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Trotz Corona-Affäre : Der Mann, auf den Boris Johnson nicht verzichten will

Boris Johnsons Chefberater Dominic Cummings verlässt am Montag sein Haus in London. Bild: dpa

Politische Berater werden dafür bezahlt, dass sie der Regierung zuarbeiten. Bei Boris Johnsons Chefberater Dominic Cummings müssen die Minister für den Berater schuften. Damit hat er sich viele Feinde gemacht, aber für Johnson ist er unersetzbar.

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          Margaret Thatchers Ermahnung, dass „Berater beraten und Minister entscheiden“, deutet darauf hin, dass es schon früher nicht so einfach war mit den Leuten im politischen Hintergrund. So mancher Regierungsberater erlangte auf der Insel kultähnlichen Status und machte selbst Minister zu Zwergen: von Tony Blairs „Spindoctor“ Alistair Campbell bis zu David Camerons „Special Advisor“ Steve Hilton. Doch Dominic Cummings stellte in den zehn Monaten, die er Boris Johnson nun berät, alle Rekorde ein. Sein Haus in London ist stets von Kamerateams belagert. Jedes Wort von ihm, und sei es noch so banal, landet auf der politischen Goldwaage. Sogar ein Spielfilm wurde über ihn gedreht. Und am Montag ging er als erster Berater in die Geschichte ein, der eine live übertragene Pressekonferenz im Garten der Downing Street gab.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          In der Regel werden politische Berater dafür bezahlt, dass sie der Regierung zuarbeiten. Im Falle Cummings sind es die Minister, die für den Berater schuften. Ein Kabinettsmitglied nach dem anderen schickte Johnson in den vergangenen Tagen in den Ring, um Cummings herauszuboxen. Am Sonntag stellte sich auch der Premierminister hinter seinen Berater und wies Rücktrittsforderungen zurück. Aber die Empörung über Cummings hielt an, und so wurde entschieden, dass sich die Hauptperson in diesem Corona-Nebendrama persönlich zu dem Vorwurf äußern soll, die Verhaltensauflagen verletzt zu haben.

          Eine halbe Stunde ließ er sein Publikum im Garten warten, dann setzte sich Cummings an einen Tisch, das weiße Hemd weit aufgekrempelt. Er erzählte eine lange Geschichte, in der er fortan „schwierige Entscheidungen in komplexen Situationen“ treffen musste. Als seine Frau Ende März Corona-Symptome entwickelte und er selbst mit einer Ansteckung rechnen musste, packte er sie und den vier Jahre alten Sohn ins Auto und fuhr aus London fast 500 Kilometer in den Norden, ins Haus seiner Eltern in der Grafschaft Durham.

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          Dort standen zwei Nichten bereit, sich notfalls um das Kleinkind zu kümmern. Die Familie konnte sogar ein eigenes kleines Haus auf dem Bauernhof beziehen und sich so isolieren. Er habe versucht, sich verantwortlich zu verhalten und die Risiken für andere zu minimieren, hob er immer wieder hervor. Ob der Trip einer Verletzung der Auflagen gleichkommt, bleibt eine Frage der Interpretation. Viele Briten hatten die „Stay at Home!“-Anweisung der Regierung sehr wörtlich genommen und das Haus selbst in Notfällen nicht verlassen. Aber Cummings kann sich auf das Kleingedruckte der Leitlinien berufen, wonach es erlaubt war, „gefährdete Personen“ zu versorgen, also auch Kleinkinder.

          Selbst wenn man Cummings Geschichte misstraut und den Tatbestand der Regelverletzung für gegeben hält, lässt sich kaum der Aufschrei erklären, der in den vergangenen Tagen durchs Land gegangen ist. Nicht nur Politiker und Kommentatoren, auch Professoren und Kirchenvertreter verstärkten den Chor derer, die nach Cummings Entlassung riefen. Er habe der Glaubwürdigkeit der Regierung geschadet und bewiesen, dass es ein Recht für die einfachen Leute gebe und ein anderes für Privilegierte, klagte die Opposition. Ein Verhaltensforscher an der schottischen St.-Andrews-Universität sprach sogar von einer „katastrophalen Untergrabung aller Anstrengungen“, die Infektion zu bekämpfen. Eine Folge sei, dass die Maßnahmen nun weniger effektiv seien und mehr Menschen stürben. So laut und maßlos wirkten die Vorwürfe, dass sich zumindest bei manchen der Eindruck einstellte, als bräche sich da eine über Jahre aufgebaute Antipathie Bahn.

