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Schlechte Impfquoten : Warum Rumänien Biontech-Impfstoff an Deutschland abtritt

Dosen von Biontech/Pfizer werden in Deutschland gerne genommen. Bild: dpa

Rumänien hat die zweitniedrigste Impfrate in der EU. Viele Vakzine bleiben also übrig. Nun sollen fünf Millionen Dosen Biontech nach Deutschland gehen.

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          Die Mitteilung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), dass Deutschland fünf Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech aus rumänischen Beständen er­worben habe, da diese dort „nicht ge­braucht“ werden, hat in Rumänien selbst zunächst nur wenig Interesse er­regt. Mit Blick auf die Impfraten in dem Staat klingt die Darstellung des deutschen Ministers, dass Rumänien über mehr Covid-Vakzine verfüge, als es verwenden könne, aber durchaus plausibel. Valeriu Gheorghita, der Koordinator der rumänischen Impfkampagne, hatte in der vergangenen Woche mit­geteilt, derzeit seien 41,3 Prozent der rumänischen Bevölkerung voll (also mit zwei Dosen beziehungsweise einer von Johnson & Johnson) geimpft. In der Europäischen Union ist nur in Bulgarien die Impfrate noch niedriger. Dort lag sie zuletzt bei kaum 30 Prozent.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Gheorghita hatte schon im November vergangenen Jahres gewarnt, dass die Regierung in Bukarest das zwischenzeitlich angepeilte Ziel, noch im Jahr 2021 eine Impfrate von 70 Prozent zu erzielen, verfehlen werde, nachdem das ohnehin geringe Interesse an Impfungen weiter gesunken war.

          Impfpflicht stieße auf Widerstand

          Die Re­gierung teilt nun mit, wenigstens im laufenden Jahr die 70 Prozent erreichen zu wollen und für 2023 gar eine Impfquote von 90 Prozent anzustreben. Das ist angesichts der ausgeprägten Zu­rückhaltung eines großen Teils der rumänischen Bevölkerung indes ein äu­ßerst ehrgeiziges Ziel. Auch die Tatsache, dass Rumänien zeitweilig die höchste Übersterblichkeit aller EU-Staaten auswies, hat an der Skepsis of­fenbar wenig ändern können. Laut ei­ner Mitteilung der europäischen Statistikbehörde Eurostat vom vergangenen Monat wies Rumänien zwischenzeitlich die höchsten Zahlen zur Übersterblichkeit unter allen Mitgliedstaaten aus. Während diese beispielsweise in Schweden bei 0,3 Prozent und in Italien bei zwei Prozent gelegen habe, be­trage sie für Bulgarien 73 und für Ru­mänien sogar 110 Prozent.

          Solide Untersuchungen der Gründe für die ausgeprägte Wissenschaftsfeindlichkeit in Bulgarien und Rumänien liegen bisher nicht vor. In Rumänien dürfte auch die Haltung der rechtspopulistischen Oppositionspartei AUR zu der weitverbreiteten Ablehnung von Impfungen beitragen. Zwar hat AUR-Chef George Simion deutlich gemacht, dass er nur gegen eine Impfpflicht sei, nicht gegen Impfungen an sich, doch ist von anderen Politikern der Partei ganz andere Rhetorik zu hö­ren. Sowohl Bulgarien als auch Rumänien haben zudem große Roma-Bevölkerungen, von denen zumindest Teile sozial abgehängt und schwer für eine Impfkampagne über Massenmedien er­reichbar sind.

          Gheorghitas Warnungen, dass Ru­mänien mit seiner derzeitigen Impfrate auf neue Wellen der Pandemie schlecht vorbereitet sei, fruchteten bisher jedenfalls kaum. In Bulgarien hat der neue Ministerpräsident Kyrill Petkow eine Impfpflicht, die angesichts der geringen Zahl an Impfbefürwortern ohnehin kaum durchzusetzen wäre, unterdessen kategorisch ausgeschlossen. Zugleich forderte er seine Landsleute aber dazu auf, sich unbedingt schützen zu lassen: „Ich möchte nicht der Ministerpräsident sein, der Tote zählt“, wurde Petkow zitiert.

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