen überproportional hoch im Vergleich zu Deutschland.

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          Als die ersten Infektionen in der Schweiz entdeckt wurden, beschloss die Regierung (Bundesrat) als eines der ersten Länder überraschend harte Schutzmaßnahmen. Bereits Ende Februar und damit viel früher als die Regierungen aller anderen europäischen Länder verbot der Bundesrat private und öffentliche Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen. Das Verbot gilt bis zum 15. März, kann aber verlängert werden. Daraufhin stellte die Schweizer Fußball-Liga den Spielbetrieb in der Super League und der Challenge League ein. Insgesamt fielen und fallen so mindestens vier Runden in der ersten und zweiten Liga sowie eine Pokal-Runde ins Wasser. Geisterspiele ohne Publikum lehnten die Liga-Manager wegen der damit verbundenen Einnahmeverluste ab. Die Schweizer Eishockey-Liga hat den Spielbetrieb ebenfalls ausgesetzt.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Auch andere große Veranstaltungen wie der traditionelle Engadiner Skimarathon, die Basler Fastnachtsumzüge und die Automesse in Genf sowie zwei bedeutende Uhrenmessen wurden abgesagt. In einzelnen Kantonen gehen die Behörden sogar noch weiter, indem sie verfügt haben, dass Veranstaltungen mit mehr 150 Personen genehmigungspflichtig sind. Unzählige Konzerte wurden abgesagt, was den Veranstaltern hohe Verluste beschert.

          Ist die Nähe zu Italien entscheidend?

          Trotz der rigorosen Maßnahmen ist die Zahl der Erkrankungsfälle in der Schweiz inzwischen auf 374 gestiegen. In Relation zur Bevölkerungszahl von 8,6 Millionen ist das ein deutlich größerer Anteil als in Deutschland, wo bisher gut 1150 von 82 Millionen Einwohnern infiziert sind. Das dürfte an der Nähe der Schweiz zu Norditalien liegen, dem Epizentrum der Corona-Krise in Europa.

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          Gerade die ersten Ansteckungen gingen auf Kontakte mit Infizierten in der Region Mailand zurück. Daher forderten einzelne Vertreter der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), die Grenze nach Italien zu schließen. Doch dieses Ansinnen ist zumindest bisher nicht mehrheitsfähig. Die Wirtschaft im Tessin ist stark abhängig von Arbeitskräften aus Norditalien. Wenn die 68.000 Grenzgänger nicht mehr einreisen dürften, müssten viele Betriebe ihre Pforten schließen. Daher wurde auf Schweizer Seite erleichtert registriert, dass Grenzgänger von dem für Teile Norditaliens verhängten Ausreiseverbot ausgenommen sind.

          Schlechte Zeiten für die Exportindustrie

          Gleichwohl beginnt das Virus auch die Schweizer Wirtschaft zu bremsen. Seit Anfang März hätten die Voranmeldungen für Kurzarbeit stark zugenommen, teilte das Wirtschaftsministerium in Bern am Montag mit. Bisher seien vor allem das Gastgewerbe, technische Dienstleister sowie die Unterhaltungsbranche betroffen. Wegen der Aufwertung der Schweizer Währung, die in unsichereren Zeiten stets als sicherer Hafen gesucht wird, stellt sich aber auch die wichtige Exportindustrie auf schlechtere Zeiten ein. Ein starker Franken verteuert Schweizer Produkte im Ausland und zwingt die Hersteller zu margenzehrenden Preisnachlässen.

          Unterdessen beschloss das Parlament in Bern, die laufenden Sitzungen fortzusetzen. Allerdings sind Besucher im Bundeshaus nicht mehr zugelassen. Nach einer Umfrage aus der vergangenen Woche sind die Schweizer mehrheitlich zufrieden mit der Reaktion der Regierung auf die Epidemie. Rund 76 Prozent der Befragten halten das Verbot von Großveranstaltungen für angemessen; 86 Prozent fühlten sich vom Bundesamt für Gesundheit ausreichend über das Virus informiert.

          Inzwischen hat der Bundesrat weitere Empfehlungen an die Bevölkerung herausgegeben: Zu Stoßzeiten sollten Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln möglichst vermieden werden. Vor allem zu älteren Menschen, die besonders gefährdet sind, sollte man Distanz wahren.

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