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Studie : Weit mehr Italiener infiziert als bislang angenommen

Ein Rettungssanitäter in einem Zelt vor einem Krankenhaus in Brescia im März 2020 Bild: dpa

Einer italienischen Untersuchung zufolge wiesen 27 Prozent der Personen mit Antikörpern keine Symptome auf. Offenbar verbreiteten sie das Coronavirus, ohne es zu wissen.

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          In Italien könnten sich mindestens sechs Mal so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfassende Untersuchung, die das Rote Kreuz im Auftrag des Gesundheitsministeriums und des Statistikamts in Rom von Mitte Mai bis Mitte Juli unternommen hat. Danach wurden bei Tests von rund 65.000 Personen, die nach Alter, Wohnort und Beruf repräsentativ ausgewählt worden waren, im Landesdurchschnitt bei 2,5 Prozent der Probanden Antikörper gegen das Sars-Cov2-Virus festgestellt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach Hochrechnungen der Autoren der Studie ergibt sich daraus, dass gut 1,48 Millionen der rund 60 Millionen Einwohner Italieners mit dem Coronavirus infiziert waren oder in Berührung gekommen sind. Gemäß offiziellen Zahlen der Gesundheitsbehörden wurden bisher gut 248.000 Personen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Etwa 35.200 Menschen starben an der durch das Virus verursachten Covid-19-Lungenkrankheit.

          Bei der Untersuchung wurden starke regionale Unterschiede der Durchseuchung der Bevölkerung festgestellt. So wurden in der Lombardei, wo knapp die Hälfte aller landesweiten Todesfälle verzeichnet wurde, 7,5 Prozent der gut zehn Millionen Einwohner mit dem Virus infiziert. Auch innerhalb der wirtschaftsstarken und dicht besiedelten norditalienischen Region gab es signifikante Unterschiede.

          In der Stadt Bergamo und Umgebung wurden bei 24 Prozent der Probanden Antikörper festgestellt. Im benachbarten Crema waren es 19 Prozent, in der nahegelegenen Provinz Pavia aber nur 5,1 Prozent. In der Region Venetien, wo Ende Februar gleichzeitig mit der Nachbarregion Lombardei die ersten Covid-19-Erkrankungen registriert worden waren, lag die Durchseuchungsquote bei lediglich 1,9 Prozent. Auf der Insel Sizilien wurden nur bei 0,3 Prozent der Probanden Antikörper festgestellt. Grundsätzlich ist ein starkes Nord-Süd-Gefälle bei den Infektionen festzustellen: Der Norden, wo das Virus offenbar schon monatelang unerkannt kursierte, ehe die ersten Infektionen nachgewiesen wurden, weist eine deutlich höhere Infektionsquote auf als der weitgehend verschonte Süden.

          Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza und der Präsident des nationalen Gesundheitsrates, Franco Locatelli
          Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza und der Präsident des nationalen Gesundheitsrates, Franco Locatelli : Bild: dpa

          Bei der Studie wiesen gut 27 Prozent der Personen mit Antikörpern keine Symptome auf, sodass diese offenbar das Virus verbreiteten, ohne es zu wissen. Die Infektionsquote bei medizinischem Personal lag mit etwa fünf Prozent doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Die Antikörperstudie zeigt auch, dass die Sterblichkeitsrate bei knapp 2,5 Prozent lag und nicht bei 14 Prozent, wie auf Grundlage der nachgewiesenen Infektionen im Verhältnis zu den registrierten Todesfällen ermittelt worden war.

          Nach Ansicht von Franco Locatelli, dem Präsidenten des Nationalen Gesundheitsinstituts, beweist die Studie, dass der nationale Lockdown von März bis Mai „absolut zentral“ gewesen sei, um eine Ausbreitung des Virus in den Süden zu verhindern. Diese Einschätzung widerspricht freilich dem Befund, dass das Virus offenbar schon seit spätestens Dezember unerkannt in der Lombardei und zumal in den Provinzen Bergamo und Crema kursierte, dass es aber nicht in nennenswertem Umfang nach Süden wanderte, obwohl die nationale Ausgangssperre erst am 10. März verhängt wurde.

          Auch Locatelli konzedierte bei der Vorstellung der Ergebnisse der Studie, dass sich die Verbreitung der Epidemie „auf begrenzte Gemeinden“ beschränkt habe. Er ist Mitglied des wissenschaftlich-technischen Beirats, dessen Empfehlungen die Regierung in Rom unter Ministerpräsident Giuseppe Conte stets zu folgen pflegt. Zuletzt erreichte der Beirat, dass die Regierung in Rom eine Entscheidung der halbstaatlichen sowie auch der privaten Betreibergesellschaft von Hochgeschwindigkeitszügen kassierte, wonach die Züge von dieser Woche mit voller statt halber Auslastung verkehren sollten, bei Einhaltung der Maskenpflicht. Per Dekret verfügte Gesundheitsminister Roberto Speranza, dass in Zügen weiterhin nur die Hälfte der Sitzplätze genutzt werden dürfen.

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