          Johnson weiß, wie unbeliebt sein Chefberater ist, sogar in seiner eigenen Partei. Mehr als zwanzig Tory-Abgeordnete sprachen sich schon für Cummings’ Entlassung aus. Viele Tories sehen den parteilosen, oft arrogant auftretenden Chefberater als Giftstachel im Herz der Regierung. Manche Abgeordnete empfänden aber auch einfach nur Hass, weil sie Opfer seiner „scharfen Zunge“ geworden seien, gab ein Minister zu bedenken, der auf Cummings Seite steht. Zudem sei „Eifersucht“ im Spiel, weil der Chefberater Johnsons Vertrauen genieße und mehr Einfluss habe als andere, selbst Minister.

          Wie ein unsicher wirkender Angeklagter

          Der öffentlichkeitsscheue, geheimnisumwitterte und oft diabolisierte Cummings trat am Montag als unsicher wirkender Angeklagter auf, der zwar keine Reue zeigte, aber immer wieder einräumte, dass seine „vernünftigen“ Entscheidungen von anderen womöglich anders getroffen worden wären. Eindrucksvoll war seine Präsentation nur insofern, als sie vermutlich ihr Ziel erreichte. Der Höhepunkt der Affäre fühlte sich nach diesem Auftritt überwunden an.

          Gleichwohl hätte sich Johnson viel Ärger ersparen können, hätte er Cummings freundlich verabschiedet. Dass er den Unmut in seiner Partei auf sich nimmt, illustriert die enorme Bedeutung, die er seinem Berater zumisst. Um das zu verstehen, hilft nur ein kurzer Blick zurück. Als Cummings Ende 2015 die Leitung der Brexit-Kampagne übernahm, lagen die EU-Gegner fast hoffnungslos hinter den „Remainers“ zurück. Cummings entwarf eine Strategie, die viele traditionelle Euroskeptiker vor den Kopf stieß, und führte die Kampagne schließlich mit dem Slogan „Take back Control“ - und Boris Johnson als Galionsfigur - zu ihrem Überraschungssieg.

          Einen Namen in Westminster hatte sich Cummings schon vorher gemacht. Der oft hochfahrend auftretende Oxford-Absolvent galt als Kopf hinter den Reformen von Bildungsminister Michael Gove und legte sich schon damals mit dem „Establishment“ im Regierungsviertel an. Viele, vor allem Jüngere, sahen ihn ihm einen Erneuerer, der einen trägen Regierungsapparat modernisieren und Bildungs- und Sozialreformen vorantreiben wollte. Andere betrachteten ihn schlicht als Verrückten. David Cameron nannte ihn einen „Karrierepsychopathen“.

          Als Johnson ihn in die Downing Street holte, stand Cummings vor einer ähnlich ausweglosen Situation wie dreieinhalb Jahre zuvor. Johnson war an die Macht gekommen, weil er den Vollzug des Brexit-Referendums versprochen hatte, aber ihm fehlten die Mehrheiten dafür. Cummings Strategie war kühn, manche sagen: rücksichtslos. Er riet dazu, die Lage maximal zu eskalieren, um so entweder auf direktem Wege zum Erfolg zu kommen oder aber Neuwahlen zu erwirken, die Johnsons Machtbasis verbreitern würden.

          Schon in dieser Phase wurde Cummings´ Entlassung gefordert. Abgeordnete aller Parteien sahen ihn hinter den Manövern, die das Land an den Rand einer Verfassungskrise geführt hatten: von der Zwangsbeurlaubung des Parlaments, die der Supreme Court als rechtswidrig einstufte, bis hin zur Drohung, sich über den Parlamentsbeschluss zur Verlängerung der Austrittsfrist hinwegzusetzen.

          Aber Johnson stand zu seinem Berater – und dessen Husarenstück glückte. Nach drei Monaten war die Lage so verfahren, dass nur noch Neuwahlen halfen, die Johnson mit großer Mehrheit gewann. Sechs Wochen später unterzeichnete er die EU-Austrittsurkunde.
          Aus Johnsons Sicht ist Cummings der Mann, der das scheinbar Unmögliche möglich macht. Das ist ein wertvoller Dienst für einen Premierminister, der noch einiges vor hat. Johnson will die Regierungsmaschinerie umbauen und die Konservativen zur Partei des regionalen Ausgleichs und der sozialen Mobilität machen. Die bald beginnenden Aufräumarbeiten nach der Corona-Krise lassen diese Ziele fast unerreichbar erscheinen. Johnsons Hoffnung ruht auf Cummings.

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