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Corona-Rückschlag in Belgien : Der Preis der Sorglosigkeit

Passanten am Montag in Antwerpen Bild: AFP

Belgien schränkt das öffentliche Leben wieder ein. An Corona-Auflagen hatte sich in dem Land zuletzt kaum noch jemand gehalten. Jetzt steigen die Fallzahlen wieder.

          3 Min.

          Die belgische Premierministerin klang fast wie John F. Kennedy, als sie am Montag neue Maßnahmen gegen das Wiederaufleben des Coronavirus vorstellte. Jeder einzelne solle sich fragen, „was kann ich persönlich tun, um gegen das Virus zu kämpfen und meine Liebsten zu schützen“, sagte Sophie Wilmès. Der eindringliche Appell war berechtigt: Das Land ist so schnell und so sehr zur Normalität zurückgekehrt, dass Regeln kaum noch beachtet wurden. Das Ergebnis folgte auf dem Fuße. Seit Anfang Juli schnellen die Infektionszahlen nach oben. Die Reproduktionsrate des Virus liegt bei einem Wert über eins.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Für Belgien verzeichnete die EU-Infektionsschutzbehörde in der ersten Julihälfte 28 nachgewiesene Infektionen pro 100.000 Einwohner. In Deutschland waren es im selben Zeitraum nur acht, in Spanien 35. Damit ist das Land zwar noch weit von Luxemburg (219) entfernt, das als einzige Region in Mitteleuropa die höchste Warnstufe „rot“ erreicht hat. Doch ist Flandern schon „orange“ gefärbt. Rund die Hälfte der täglichen Neuinfektionen entfiel zuletzt auf die Metropole Antwerpen, wo etliche Restaurants und Kneipen sich nicht an die Schutzauflagen hielten und außerdem Quarantäne-Regeln gebrochen wurden. Jetzt müssen Lokale um 23 Uhr schließen. Danach beginnt eine Ausgangssperre bis sechs Uhr morgens, so haben es die örtlichen Behörden nach einer acht Stunden langen Krisensitzung am Montagabend verkündet. Auch im restlichen Land müssen die Bürger sich wieder deutlich einschränken.

          Eindringlicher Appell an die Bevölkerung: die belgische Premierministerin Sophie Wilmès am Montag in Brüssel
          Eindringlicher Appell an die Bevölkerung: die belgische Premierministerin Sophie Wilmès am Montag in Brüssel : Bild: dpa

          Zum Maß der Freiheit ist in den vergangenen Monaten die „soziale Blase“ geworden, „la bulle sociale“. Zuletzt war sie so groß, dass kaum jemand die Beschränkung überhaupt noch ernst nahm. Jeder Einzelne konnte mit 15 wechselnden Personen pro Woche Kontakte haben, ohne Mundschutz und sozialen Mindestabstand. Das wird von Mittwoch an auf fünf Personen pro Haushalt eingeschränkt; bis Ende August müssen es immer dieselben sein. Damit fällt das Land auf die erste Phase der Lockerungen im Mai zurück. Auch die zugelassene Zahl von Teilnehmern öffentlicher Veranstaltungen wird halbiert: auf 200 Personen im Freien, 100 in geschlossenen Räumen, jeweils mit Maskenpflicht.

          Krisenmanagement mit Verwirrung

          „Es geht darum, allgemeine Ausgangsbeschränkungen zu vermeiden und die Wiederaufnahme des Schulbetriebs ab September nicht zu gefährden“, sagte Premierministerin Wilmès zur Begründung. Sie sprach von „sehr, sehr starken Maßnahmen“, mit denen die Regierung „eins zu eins“ die Empfehlungen der Virologen umsetze. Die hatten zuletzt mit öffentlichen Einlassungen den Druck zum Handeln erhöht. So ähnlich war es schon zuvor mit den Schutzmasken gelaufen: Erst als immer mehr Fachleute danach riefen, verhängte die Föderalregierung eine allgemeine Pflicht, derlei Masken beim Einkaufen und bei anderen Gelegenheiten zu tragen. Wilmès wurde vorgeworfen, sie habe zu sehr die wiedergewonnene Freiheit der Bürger betont, obwohl sie stets auch zu größerer Verantwortung ermahnt hatte.

          Gleichwohl lief das Krisenmanagement der Regierung in den vergangenen Wochen alles andere als optimal. Für Verwirrung sorgte die Einführung eines Ampelsystems mit Warnstufen für europäische Reiseregionen Mitte Juli, als viele Familien schon in die Ferien aufgebrochen waren. Verboten sind nach neuestem Stand Reisen in den größten Teil Portugals, in zwei spanische Provinzen (Lleida und Huesca) sowie nach Leicester in England. Wer von dort zurückkehrt, muss einen Corona-Test machen und sich zwei Wochen in Quarantäne begeben. Außerdem ist für Flug-, Bahn- und Busreisen ein Formular auszufüllen. Empfohlen werden Tests und Quarantäne bei Reisen in gelb gekennzeichnete Länder und Regionen der EU: Bulgarien, Kroatien, Luxemburg, Rumänien, Schweden, weitere Gebiete des Vereinigten Königreichs, Spaniens und Portugals sowie Österreichs, Polens und Sloweniens.

          In welche Länder kann man derzeit noch reisen? Sehen Sie hier die Übersicht.

          Obwohl deutlich mehr Belgier als sonst ihren Urlaub an der Nordseeküste verbringen, ist die Sorge groß, dass Infektionen eingeschleppt werden. Bis jetzt ist geplant, dass die Schulen von Anfang September an ihren normalen Betrieb wieder weitgehend aufnehmen. Wilmès stellte die Bürger schon darauf ein, dass nun erst einmal Geduld vonnöten sei: Die Infektionen würden weiter zunehmen, bevor sich die neuen Einschnitte in den Zahlen bemerkbar machten. Für die liberale Politikerin selbst kommt im September noch ein anderer Moment der Wahrheit: Sie muss sich dann einer Vertrauensabstimmung im Parlament stellen.

          Nach monatelanger Corona-Pause haben die Parteien ihre Versuche zur Bildung einer stabilen Parlamentsmehrheit wieder aufgenommen. Den Auftrag dazu haben die beiden Kontrahenten bekommen, die schon vor Monaten ein Bündnis sondiert und dann verworfen hatten: Bart de Wever von den flämischen Nationalisten und der wallonische Sozialdemokrat Paul Magnette. Wenn sie im zweiten Anlauf zusammenkommen und ihre Parteien mitziehen können, sind die Tage der Premierministerin Wilmès gezählt. Andernfalls steuert das Land wohl auf eine weitere Parlamentswahl zu; die letzte war im Mai 2019.

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